Ausstellungen: Stuttgart · von Hans-Jürgen Hafner · S. 319
Ausstellungen: Stuttgart , 2006

Hans-Jürgen Hafner

Irrlichtern…

»starship – Verdunklung/Darkening«

Künstlerhaus Stuttgart, 25.11.2005 – 29.1.2006

Schade. Was im Format ,Magazin‘ in der Gleichgewichtung von Text, Bild und Layout weitgehend funktioniert (und in jedem Fall einen sehr spezifischen Charme verbreitet), das vermittelt sich in der daraus entwickelten Ausstellungssituation nicht. Hintergrund: „starship“ ist Titel eines seit etwa acht Jahren sporadisch und in mehrfach relaunchten Layouts erscheinenden Berliner art-zines. Jedes Heft weist – trotz meist thematischer Klammerung – eine grund-sympathische Durchlässigkeit auf: für allerhand inhaltliches Divergieren aber auch für unterschiedliche Vermittlungsansätze in Text und Bild. Man gibt sich offen, etwa für solche Textformen und Schreibweisen, die sich um diskursive Regelbeherrschung eher weniger scheren. Zugleich praktiziert man ein – keineswegs nur unverbindliches – Nebeneinander von Künstler- und Kunsttheorie, von Quelle und Kommentar, der individuellen Unmittelbarkeit von Künstlerbeiträgen und DiY-mäßiger Informationsgestaltung.

„starship“ wird von KünstlerInnen gemacht – als Herausgeber firmieren seit längerem Hans-Christian Dany, Martin Ebner und Ariane Müller. Dass sich vieles im Heft primär mehr oder weniger an einen Insider-Zirkel aus Beteiligten und Sympathisanten richtet, liegt nahe (obwohl es seit einiger Zeit Unterstützung von der Kulturstiftung des Bundes und Vertriebsbacking durch den Revolver-verlag gibt). Trotzdem schafft es das kleine Heft immer wieder, pointiert Spektren zu umreißen und eine thematische Offenheit zu erzeugen. Ob Malerei-Roundtable oder Gender-Diskussion, ob erratische Bildstrecken oder subjektivistisch eingefärbter Antijournalismus: „starship“ behauptet sich auf jeden Fall als angeschrägter Materialien- und Modellanbieter in einer ansonsten weitgehend regulierten Diskurslandschaft mit ihren eng gesteckten Vermittlungsgepflogenheiten.

Gegenüber dem immer auch etwas obskur daher kommenden Charmes des Magazins kommt die, sagen wir, Promo-Schau, wie sie für die Ausstellungsetage des Stuttgarter Künstlerhauses eingerichtet wurde, ziemlich flau daher.

„starship Verdunklung/Darkening“ bezieht sich zwar auf die schon etwas länger zurück liegende Verdunklungsnummer (Heft-Nr. 6 Frühjahr 2004) und stellt eine Auswahl zum größeren Teil bereits im Heft veröffentlichter Arbeiten von 15 beteiligten KünstlerInnen vor. Doch schafft es die Schau weder, einen Eindruck von der Eigenart des Magazins zu vermitteln noch kann sie aus sich heraus als Ausstellung überzeugen. Denn dabei kollidieren Coolness und Ambition, kuratorisches Konzept und Arbeiten, Anspruch und Effekt. Kurz: es klafft und bröckelt an allen Ecken und Enden, ohne das auch nur ein Funken von Brisanz, Momente des Produktiven entstünden, wie sie die Vermittlung im Magazinformat durchaus und auf Basis ähnlicher Verfahren nahe legt.

Zuerst einmal fällt hier die Heterogenität der einzelnen Beiträge anders als im Magazin schon allein aufgrund der gleichzeitig klassischen wie betont kunstlos-faden Hängung bzw. Installation ins Auge – Stichwort Akademierundgang, wo man sich drauf geeinigt hat, dass diesmal jeder seinen Kram mitbringen und auch aufhängen darf. Bei so was hängt Großformatiges eben brav neben Minibildchen, Wandbild trifft auf Fotoserie und zwischen Zeichnung und Collagen eingeklemmt wird schnell noch etwas Hängefläche für ein Foto-plus-Objet-trouvé-Ensemble und umseitig wirft man eine Dia-Installation dran. Ist halt so, geht nicht anders – vermittelt dieses Bild und ließe sich vielleicht am ehesten unter dem Schlagwort Regression diskutieren.

Natürlich lassen sich Bezüge immer finden. Und wenn die hübsch geisterhaften und in verschiedenen Sprachen am Rand beschrifteten Mehrfachbelichtungen (?) von Henrik Olesen irgendwie ,Surrealismus‘ oder die „Vitrines“ von Tania Mouraud ,Eugène Atget‘ sprechen, dann passt auch Dirk Bells wunderbare Detail verliebte Zeichnungsanalyse nach Leonore Fini ins Bild. Bloß: wer hat da eigentlich noch Lust genauer hinzusehen? Zumal, wenn dann dazu die der Schau bemüht-blöd übergestülpte Lichtregie ins Spiel kommt: ein adrett in den Parcours eingefügtes Glühbirnensystem, die den Raum samt Exponaten ständig von Hell nach Dunkel dimmt. Weder ist die Idee ein Hammer (aber einschlägig: vgl. Man Rays berühmtes Verdunklungsdisplay der 1938er Surrealismus-Show), noch wird die Ausstellung durch diesen Kniff zu einer guten oder interessanten oder überhaupt zu ,einer‘ Ausstellung.

Aber was Verdunklung meint, das erleben wir dabei mehr als uns lieb sein kann. Und wir erleben’s sogar mehrmals, wenn wir uns wirklich alle Arbeiten der Schau ansehen wollen und die Tatsache, dass es dunkel wird, die verstehen wir dann auch. Aber ob wir das wirklich wissen möchten? Ob hier Pädagogik Vater des Gedankens war oder was anderes? Auf „starship“, das Magazin, wirft diese Ausstellung jedenfalls nicht gerade das beste Licht.

von Hans-Jürgen Hafner

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