Nachrichtenforum: Aktionen, Pläne & Projekte · von Jürgen Raap · S. 412
Nachrichtenforum: Aktionen, Pläne & Projekte , 2008

Dortmund: Satelliten

Vereint marschieren, getrennt ausstellen – das ist das Motto der Berlin-Stuttgarter Künstlergruppe „Die Weißenhofer“ mit ihren derzeitigen Ausstellungsauftritten in Dortmund. Mit ihrem Projekt „Satelliten“ schließen sich erstmals die vier wichtigsten Dortmunder Ausstellungsorte zu einer Kooperative zusammen. Die dreiköpfige Gruppe nutzt bis zum 18. Mai 2008 das Künstlerhaus Dortmund als „Basislager“. Zeitgleich finden Einzelausstellungen von Matthias Beckmann in der Ev. Stadtkriche St. Petri („Das Goldene Wunder“, Zeichnungen), Jörg Mandernach im Dortmunder Kunstverein („sedimente 01“, Installation) und von Uwe Schäfer im Museum am Ostwall („warten IV /Gestrüpp“) statt.

Berlin: Space Thinks

Zwischen April und November 2008 findet im öffentlichen Raum von Berlin-Neukölln wieder das Projekt „space thinks“ statt. Für das Konzept zeichnen Birgit Anna Schumacher und Uwe Jonas verantwortlich. Acht Künstler unternehmen Interventionen in die „vielschichtigen Kontexte der Lebensräume“. Im „stadt- und raumsoziologischen Diskurs“ bedeutet „Spacing“, dass „derselbe Raum“ sich „völlig unterschiedlich konstituiert und anders definiert wird, je nachdem von welcher Gruppe (community) er wahrgenommen und belebt wird…” Die Künstler „verzichten bewusst auf punktuelle Inszenierungen und stark skulptural geprägte künstlerische Ausdrucksweisen”. Die Veranstaltung startet im April 2008 mit einem Workshop, zu dem als Referenten Dr. Dorothea Kolland (Kulturamt Neukölln) und Sergej Stötzer (TU Darmstadt) eingeladen sind. Künstlerliste: Etienne Boulanger, Franz Höfner & Harry Sachs, Folke Köbberling & Martin Kaltwasser, Schumacher & Jonas. Weitere Infos unter www.space-thinks.de.

Projekt Synagoge Stommeln 2008

Maurizio Cattelan setzt in diesem Jahr das Projekt Synagoge Stommeln mit einer neuen, ortspezifischen Installation fort, die er eigens für den außergewöhnlichen Kunst-Raum konzipiert hat. Für Stommeln hat der Künstler eine zweiteilige Arbeit entwickelt, in der Religion und Geschichte gegen die überlegene Macht des Todes ankämpfen: Am ursprünglichen Ort, aber auch über dessen Grenzen hinaus im öffentlichen Raum – und zwar an der alten Kirche in Stommeln, die erstmals ein Werk zeitgenössischer Kunst beherbergt – befragt Cattelans Werk die Möglichkeiten und Grenzen der Religion. Die Ausstellung in der ehemaligen Synagoge in Pulheim-Stommeln im Nordwesten Kölns ist vom 1. Juni bis 10. August 2008 zu sehen. Eröffnung ist am Sonntag, den 1. Juni 2008, um 12 Uhr.

Zusammenarbeit

Künstler gelten oft als monomanische Eigenbrötler. Dass sie über Jahre ohne Streit fruchtbar zusammenarbeiten, kommt selten vor. Seit sich in den 1970er Jahren die beiden Schweizer Künstler Martin Schwarz und HR Giger begegnet sind, gehen sie trotz unterschiedlicher Auffassung in manchen künstlerischen Fragen respektvoll miteinander um. 1984 kam es zu einer Phase intensiver künstlerischer Zusammenarbeit. Die damals entstandenen Bildwerke hat jetzt der EigenArt-Verlag in einem Katalog dokumentiert und auf der jüngsten Leipziger Buchmesse vorgestellt. Anlass der Publikation ist das zehnjährige Bestehen des HR Giger-Museums in Gruyères.

Berlin: Performing Arts Festival

Zum sechsten Mal veranstaltet das Haus der Kulturen der Welt vom 11.-21. Juni 2008 das internationale Performing Arts Festival IN TRANSIT. In einer inhaltlichen Neuausrichtung werden unter dem Motto „Singularities / Einmaligkeiten“ warden erstmals verschiedene Disziplinen einbezogen: Die Teilnehmer kommen aus den Bildenden Künsten, dem Theater und dem Tanz zur Performance. Insgesamt werden 100 Künstler und Theoretiker die Voraussetzungen ihrer Arbeit reflektieren: die Dynamiken einer kapitalisierten, globalisierten Welt. IN TRANSIT 08 steht zudem unter einer neuen künstlerischen Leitung: Der Kurator André Lepecki von der New Yorker Tisch School of the Arts stellt in Zusammenarbeit mit der Dramaturgin Silke Bake circa 30 Produktionen, Installationen und Lectures von Künstlern aus den verschiedensten Regionen der Welt und aus den unterschiedlichsten künstlerischen Bereichen vor. Information unter www.hkw.de.

Bayreuth: Parallelaktion

In Finanzämtern interessiert man sich für Kunst gemeinhin unter dem Aspekt, ob es sich dabei um steuerlich bedeutsame Vermögenswerte handelt. Auch wer dort bangen Herzens seine Steuererklärung abgibt, erwartet kaum Museales an den Wänden. Für das Finanzamt Bayreuth, im imposanten Alten Schloss gelegen, ist es daher ein absolutes Novum, seine Räume nun für zeitgenössische Kunst zu öffnen. Elf Künstler nutzen vom 14. April bis zum 16. Mai 2008 die Gänge und Säle im Haus, aber auch den Platz vor dem Gebäude für die Präsentation einzelner Werke und komplexer Installationen. Es wird jedoch keine beliebige Hängung geboten, wie man sie von anderen non-musealen Orten kennt, sondern ein ortsbezogenes Konzept, bei dem die beteiligten Künstler „die Gegebenheiten, Anmutungen, Animositäten und Kuriositäten der Behörde“ reflektieren.

Wiesbaden: Sommerlabor

Schon vor vielen Jahren gab die Kirchengemeinde Wiesbaden-Erbenheim ihr Gotteshaus auf. Seitdem nutzen die beiden Kunstsammler Ute und Michael Berger („Harlekin Art“) das Gebäude als „Fluxuskirche“ und „Kirche des Humors“. Regelmäßig finden hier Ausstellungen und Fluxus-Festivals statt, Performance-Events, Seminare, Künstlerfeste und Veranstaltungen zur Geschichte und Soziologie der Humorkultur. Für den Sommer 2008 ist ein Labor „Fluxkids“ angekündigt. Es richtet an Kinder in drei Altersgruppen. Sie werden unter der Leitung von Axel Schwepppe durch „erfahrene professionelle Künstlern“ in den Sachen „Kreativität und Selbständigkeit“ gefördert. Das Programm umfasst „Kunst, Musik, Spiele, Sprache, Forschen und Entwickeln“.

Köln: Stattmuseum

Köln bekommt ein neues Museum: Im Stadtteil Sülz eröffnete am 30. Mai 2008 das Stattmuseum seine Pforten. Trägerverein ist die lokale Künstler-Initiative AKT 1 Köln e.V. Die Gründer begreifen ihr Projekt nicht als „Gegenmuseum“ oder „alternatives Museum“, sondern als „Ergänzung“ zum Programm der städtischen Kunstmuseen. Damit bewegt sich ihre Konzeptidee an einer Schnittstelle zwischen den „Künstlermuseen“ und den Institutionen zur Bewahrung und Präsentation hochkulturell bedeutsamer Überlieferungen. Die Beiträge zur ersten Ausstellung mit dem Titel „Statt Körper“ wählte eine Jury unter den Einreichungen diverser Künstler aus. Dabei geht es um künstlerische Körperdarstellungen im weitesten Sinne. Beteiligt sind auch junge Künstler der „Freien Akademie Köln“. Die Förderung von Newcomern der Szene soll auch bei den weiteren Ausstellungen einen wichtigen Schwerpunkt im Programm des Stattmuseums bilden. Die zweite Ausstellung findet im September 2008 im Rahmen der „polylog-Biennale“ mit Kunst aus Kölns Partnerstädten in der Mittelmeerregion statt. Zu diesem Anlass wird der Bildhauer Peter Mönnig zusammen mit jungen Künstlern ein Projekt entwickeln.

Opernskulptur „Dorle“

Die Künstlerin Christine Berndt hat für den ehemaligen Grenzwachturm an der Puschkinallee von Berlin Treptow-Köpenick die Opernskulptur „Dorle“ entwickelt. Die Installation kombiniert eine Dokumentation der DDR-Geschichte mit zeitgenössischer Musik und „architektonischer Intervention“. Der alte Wachturm „bildet den Rahmen für die Biografie einer Frau, deren Familiengeschichte“ als typisches Fallbeispiel für die jüngere deutsche Geschichte gelten kann. Eine Ausstellung, die sich über drei Ebenen erstreckt, breitet mit Ausschnitten aus alten Wochenschauaufnahmen per Video und mit Tagebuchnotizen in Form eines Textbandes die fiktive Biografie der Figur „Dorle“ und ihrer Zeitgeschichte vom Zweiten Weltkrieg bis zum Ende der DDR aus. Im Zentrum der Präsentation steht die Aufnahme eines 20minütigen Librettos (Komposition: Helmut Oehring, Gesang: Natalia Pschenitschnikowa). Zur Vernissage wurde die Komposition live aufgeführt. Ausstellung bis 8. Juni 2008.

Torhausprojekte

Das spätgotische Torhaus von Burg Eisenhardt in Belzig (Brandenburg) dient künftig als „Handlungsort“ für „prozessuale Installationen, mediengestützte und performative Kunst“. Die „Torhausprojekte“ werden von der Bildhauerin Susken Rosenthal kuratorisch und organisatorisch betreut. Die Pilotveranstaltung „Kaltstart“ bestritten die Künstler Christian Hasucha, Sibylle Hofter, Norbert Radermacher und Jörg Schlinke. Hasucha konstruierte im Innenhof einen 5m langen balkenförmigen Hohlkörper, den er auf Gerüsten und Böcken lagerte. Mit ihrem Umriss passte diese Skulptur exakt durch die Fenster im alten Gemäuer und konnte solchermaßen ins Innere geschoben werden. Während der Ausstellungsdauer verschob der Künstler dieses Gebilde exakt 42 cm pro Tag durch sämtliche Räume des Gebäudes und dann wieder durch ein Fenster nach draußen, wo er die Skulptur wieder in ihre Bestandteile zerlegte. Sibylle Hofter stellte einen „Einzeller“ in Form einer überdimensionalen Polypropylen-Gewebeblase aus. Norbert Radermacher platzierte seine verspiegelten „Gefäße“ in einer Wandnische über dem Torbogen und zeigte dazu außerdem noch einen Videofilm Aufnahmen, wie sich der Berliner Autoverkehr in diesen Gefäßen spiegelt. Auch Jörg Schlinke beteiligte sich mit einer Videoinstallation: Sie war rotierend konzipiert und bot Bilder von einem Fackelläufer, der permanent auf einer ringförmigen Projektionsfläche im Kreis läuft.

Nothing To Declare

Dorothee Messmer, Sibylle Omlin sowie Barnaby Drabble kuratieren ein Projekt mit dem Titel „Nothing to declare“. Es findet bis zum 22. Juni 2008 an verschiedenen Orten in den Anrainerstaaten des Bodensees satt: im Zeppelin Museum, im Kunstverein und im öffentlichen Raum von Friedrichshafen, im Kunstraum Kreuzlingen und im Künstlerhaus Palais Thurn und Taxis von Bregenz. Die Veranstaltung soll künftig alle drei Jahre stattfinden und sich als „Oberschwaben-Triennale“ im Dreiländereck Deutschland-Schweiz-Österreich etablieren. Künstlerliste für 2008: Lida Abdul, Carla Ahlander, The Atlas Group, Thom Barth, Otto Berchem, Karolin Bräg, Nathan Coley, com & com, Raphael Cuomo / Maria Iorio, Martin Dammann, Beth Derbyshire, Hans Ruedi Fricker, Rainer Ganahl, Per Hüttner, Andrea Iten, Ruediger John, San Keller, Christoph Konzett, Martin Krenn, Anne Lorenz, Kurt Matt, Yves Mettler, Chantal Michel, Alexander Odermatt, Oliver Ressler, Atelier für Sonderaufgaben (Frank & Patrik Riklin), Christof Salzmann, Eran Schaerf, Christian Schwager, Ulrike Shepherd, Roman Signer, steffenschöni (Karl Steffen / Heidi Schöni), Ernst Thoma, Sofie Thorsen, Myriam Thyes, Richard Tisserand, Kerstin Wagener, Zoe Walker / Neil Bromwich, Georg Winter, YKON (Sasha Huber, Tellervo Kalleinen, Oliver Kochta-Kalleinen, Petri Saarikko, Tomas Träskman).

Darmstadt: Waldkunst

Ute Ritschel kuratiert auch in diesem Jahr wieder für den Darmstädter „Verein für Internationale Waldkunst e.V.“ ein Projekt auf dem Waldkunstpfad am Böllfalltor. Das aktuelle Motto lautet „Kreisläufe und Systeme“. 15 eingeladene Künstler thematisieren „ökologische Einflüsse mit Mitteln der Kunst“. Großen Wert legt die Kuratorin auf Beiträge mit „Interaktionen zwischen Betrachter und Kunstwerk“. Das Projekt beginnt am 11. August 2008 mit einem 18tägigen Symposion. Vernissage für die fertigen Arbeiten ist am 30. August 2008. Infos: www.waldkunst.com.