Ausstellungen: Winterthur , 2012

Max Glauner

Amar Kanwar

»Evidence«

Fotomuseum Winterthur, 8.9. – 18.11.2012

Heinrich von Kleist veröffentlicht am 8. Oktober 1810 in den Berliner Abendblättern die Parabel „Der Griffel Gottes“. Man kann sie ohne Umschweife als Theorie der Fotografie lesen: „In Polen war eine Gräfin von P…, eine bejahrte Dame, die ein sehr bösartiges Leben führte, und besonders ihre Untergebenen, durch ihren Geiz und ihre Grausamkeit, bis auf das Blut quälte. Diese Dame, als sie starb, vermachte einem Kloster, das ihr die Absolution erteilt hatte, ihr Vermögen; wofür ihr das Kloster, auf dem Gottesacker, einen kostbaren, aus Erz gegossenen, Leichenstein setzen ließ, auf welchem dieses Umstandes, mit vielem Gepränge, Erwähnung geschehen war. Tags darauf schlug der Blitz, das Erz schmelzend, über den Leichenstein ein, und ließ nichts, als eine Anzahl von Buchstaben stehen, die, zusammen gelesen, also lauteten: sie ist gerichtet! Der Vorfall (die Schriftgelehrten mögen ihn erklären) ist gegründet; der Leichenstein existiert noch, und es leben Männer in dieser Stadt, die ihn samt der besagten Inschrift gesehen.“

Selbstredend lässt sich diese kurze Erzählung – im Aufbau ein dreiteiliges barockes Emblem mit Inscriptio, Pictura, Subscriptio – als das Begehren einer interventionistischen Schrift und wirkungsmächtigen Literatur lesen. Doch besieht man den Text näher, zeigt sich, dass das Urteil, sie sei gerichtet, keineswegs das letzte Wort behält. Die beschriebenen Vorgänge sind alles andere als eindeutig. Schriftgelehrte müssen, wie in der Subscriptio vermerkt, den Vorfall erklären, Zeugen beglaubigen. Der Status der Autorschaft und ihrem Medium verschiebt sich notgedrungen: Das Schreibwerkzeug aus der Inscriptio zeigt sich in der Pictura als Blitz. Die…

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