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Ausstellungen: München · von Jolanda Drexler · S. 273 - 274
Ausstellungen: München ,

München
Feelings

Kunst und Emotion
Pinakothek der Moderne 08.11.2019 –04.10.2020

von Jolanda Drexler

Es leuchtet ein, dass die fortschreitende globale Vernetzung, Digitalisierung und Virtualisierung unserer Lebenswelt im Gegenzug eine Rückbesinnung auf die individuelle Subjektivität, eine Vergewisserung des eigenen Ichs mit all seinen Gefühlen und Emotionen nach sich zieht. Das spiegelt sich nicht nur in der Selfie-Kultur wider, das Thema Kunst und Emotion ist auch im Kunstdiskurs angekommen, desgleichen ließen sich Ausstellungsmacher davon inspirieren. So zeigte etwa das Haus der Kunst 2018 die gelungene Schau „Blind Faith – zeitgenössische Kunst zwischen Intuition und Kognition“ mit diversesten Positionen der Generation der Digital Natives.

Einen radikalen Schritt wagen nun Bernhart Schwenk und Nicola Graef, die Ausstellungskuratoren von „Feelings“, indem sie auf die übliche intellektuellkunsthistorische Aufbereitung und Heranführung verzichten. So gibt es weder einen Katalog noch Saaltexte, nicht einmal Werkschilder, geschweige denn Audioguides. Aber freilich: Am Ende der Ausstellung kann der Besucher auf einem Touchscreen einige Werke verifizieren, wie auch auf der Website der Pinakothek der Moderne knappe Erläuterungstexte zu jedem Exponat hinterlegt sind. Laut Schwenk dürfe sich der Besucher beim Gang durch die Ausstellung ganz auf seine Intuition verlassen, er werde ermutigt, den eigenen Maßstäben zu folgen, die individuell von Erinnerungen und Erfahrungen geprägt sind. Statt der erwarteten Bildung und Hochkultur sollen die Besucher hier einen „Zuwachs an Intensität, Erlebnis, Emotion und an Bewusstsein für diese Emotionen“ erhalten. Zu diesem Zweck haben die Kuratoren nach „subjektiven“ Kriterien über 80 Arbeiten ausgewählt, „die ausschließlich aus sich selber wirken“ – großenteils aus den eigenen Beständen, aber auch Leihgaben der Sammlung Goetz und aus privater Hand.

Gezeigt werden Bilder, Skulpturen, Installationen, Objekte, Filme und Fotografien. die etwa einen Zeitraum von 50 Jahren umspannen, geschaffen von 45 internationalen, teils sehr renommierten Künstlern, deren ältester Vertreter Vlassis Caniaris (1928 – 2011) und jüngster der 1984 geborene Thilo Jenssen ist. Den Kuratoren war es wichtig, jedem einzelnen Werk seinen „Entfaltungsraum“ zu geben. So kommt der Besucher einmal in einen großen, in dunklem Türkis gefassten Raum, in dem ein einziges kontrastierend rotlastiges Bild mit Wucht zur Geltung gebracht wird: „The Accident“ (1986) von Marlene Dumas. In einem anderen Raum dagegen passiert man dichte Fotoserien des Hamburgers Bernhard Prinz („Reine Wäsche“, 1984 / 8) und von Richard Prince (9 Werke aus „Cowboys and Girlfriends“, 1992), die in ihren gegensätzlichen Konzeptionen erstaunlich gut korrespondieren: hier strenge, an nationalsozialistischer Ästhetik orientierte Staged photography, dort aus Motorrad-Magazinen abfotografierte Motive mit ausgelassen posierenden jungen Frauen in Bikermontur.

Betritt man die Ausstellung, knallt einem eine signalrote Stellwand entgegen, gefolgt von weiteren, in verschiedenen Rotabstufungen gehaltenen. Den Auftakt macht ein kleines farbenfrohes Bild, das ein kleines, Ecke-stehendes Mädchen zeigt, was beim Betrachter eindeutig Gefühle der Verlassenheit und Ohnmacht evoziert. Von demselben Künstler, Stephan Melzl, stammt auch das letzte Bild der Ausstellung (beide „Geheimnis“ und „Spiel“ 2005): wieder eine Ecksituation, aber diesmal drängt eine vitale Frau ein nacktes Männlein hinein. Die meisten Werke in diesem großen, verschachtelten Raum sind von stark emotionaler Wirkung: häufig beschwören sie Einsamkeit, Ohnmacht, Missbrauch herauf – auch kaum noch erträglichen Ekel, wie das brutal entlarvende Video „Heidi“ (1992) von Paul McCarthy und Mike Kelley, das sich grauenvoll in Fäkalien und latentem Missbrauch ergeht. Auch Nathalie Djurbergs und Hans Bergs Animationsfilm „Turn into me“, 2008, verstört – trotz beschwingten Sounds und Knetfigurenoptik: Eine üppige Blondine stürzt Höchst befremdlich ist der Anblick eines lebensecht im Wald und wird langsam von Würmern zerfressen. aus Wachs geformten, rosigen Babys, das in einer Tragetasche vor einem Geldautomaten abgestellt ist. Bei der Recherche stößt man auf das Künstlerduo Elmgreen & Dragset und ihr aufschlussreich betiteltes Werk „Modern Moses“ (2006). Ist das Baby ein Opfer des haltlosen Kapitalismus, das dereinst zu Reichtum und Wohlstand gelangen soll? Unangenehme Gefühle lösen ebenfalls die großen Leinwandbilder (2006) von Heike Kathi Barath aus: ein fieser Lüstling oder eine stille Mädchengruppe, bestehend aus Opfer und böser Intrigantin.

Dreh- und Angelpunkt zu den übrigen Ausstellungsräumen ist der Flur mit zwei riesigen, soeben fertiggestellten Wandmalereien der „3 Hamburger Frauen“. Das vor Selbstbewusstsein strotzende, poppige Gruppenporträt, dem gemeinsame Fotosessions vorausgehen, setzt sich mit der Instagram-Generation auseinander. Eine Raumsituation mit skulpturalen Werken ist eindrucksvoll gelungen. Man nimmt eine satte Körperlichkeit der perfekt aufeinander abgestimmten Werke in nun stabilisierend blau gefasster Architektur wahr. Taktile Qualitäten besitzt Robert Morris’ Wandobjekt aus dunklem, schwer auseinanderklaffendem Industriefilz (1974). Es folgt Jan Albers’ brachiale Bearbeitung von Polystyrol (2019), die an Vandalismus denken lässt, aber zugleich durch Plexiglasrahmung und feinen Farbverlauf ziemlich ästhetisch daherkommt. Den Dialog ergänzt eine der berühmten Skulpturen in U-Form (2011) von Wade Guyton: in poliertem Edelstahl gegossene kühle Eleganz, die dennoch sehr sinnlich wirkt – und schließlich gegenüber ein graues Kissenbild von Gotthard Graubner. Diesen „Farbraumkörper“ hat er 1969 geschaffen, mithin das älteste Werk der Schau.

Dass nun ein junges Publikum in die Ausstellung strömt, ist nicht zu erwarten. Und wie steht es um den klassischen bildungsbürgerlichen Museumsbesucher mit seinen Ambitionen auf Wissensmehrung oder gar um den versierten Experten? Kann er die Chance auf einen unbelasteten Zugang zur Kunst nutzen, sich öffnen und die eigenen Gefühle und Emotionen zulassen, um sich dann vielleicht sogar der wachsenden, allseitigen Manipulierbarkeit bewusst zu werden?

www.pinakothek.de