Trauer um Okwui Enwezor

20. März 2019 · Personalien

Vergangene Woche starb Okwui Enwezor im Alter von 55 Jahren an Krebs. Ein Verlust, den nicht nur die Kunstwelt betrauert. In den öffentlichen Medien folgt ein Respekt zollender Nachruf dem nächsten: „Okwui Enwezor, der Kurator, der Museumsdirektor und weltläufige Intellektuelle, er hat die Gegenwartskunst nicht nur durch seine Schriften und Ausstellungen geprägt, sondern auch durch seinen tief empfundenen Respekt vor der Kunstszene, den Künstlern und der Kunst“, so die Süddeutsche. Doch welches Erbe hinterlässt Enwezor?

Der Kurator und Autor war aus Nigeria gebürtig, zog 1982 nach New York und war in den 1990er Jahren Mitbegründer des „NKA: Journal of Contemporary African Art“-Magazins, das eine Focussierung des internationalen Kunstbetriebs auf Nordamerika und Westeuropa überwinden wollte, wie sie bis zum Millenium durchaus üblich war und 1992 deswegen Kritik an Jan Hoets Auswahl der Beiträge für die Kasseler Documenta hervorbrachte. Als Okwui Enwezor zehn Jahre später, 2002, selber die Documenta leitete, legte er bewusst einen Schwerpunkt auf Kunst außerhalb dieser westlichen Welt und führte zusammen mit seinen Co-Kuratoren im Vorfeld der Ausstellung „Plattformen“ in Form von Vorträgen, Symposien und Diskussionen durch. Eine widmete sich in Wien dem Thema „Demokratie als unvollendeter Prozess“, eine andere in Lagos dem Thema „Unter Belagerung: Vier afrikanische Städte, Freetown, Johannesburg, Kinshasa, Lagos“. Die eigentliche Documenta-Ausstellung in Kassel war dann als „Plattform 5“ etikettiert und verzeichnete mit 650.000 verkauften Tickets einen Besucherrekord. 2006 kuratierte Enwezor die Biennale von Sevilla und 2008 die Gwangju-Biennale in Südkorea. 2011 wurde er Leiter des Haus der Kunst in München – als Museumsdirektor hatte er nun die Möglichkeit, längerfristige Strategien zu entwickeln. Sein Vertrag wurde 2016 verlängert, doch aus gesundheitlichen Gründen musste Okwui Enwezor den Posten 2018 aufgeben. Als Höhepunkt seines kuratorischen Wirkens gilt Enwezors Konzept für die Biennale von Venedig 2015, das der Dominanz des Markts im Kunstbetrieb Paroli bieten wollte: als künstlerischer Leiter veranstaltete Enwezor eine Lesung mit dem vollständigen Text von „Das Kapital“, dem Hauptwerk von Karl Marx.

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