Ausstellungen: Bonn · von Reinhard Ermen · S. 336
Ausstellungen: Bonn , 2010

Reinhard Ermen

Von Außen betrachtet

»Linie. Line. Linea. Zeichnung der Gegenwart«

Kunstmuseum Bonn, 11.2. – 16.5.2010

Wo und wie auch immer die Zeichnung besichtigt wird, die Frage, um was es sich dabei eigentlich handelt, muss gestellt werden, nur so erschließt sich das Energiepotential der Gattung. In diesem Falle konzentriert sich die Antwort schon im Titel auf eine eingeführte Position: Die Linie! Dass damit keinesfalls eine Einschränkung gegeben ist, sondern die Fülle des Grundsätzlichen, belegt diese von Volker Adolphs kuratierte Ausstellung in ihrer möglichen Vielfalt. Zum Beispiel in den Bilderromanen von Alexander Roob, der uneingedenk klassisch anmutender Resultate, Grenzerfahrungen als System kultiviert, indem er die eigene Wahrnehmung als Wahrnehmung zeichnet und dabei (um Roobs ehrgeizige Terminologie zu nutzen) die „Linie nicht führt sondern versorgt“. Die 126 Blättern von „Marcel I“ (1999) transportieren in diesem Sinne ein episches AnSich von Bewegungsabläufen, Ortswechseln und Einstellungen in einem Kontinuum mit gelegentlichen Gedankensprüngen, wie ein paradigmatisch-didaktischer Stummfilm, der partiell durch optische Leitmotive zusammen gehalten wird. Lassen die reflektierten Betrachter sich darauf ein, sind sie auch schon mitten im vielsprachigen Diskurs, der durch die Frage nach der Linie in Gang gesetzt wird. Linie? Bei Katharina Hinsberg hat sie sich ohnehin verräumlicht, ja partiell in Leerraum aufgelöst, um auf diese Weise noch elementarer da zu sein. Wo sie auf andere Art verschwindet, etwa in den verschatteten Wiedergängern von Gerhard Faulhaber, der seine „Immigrants“ durch Wärmebild­ -und Röntgen­kameras findet, ist sie als körnige Verwischung anwesend und selbst in den Transparentpapieren der Theresa Lükenwerk, die Techniken des Farbdrucks nacherlebt, ist sie doch noch als Punkt, und vielleicht schon als Neudefinition mit wahlverwandten Funktionen anwesend.

Das Auf und Ab, das Sein und NichtSein von Zeichnung und Linie ernährt das Konzept, die allgegenwärtige Gattungsfrage erscheint alt und neu zugleich. Eine Ausstellung allein für die aktuellen Bedürfnisse des Hauses, wo es bis vor kurzer Zeit noch die rühmliche Reihe „Zeichnung Heute“ gab, würde man allerdings etwas deutlicher akzentuieren, die Tatsache, dass man sich im Kunstmuseum Bonn so allgemein wie grundsätzlich formuliert, hat einen einfachen Grund. Mit dem Institut für Auslandsbeziehungen (ifa) wird sie in den nächsten Jahren um die Welt reisen und einen Einblick in die ‚deutsche’ Zeichnung vermitteln; der „Linie“ wird mit dem Blick über die kommenden Grenzen noch „Linea“ und „Line“ mitgegeben. Das Projekt ist damit Teil eines ambitionierten Austauschbetriebs, der jährlich etwa 40 Ausstellungen in die Welt schickt, „monografische und thematische Ausstellungen informieren weltweit über Bildende Kunst, Fotografie, Film, Architektur und Design in der deutschen Kunst des 20. und 21. Jahrhunderts – von Otto Dix über Rosemarie Trockel bis hin zu Thomas Demand.“ (Pressetext ifa) „Linie“ dürfte darunter eines der umfänglicheren Unternehmungen sein. Die Auswahlkriterien sind offen, wie die Szene, die sie abbildet, angestrebt ist ein Überblick zur „Zeichnung in Deutschland“, was Künstler, die hier arbeiten, wie Fernando Bryce und Marcel van Eeden mit einschließt. Insgesamt 20 Positionen sind versammelt, für eine Übersicht sind das fast noch zu wenig, für eine konzentrierte Ausstellung, ohne repräsentative Aufgaben, wäre das zu viel. Gerade diese Außenperspektive, die nur schwer auf den Punkt zu bringen ist, macht die Wahrnehmung der Ausstellung hierzulande aber besonders reizvoll. Bekanntlich sind die Mentalitätsunterschiede schon beim Grenzübertritt nach Frankreich riesig. Wie sieht, das Ausland, das es als eine solche geschlossene Größe ja gar nicht gibt, diese Arbeit an der Linie?

Neben der linearen Seinsfrage macht sich ein meisterlicher Zug bemerkbar, sei es die naturgewordene Linienführung von Nanne Meyer, die ihre Wahrnehmungen gelegentlich auch übereinander legt und so zu komplexen Räumlichkeiten gelangt oder die dekorative Lust der Amplitudenstudien der vielgeliebten Jorinde Voigt. Meisterlichkeit, um diesen Behelf für eine staunensmachende Souveränität des Mediums und seiner Protagonisten noch einen Augenblick in der Luft zu halten, tritt auch auf mit katastrophischem Unterton, als gleichsam ‚explodierende’ Kollage bei Marc Brandenburg, oder als Trauminneres bei Christian Pilz, wo Treppen, Maschinen, Möbel und Anderes über die Transmissionsriemen eines horror vacui generiert werden. Wer genau hinsieht, erkennt in den manieristischen Miniaturen des Ralf Ziervogel die sadistischen Szenarien von Lust und Schmerz oder sieht Kristalle so spitz, dass man sich dran verletzen könnte. Möglicherweise sind die Teppichstrukturen, die Pauline Kraneis in ein Großformat bannt (Ghashgai, 2005 Bleistift auf Papier 173 x 330 cm), ein Thesaurus pictus, der die Linie fast in die Selbstverleugnung zwingt. Am Rande solcher Pracht siedeln die Asketen der Kunst, wie bei dem Zauderer German Stegmaier, bei dem jeder Strich zu seinen, oft über Jahre gewachsenen, Organismen abgezählt korrigiert und mit äußerster Vorsicht eingelagert wird. Die der Natur abgelauschten Studien der Christiane Löhr sind von einer atemberaubenden Kargheit, die Bewegung gefriert im Machen, die Strukturen liegen da, fast wie unberührt; die Zeichnung scheint ganz leise zu seufzen!? In Monika Brandmeiers Grundsatzbeiträgen formuliert sich ein synkopischer Eigensinn. Vielleicht sind das Skulpturen, – nicht Bildhauerzeichnungen sondern zweidimensionale Plastiken aus Linien, Farben und Fundstücken.

Katalog mit Essays von Volker Adolphs und Clemens Krümmel, sowie (kurzen) Einzeltexten zu den Künstlern. 144 Seiten, Euro 26,-