Magazin: Bücher · von Ingo Arend · S. 413
Magazin: Bücher , 2003

Parasiten

Ich und Kaminski – schon im Titel von Daniel Kehlmanns viertem Roman wird jener Vorrang der Rezeption vor der Kunst behauptet, der aus der Welt der Kunst das viel gescholtene „Betriebssystem Kunst“ gemacht hat. In ihm weiß man nicht mehr viel von Kunst selbst, wohl aber, wie man Positionen besetzt, Bedeutung markiert, Signale setzt und sich eine Karriere bastelt. Sebastian Zöllner, der Held von Kehlmanns schmalem Band, ist der Prototyp des ebenso dreisten wie ignoranten Strategen in diesem Betriebssystem. Er plant eine Biographie über Manuel Kaminski, einen in Vergessenheit geratenen Maler vom Beginn des vorigen Jahrhunderts. Als Kritiker hat Zöllner nicht viel zu bieten. Er ist durch eine Kette von Zufällen in den Journalismus gerutscht. Schon in der Universität hat er seine Referate aus dem Lexikon abgeschrieben. Nicht ein theoretisches Interesse treibt ihn zu dem Biographie-Projekt, sondern die Hoffnung auf ein Sprungbrett ins System. Man würde, so hofft dieser aufdringliche Taugenichts, ihn nach Erscheinen seines Buches ins Fernsehen einladen, über ihn sprechen „und am unteren Bildrand würde in weißen Buchstaben mein Name und Kaminskis Biograph eingeblendet sein. Das würde mir einen Posten bei einem der großen Kunstmagazine einbringen.“

Man sieht schon: Ich und Kaminski ist kein klassischer Künstlerroman. Es geht Kehlmann nicht darum, mit Hilfe der fiktiven Biographie eines Malers, über den Breton einen „begeisterten Artikel“ schrieb und dem Picasso drei Bilder abgekauft hat, etwa die Frühzeit der Moderne neu aufzurollen. Kehlmann will auch keinen Schlüsselroman schreiben. Selbst wenn ihm für Manuel Kaminski erkennbar die Figur des 1908 geborenen Malers Balthazar…

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