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Titel: Kann KI Kunst? AI ART: Neue Positionen und technisierte Ästhetiken - 1 — AI ART aus Sicht der Theorie · S. 122 - 127
Titel: Kann KI Kunst? AI ART: Neue Positionen und technisierte Ästhetiken - 1 — AI ART aus Sicht der Theorie ,
Titel: Kann KI Kunst? AI ART: Neue Positionen und technisierte Ästhetiken - 1 — AI ART aus Sicht der Theorie

Vorwärts!

Die Zukunft des AI Designs
von Lars Harmsen

Vor einiger Zeit habe ich zufällig einen Artikel gelesen, der sich mit einem Disput zwischen Victor Hugo und Charles Baudelaire beschäftigte. Es ging darin, so erinnere ich mich zumindest, um das ewig aktuelle Thema: Fortschritt in der Kunst. Nach mühsamen Recherchen (wieder mal kein Bookmark gesetzt!), habe ich den Text jetzt erneut aus den Tiefen des Netzes gefischt. Bei der nochmaligen Lektüre war ich erstaunt, dass in der Diskussion der beiden Künstler aus dem 19. Jahrhundert Positionen verhandelt wurden, die auch für die Frage nach der Bedeutung der Künstlichen Intelligenz für Kunst & Design in der Gegenwart relevant sind.

Paul du Rel unterscheidet in seinem Essay „Baudelaire et le mythe du Progrès“ (deutsch: Baudelaire und der Mythos des Fortschritts)1 zwei Gruppen von Künstlern, die Romantiker und die Postromantiker, die über mehrere Jahrzehnte nach der Französischen Revolution und der Julirevolution mit ihren Ideen dazu beigetragen haben, die Fragen nach dem Fortschritt in der Kunst zu problematisieren und weiterzuentwickeln.

Aufseiten der Postromantiker verortet er Victor Hugo, der mit „Les Misérables“ wohl das vollendetste Manifest der Mythologie des Fortschritts geschrieben hat. Darin verkündet er: „Kunst um der Kunst willen mag schön sein, aber Kunst um des Fortschritts willen ist noch schöner. […] Einige reine Kunstliebhaber, die von einem Anliegen bewegt werden, das seine eigene Würde und seinen eigenen Adel hat, lehnen diese Formel der Kunst für den Fortschritt, die nützliche Schönheit, ab, weil sie befürchten, dass das Nützliche das Schöne entstellen könnte. […] Ah, sie irren sich“.2

Jede Revolution bringt ihren eigenen Umbruch. Und ihre eigenen Unsicherheiten. Weil es um etwas Neues geht, das noch nicht wirklich greifbar ist. Wenn ein*e Künstler*in oder Designer*in Grenzen überschreitet und Kunst schafft, die sich nicht in etablierte Stile einordnen lässt, entsteht eine ganz neue Schule (wie z. B. durch Wassily Kandinsky oder Pablo Picasso in der Kunst und Wolfgang Weingart oder David Carson in der Typografie). Auch Computerkunst hat revolutionäres Potenzial. Sie lässt sich nicht konsequent den etablierten Stilen zuordnen. Sie verschiebt die Grenzen der Kunst und des Designs – im Idealfall – nach vorne. Heute erschaffen Computer eine außergewöhnliche Welt aus Bildern, Klängen und Geschichten, die wir so bisher noch nie erlebt haben. „Statt zu fragen, ob Maschinen kreativ sein und Kunst produzieren können, sollte die Frage lauten: ‚Können wir Kunst schätzen, von der wir wissen, dass sie von einer Maschine gemacht wurde?‘“3

Baudelaire stand dem Fortschritt kritisch gegenüber. Während Hugo die Emanzipation der Menschheit durch den künstlerischen Motor angetrieben sieht, empfindet Baudelaire die Fortschrittsgesellschaft als dekadent. Paul du Rel beschreibt, wie ambivalent Baudelaire gewesen zu sein schien: „Seine ‚Modernität‘ – eine ästhetische Haltung – definiert sich durch seine ‚Widerspenstigkeit‘ gegenüber der modernen Welt in den meisten ihrer Formen: dem bürgerlichen Materialismus, dem Urbanismus, der demokratischen Brüderlichkeit, mit einem Wort, dem Fortschritt oder, genauer gesagt, dem Fortschrittsdogma, dem Fortschrittsglauben, der durch die Presse, die Fotografie, die Stadt und so viele andere Aspekte der Moderne symbolisiert wird, gegen die sich Baudelaire gleichzeitig sträubt, während er sich an ihnen erfreut.“

An dieser Stelle schweifen meine Gedanken ab. Ich frage mich, ob ich mich eher den Romantikern zugehörig fühle oder doch ein knallharter Postromantiker bin. Empfinde ich die Dynamik der Gegenwart als störend oder sehe ich vor allem die Chancen? Und: Wie sehr verbinde ich Fortschritt mit Technik? Welche Rolle spielen Kunst und Design in diesem Fortschritt: Keine? Nur eine geringe? Oder doch eine bedeutungsvolle?

Paul de Rel zitiert aus einem Brief von Baudelaire an Hugo vom 6. Oktober 1859: „[…] in einer Zeit, in der sich die Welt mit solchem Schrecken von der Kunst entfernt, in der die Menschen sich von der ausschließlichen Idee der Nützlichkeit verdummen lassen, denke ich, dass es nicht schadet, ein wenig in die entgegengesetzte Richtung zu übertreiben“. Daraufhin antwortet Hugo: „Sie irren sich nicht, wenn Sie eine gewisse Uneinigkeit zwischen Ihnen und mir voraussehen […] Ich habe nie gesagt: Kunst um der Kunst willen; ich habe immer gesagt: Kunst um des Fortschritts willen. Im Grunde ist es dasselbe, und Ihr Geist ist zu durchdringend, um es nicht zu spüren. Vorwärts! ist das Wort des Fortschritts; es ist auch der Schrei der Kunst. […] Die Schritte der Humanität sind also die Schritte der Kunst selbst – daher: Ruhm dem Fortschritt. Es ist für Progress, dass ich in diesem Moment leide und dass ich bereit bin zu sterben.“

Wow! Vorwärts also?! Vor Kunst und Design fürchte ich mich nicht. Die neuen Möglichkeiten und künstlerischen Ausdrucksformen sind gewaltig und eröffnen ungeahnte Felder. Es war schon immer interessant, mit neuen Technologien zu spielen, ihre Grenzen auszuloten und zu erweitern. Aber gleichzeitig war und ist diese Technologie immer auch ein mächtiges Werkzeug in den Händen der Technokraten. KI frisst sich krakenhaft in all unsere Lebensbereiche hinein, verändert Politik und Ökonomie, beeinflusst unseren Alltag.

Fortschritt in Kunst und Design bedeutet immer wieder neu danach zu fragen, wer und wie wir sein oder auch nicht sein wollen.

Würde Victor Hugo heute noch ebenso laut „Vorwärts“ rufen? Oder würde er zweifeln und beispielsweise fragen, ob KI überhaupt mit den langfristigen Interessen der Menschheit vereinbar ist? Oder: Ob wir einem System vertrauen können, das unser Verständnis von Komplexität massiv übersteigt? Oder: Welche grundlegenden Rechte brauchen wir, damit wir die Datensätze, Algorithmen und Prozesse hinterfragen können, die verwendet werden, um Entscheidungen in unserem Namen zu treffen? Die Liste der Fragen ist endlos.

Vor mehr als 2.000 Jahren machte sich der griechische Philosoph Platon in seinem Werk „Menon“ Gedanken darüber, wie aus den bereits im Gehirn etablierten Konzepten neues Wissen entsteht. Wie kann ein System Ergebnisse produzieren, die weit über das Material hinausgehen, mit dem es arbeitet? Genau das sei das „Problem der Kreativität“, meint Arthur I. Miller in seinem Essay „The Artist in the Machine“ .4

Darin stellt er auch die Frage, was den kreativen Prozess antreibt: Was ist die Dynamik der Kreativität? Zu den Merkmalen der Kreativität gehören demnach: „Ausdauer, Inspiration, ein hohes Maß an Wettbewerbsfähigkeit, Unvorhersehbarkeit, ’draußen‘ in der Welt sein und weltliche Erfahrungen machen, Probleme entdecken und Verbindungen zwischen scheinbar disparaten Konzepten finden.“

Können Maschinen diese Eigenschaften menschlicher Kreativität haben und damit so kreativ sein wie wir? Millers Antwort lautet: „Ja! Maschinen, die mit Algorithmen wie AlphaGo, DeepDream, Generative Adversarial Networks (GAN) und Creative Adversarial Networks (CAN) arbeiten, haben bereits einen Hauch von Kreativität gezeigt. Aber sie werden erst dann wirklich kreativ sein, wenn sie Emotionen und Bewusstsein entwickelt haben.“

Natürlich wollen wir außergewöhnliche neue Artefakte produzieren, jenseits von allem, was wir uns vorstellen können. Denn das identifizieren wir als Fortschritt. Maschinen können das bereits ganz gut. Ian Goodfellow’s GANs ermöglichen Computern, ihre Kreationen ohne menschliches Zutun zu bewerten. Wie er es ausdrückt, geben sie der KI eine Form der Vorstellungskraft.

Kunst um der Kunst willen mag schön sein, aber Kunst um des Fortschritts willen ist noch schöner. […]

— Victor Hugo

Für das Cover der aktuellen AI-Ausgabe #37 beauftragte Slanted Publishers, Herausgeber der gleichnamigen Design und Typografie Publikation Slanted, die Künstler Sylwana Zybura und Tomas C. Toth, bekannt unter dem Namen CROSSLUCID, Arbeiten aus dem 2018 erschienen Werk Landscapes between eternities 5

in eine GAN zu laden, um neue Bilder zu generieren. Die ursprünglichen Fotografien zeigen Porträts von Menschen, deren Körper und Gesichter bereits als Landschaften begriffen wurden, ausgestattet mit gebauten Gegenständen oder entführten Alltags-Objekten. Damals schon verstanden sich die Porträts als Teil einer Evolution, die sich den neuen Umständen und dem technischen Fortschritt anpassen, um Geschlecht, Ethnie und Normen zu überwinden. Durch die Zusammenarbeit mit den Datenalchemisten Martino Sarolli und Emanuela Quaranta wurde nun ein GAN mit rund 120 Porträts trainiert. Auf Grundlage dieser Daten hat der Rechner 5.000 neue „Gesichter“ kreiert. Die einstigen „Prototypen einer neuen Welt“ aus dem 2018 veröffentlichten Fotoband sind dadurch zu multiplen Persönlichkeiten mit trans-realen Identitäten mutiert. Damit ist jedes Slanted-Cover der AI-Ausgabe einzigartig.

Die KI-generierten Bilder zeigen natürlich nicht, wie wir demnächst – oder auch erst in tausend Jahren – aussehen werden. Sie stellen Fragen und sie stellen Gewissheiten infrage. In ihnen klingen die Themen an, die den Menschen im digitalen Zeitalter umtreiben: Identität, Gender, Inklusivität, Verantwortung, Ethik, Selbstbestimmung … Und damit erfüllen sie aus meiner Sicht die wichtigste Funktion von relevanter Kunst und wirksamem Design. Die digitale Welt braucht Orte, die befreit sind von Plattform- und Aufmerksamkeitsökonomie, Orte jenseits von seichter Unterhaltung, Kontrolle und Vermarktbarkeit. Dort finden wir nicht nur, was wir erwarten, was uns gefällt, was wir sowieso schon mögen und was unsere Meinung bestärkt. Fortschritt in Kunst und Design bedeutet immer wieder neu danach zu fragen, wer und wie wir sein oder auch nicht sein wollen.

Wenn KI zu diesem Prozess beiträgt, dann schlage ich mich gern auf die Seite der Postromantiker um Victor Hugo und rufe – zwar noch ein wenig halbherzig, aber trotzdem entschlossen: Vorwärts!

ANMERKUNGEN

1 Paul du Rel, (2017). Baudelaire et le mythe du Progrès, lerougeetlenoir.org

2 William Shakespeare, II, VI „Le Beau serviteur du Vrai“, 1864, Œuvres complètes, coll. Bouquins, vol. Critique, (1985). S. 399 – 400.
3 Gerfried Stocker, (2017). Leiter der Ars Electronica in Linz
4 Arthur I. Miller, (2021), in: Slanted #37 AI, Karlsruhe: Slanted Publishers.
5 Sylwana Zybura / Tomas C. Toth (CROSSLUCID), Landscapes between eternities, (2018). Berlin: Distanz Verlag. Ferner Pamela C. Scorzin: „Stylish Superhumans: Some Thoughts on the Mesmerizing Imagery of CROSSLUCID (Sylwana Z ybura & Tomas C. Toth)“ in: VOLTAIRE. Issue 6: Fashion ON / OFF (Dortmund 2019), S. 62 – 77.
studierte visuelle Kommunikation in Basel und Pforzheim und gründete bereits während seiner Zeit als Student die Designagentur MAGMA in Karlsruhe. 2014 zog er als Partner und Kreativdirektor von Melville Brand Design nach München ein. Seit 2011 ist er Professor für Konzept, Layout und Typografie an der Universität Dortmund. Er ist der Begründer der Schriftgießerei Volcano-Type sowie der Herausgeber des Slanted Blogs und Magazins (seit 2014 von Slanted Publishers, mit Julia Kahl). Seine national und international preisgekrönte Arbeit konzentriert sich auf Typografie, Corporate und Editorial Design. Darüber hinaus schreibt er für eine Vielzahl von Design- und Typografie-Publikationen.
www.larsharmsen.de