Kunstforum-Gespräche · von Heinz Schütz · S. 326
Kunstforum-Gespräche ,

Feminismus und Avantgarde

Gabriele Schor, Direktorin der Sammlung Verbund, Wien

im Gespräch mit Heinz Schütz

2010 wird in der Galleria nazionale d’arte moderna in Rom erstmals die Ausstellung „Feministische Avantgarde der 1970er Jahre“ gezeigt. Ihre weitreichende kunsthistorisch-politische Bedeutung zeigt sich nicht zuletzt in ihrer Resonanz. Nach Rom wanderte sie nach Madrid, Brüssel, Halmstad (Schweden), Hamburg, London, Wien, Karlsruhe, Stavanger (Norwegen) und Brünn. Stationen in Barcelona, New York und São Paulo sind in Vorbereitung. Die Ausstellung basiert auf der von Gabriele Schor seit 2004 aufgebauten Sammlung des Wiener Stromkonzerns Verbund. Der Schwerpunkt der ständig wachsenden Sammlung liegt heute auf Kunst der ‚Feministischen Avantgarde‘. Wechselnde Ausstellungen in der Vertikalen Galerie im Wiener Firmensitz stellen Positionen von Künstlerinnen vor wie etwa gegenwärtig eine für den Ort konzipierte Louise Lawler Ausstellung, die den zweiten Schwerpunkt der Sammlung Wahrnehmung von Räumen und Orten betrifft.

Heinz Schütz: Warum baut ein Stromunternehmen wie Verbund eine eigene Kunstsammlung auf?

Gabriele Schor: Der gesamte Vorstand des Unternehmens will gesellschaftliche Verantwortung übernehmen und fördert daher Projekte in sozialen, sportlichen und kulturellen Bereichen. Das Engagement für die Kunst erfolgt nicht in herkömmlicher Weise durch Sponsoring, sondern durch tatsächliche ‚Kulturarbeit‘ innerhalb des Unternehmens. Die Entscheidung für den Aufbau einer Kunstsammlung steht für ‚Corporate Social Responsibility‘ bzw. für ‚Corporate Citizenship‘, wonach sich Verbund freiwillig wie ein aktiver „Unternehmensbürger“ an der Mitgestaltung gesellschaftlicher Entwicklung über seine wirtschaftlichen Interessen und Themen hinaus engagiert.

Wobei zweifellos auch PR-Strategien eine Rolle spielen. – Von welchen konzeptuellen Überlegungen gingen Sie bei der Anlage der Sammlung aus?

Zuerst war für mich die Frage wichtig, in welchem Jahrzehnt beginnt man zu sammeln. Ich entschloss mich für 1970, in diesem Jahrzehnt hat sich in der Kunst viel geändert. Die Aufbruchsstimmung der 68er-Bewegung und Civil Rights Movement, die Geisteshaltung der Postmoderne und des Feminismus wirkt in diesem Jahrzehnt. Performance, Film, Video und Fotografie gewinnen an Bedeutung.

Inwieweit können Sie unabhängig entscheiden? Wie stark ist der Einfluss des Konzerns?

Ich konnte mit dem Vorstand einen Deal vereinbaren. Pointiert gesagt: er kümmert sich um den Strom und ich mich um die Kunst. Der Vorstand redet bis heute nicht bei Ankaufsentscheidung mit. Das finde ich großartig, weil es mir kuratorische Freiheit gibt.

Im Kunstbetrieb geht es doch um Sichtbarkeit. Das schafft Bedeutung.

Gleich zu Beginn setzten sie ein zweiköpfiges internationales Kuratorium ein – warum?

Die internationalen Museumskuratoren waren vor allem am Anfang wichtig, nicht zuletzt als Door Opener, denn, wenn man nichts als eine „Vision“ hat, dann ist es nicht einfach, von Topgalerien wie etwa Marian Goodman eine wichtige Arbeit von z. B. Jeff Wall zu erhalten. Angesehene Galerien passen auf, in welche Sammlung die Werke gehen. Wir haben die Ankäufe zu Dritt entschieden und nach nur zweieinhalb Jahren haben wir bereits im Mai 2007 die erste Ausstellung im MAK mit einem umfangreichen Katalog gemacht.

Den Titel der Ausstellung Held Together With Water könnte man, zumindest auf den ersten Blick, durchaus als Verbund-Werbung lesen?

Ja, könnte man. Der Titel basiert auf einer Arbeit von Lawrence Weiner, die wir mit einem Augenzwinkern zum Unternehmen erworben haben, gewinnt doch Verbund seine Energie hauptsächlich durch Wasserkraft. Für mich ist die Arbeit, die im Verbund-Foyer am Terrazzoboden eingelassen ist, wie ein „Maskottchen“ für das Unternehmen, weil sie die einzige ist, die mit Wasser zu tun hat. Mittlerweile verstehen die MitarbeiterInnen: Wenn man nach zwanzig Jahren zurückschaut, sollte klar deutlich werden, wofür die Sammlung steht. Ich wollte ein Alleinstellungsmerkmal erarbeiten. Die Sammlung Verbund sollte sich von anderen Sammlungen unterscheiden.

Wie grenzten Sie sich ab?

Vor 15 Jahren waren großformatige Farbfotografien der Becherschüler ziemlich en vogue. Vor allem deutsche Sammlungen haben diese Arbeiten erworben. Damals dachte ich, machen wir doch einen Schritt zurück, konzentrieren wir uns u. a. doch auf die Zeit der Bechers und nicht ihrer Schüler, also auf die Siebzigerjahre, in denen das Medium Fotografie noch Neuland war und schauen wir, was damals insbesondere die Künstlerinnen gemacht haben.

Der Schwerpunkt ‚Feministische Avantgarde‘ war aber nicht von Anfang an geplant, ein Teil der Sammlung gruppiert sich auch um das Thema ‚Räume und Orte‘.

Die Sammlung umfasst Werke von drei Generationen von KünstlerInnen. Jene, die in den 1970er-Jahren jung waren, die mid-career KünstlerInnen und die junge Generation. Wir haben im Bereich der ‚Wahrnehmung von Räumen und Orten‘ beispielsweise die größte Sammlung von Fred Sandback, Gordon Matta-Clark und Louise Lawler, einige Werke von Bernd und Hilla Becher, aber auch der beliebte Yellow fog entlang der Fassade des Verbund-Gebäudes von Olafur Eliasson gehört dazu, oder die Fotografien der iranischen Künstlerin Tahmineh Monzavi, der jungen in Wien lebenden Künstlerin Sophie Thun sowie das Boot von Chiharu Shiota. Nach unserer zweiten Ausstellung in Istanbul in 2008, dachte ich mir, eine spezifische Themenausstellung wäre gut und so kam es 2010, dass ich den Begriff „Feministische Avantgarde“ geprägt habe und in Rom war dann die erste Station. Damals zeigten wir 200 Werke von 25 Künstlerinnen, heute haben wir etwa 600 Werke von 67 Künstlerinnen und wir arbeiten bereits an der dritten Ausgabe des Buches „Feministische Avantgarde“.

Die „Feministische Avantgarde“ ist weltweit auf Tour. Die Resonanz ist äußert beeindruckend. Es ist damit etwas gelungen, was Ausstellungen selbst von großen Museen kaum gelingt.

Museen sind auf hohe BesucherInnenzahlen angewiesen und haben einen Aufmerksamkeitsdruck, dem sie durch wechselnde Ausstellung begegnen. Museen sammeln eher in die Breite und Werke von bekannteren KünstlerInnen eines jeden Jahrzehnts. Unsere Maxime hingegen lautet: ‚Tiefe statt Breite‘. So haben wir beispielsweise 50 Werke von Birgit Jürgenssen, 50 Werke von Cindy Sherman, 30 Arbeiten von Renate Bertlmann und 27 Fotografien von Louise Lawler. Von den 80 Fotografien von Francesca Woodman sind 20 Vintages, die wir früh auf den Auktionen erworben haben, damals waren sie noch günstig zwischen 6.000 um 8.000 Dollar, heute kosten sie 50.000 Dollar.

So betrachtet ist die Sammlung für Verbund eine durchaus lukrative Kapitalanlage. Unabhängig davon: Feministische Avantgarde ist nicht nur ein Sammlungsund Ausstellungsprojekt, es beinhaltet auch Aspekte der Forschung. Ich denke dabei an die Publikationen, aber auch die Wiederentdeckung, respektive Entdeckung von Künstlerinnen.

Ja, es kommt vor, dass ich Künstlerinnen kontaktiere, die mir sagen, dass ihre Werke seit vierzig Jahren auf dem Dachboden lagern, und die ganz überrascht sind, dass ich Interesse daran zeige. So war es u. a. bei Renate Eisenegger. Entscheidend ist, dass nun ihre frühen Fotografien nicht mehr isoliert sind, sondern in einem internationalen Kontext um die Welt reisen. Es freut mich, dass wir auch Karrieren von Künstlerinnen fördern können, wie etwa von Birgit Jürgenssen oder Renate Bertlmann. Das Werk von Jürgenssen wird nun von vier internationalen Galerien vertreten. Bertlmann hat nach unserem ersten englischsprachigen Buch eine tolle Karriere erfahren: zwei internationale Galerien, den großen Österreichischen Staatspreis, erste Soloshow auf der Biennale Venedig 2019. Im Kunstbetrieb geht es doch um Sichtbarkeit. Das schafft Bedeutung. Und es gibt den Künstlerinnen der Feministischen Avantgarde auch ein gutes Selbstbewusstsein. Der Begriff streicht deren Pionierleistung hervor und schreibt sie zu Recht in eine männlich dominierte Kunstgeschichte ein, in die Geschichte der Avantgarden.

Die Künstlerinnen, die Sie unter dem Begriff „Feministische Avantgarde“ versammeln, konzentrieren sich immer wieder auf vergleichbare Mittel und Themen.

Es ist spannend zu sehen, inwiefern viele Künstlerinnen ähnliche ästhetische Strategien anwenden, ohne, dass sie kannten oder von ihren Werken Bescheid wussten. Sowohl in den USA, in Europa, Lateinamerika als auch in Asien beschäftigten sich viele Künstlerinnen mit ähnlichen Themen wie Festlegung auf die eindimensionale Rolle der Hausfrau, Ehefrau und Mutter, das Gefühl eingeschränkt zu sein und aus einem gesellschaftlichen Korsett ausbrechen zu wollen. Weitere Anliegen waren, Gewalt gegen Frauen aufzuzeigen, freie weibliche Sexualität einzufordern sowie das Schönheitsdogma zu hinterfragen.

Diese Künstlerinnen haben zum ersten Mal in der Geschichte der Kunst das ‚Bild der Frau‘ neu geschaffen und dies aus der Perspektive der Frau.

Mit einer frauenspezifischen Ikonologie wird auch ein neues selbstbestimmtes Frauenbild transportiert?

Das ist es, was diese Künstlerinnen vereint. Sie haben zum ersten Mal in der Geschichte der Kunst das ‚Bild der Frau‘ neu geschaffen und dies aus der Perspektive der Frau.

‚Feminismus‘ und ‚Avantgarde‘ werden von Ihnen ganz bewusst in Verbindung gebracht?

Das war mir wichtig. Es gibt viele Ausstellungskataloge der feministischen Bewegung der 1970er-Jahre. Begriffe wie „Revolution“ oder „Radical Women“ tauchen auf, etwa von Cornelia Butler „WACK! Art and the Feminist Revolution“, von Catherine Morris „We Wanted a Revolution: Black Radical Women 1965 – 85“, oder von Cecilia Fajordo-Hill und Andrea Giunta „Radical Women: Latin American Art, 1960 – 1985“. Diese Ausstellungen und Publikationen sind eine unglaublich wertvolle Recherchearbeit von großartigen Kuratorinnen. Natürlich war das damals eine Revolution, ein großes Aufbegehren und die Künstlerinnen waren radikal, subversiv und ironisch. Aber „Revolution“ ist ein soziologischer und politischer Begriff, „Avantgarde“ hingegen ist ein kunsthistorischer Begriff.

Bereits die Tatsache, dass Künstlerinnen trotz der patriarchalischen Strukturen ihren öffentlichen Platz beanspruchen und behaupten, ist ein politischer Akt. Eine andere Frage ist, inwieweit das Feministische dabei zum Thema der Kunst wird. Vielleicht könnte man sagen, was bisher vernachlässigt wurde ist, wie Künstlerinnen die avantgardistische Bewegung aus feministischer Perspektive vorangetrieben haben und damit eben ihren Beitrag zum Avantgardismus leisteten, der immer noch rückblickend vor allem mit Männern in Verbindung gebracht wird?

Die Künstlerinnen repräsentieren die Avantgarde, weil sie diese Art von Kunst zu dieser Zeit erstmals als künstlerische Bewegung schufen. Die Werke bringen eine existenzielle Notwendigkeit zum Ausdruck, die gegen die Gleichung „Frau = Mutter + Hausfrau + Ehefrau“ aufbegehrt. Diese Frauen wollten als Künstlerinnen anerkannt sein. Wie stark aber diese Gleichung war, wird deutlich, wenn ein Galerist es ablehnte Arbeiten von Renate Bertlmann zu zeigen. Er meinte zu ihr: „Warum soll ich ihre Werke zeigen, sie sind doch eh verheiratet.“ Oder Birgit Jürgenssen wurde von einem Assistenten, gut gemeint gefragt, warum sie sich mit den schweren Lithosteinen abschleppe, da sie doch eh bald heiraten wird.

Zumal bei Fotoarbeiten und im Kontext von Performances wurde immer wieder der eigene Körper ins Spiel gebracht. Eine der provozierensten Arbeiten stammt wohl von Lynda Benglis. Sie gab im Artforum eine Annonce auf, die sie nackt in einer Machopose mit Doppeldildo zeigt.

Die Annonce provozierte und polarisierte. Manche Personen meinten, sie schadet dem Feminismus, andere fanden sie großartig wie etwa Cindy Sherman. Sie studierte damals in Buffalo und fand es beeindruckend, dass eine Frau derartig provokant ihren Körper in die Kunst einbringt. Die Abbildung eines nackten Frauenkörpers wäre vertretbar gewesen, aber das absolute Tabu war es, sich die Macht der männlichen Sexualität anzueignen und dann noch ironisch zu brechen.

Die Künstlerinnen repräsentieren die Avantgarde, weil sie diese Art von Kunst zu dieser Zeit erstmals als künstlerische Bewegung schufen.

Es gibt avantgardistische Künstlerinnen, die sich nicht explizit als feministisch definieren.

Ja, z. B. Cindy Sherman ist eine Künstlerin, die nicht sagen würde „I am a feminist artist“, aber sie ist durchaus einverstanden, das ihr Frühwerk im Kontext der Feministischen Avantgarde der Siebzigerjahre eingebunden ist. Für diesen Schwerpunkt der Sammlung geht es mir darum, Werke von jenen Künstlerinnen aufzunehmen, die mit der Kombination ‚Feminismus‘ und ‚Avantgarde‘ kein Problem haben. Marina Abramović sagt ausdrücklich: „I am not a feminist artist“. Diese Ablehnung respektiere ich.

Künstlerinnen wählten immer wieder Fotografie, Performance und Video als Medium.

In den 1970er-Jahren emanzipierten sich Künstlerinnen von der männlich dominierten Malerei und wählten neue Medien. Margot Pilz etwa war bei der IntAkt (Internationale Aktionsgemeinschaft bildender Künstlerinnen), dort hieß es fast programmatisch: Vergesst die von Männern dominierte Malerei und wählt ein neues Medium, in das ihr euch einschreiben könnt.

Ein brisantes Thema, zumal in Wien, ist das Verhältnis des Wiener Aktionismus zu Künstlerinnen. Abgesehen von VALIE EXPORT wurden sie ziemlich ignoriert?

Selbst VALIE EXPORT hat sich, wie sie mir einmal erzählte, bei einigen Aktionen der Wiener Aktionisten bewusst zurückgehalten, weil es ein zu starkes männliches Umfeld war und sie keinen Entfaltungsspielraum fand. So erging es vielen Künstlerinnen damals.

Desto wichtiger ist das von Ihnen mit der „Feministischen Avantgarde“ betriebene Umschreiben der Kunstgeschichte. Wie erklären Sie sich die immens positive Resonanz?

Feminismus erlebt derzeit ein starkes Revival und die junge Generation konfrontiert sich mit dieser einzigartigen Bewegung der 1970er-Jahre und lässt sich inspirieren. Dies zeigt sich auch bei den jungen, selbstbewussten Netz-Künstlerinnen, die auf den sozialen Medien stark aktiv sind.

Neben der positiven Resonanz gibt es auch empörte Stimmen, zumal dann, wenn es um das Verhältnis von Genitalien und Religion geht. Wie reagieren Verbund und die MitarbeiterInnen im Haus, die ja in der Vertikalen Galerie täglich mit der Kunst konfrontiert sind?

Wir machen während der Arbeitszeit sehr viel Kunstvermittlung im Haus. Was zu Beginn provoziert, wird nach unserem Gespräch akzeptabler. Insofern empfinden viele Personen die Aktivitäten der Sammlung als Horizonterweiterung und verstehen, dass wir einen Beitrag zur Korrektur der Kunstgeschichte leisten.

Feministische Avantgarde der 1970er-Jahre. Werke von der SAMMLUNG VERBUND, Wien

CCCB – Centre de Cultura Contemporánia de Barcelona: 19. Juli – 1. Dezember 2019 International Center of Photography, New York (USA): Mai– September 2020; MAC – Museu de Arte Contemporânea da Universidade de São Paulo (Brazil): Oktober 2020 –Januar 2021

www.verbund.com