vorheriger
Artikel
nächster
Artikel
Titel: Video - 20 Jahre später · S. 140 - 143
Titel: Video - 20 Jahre später , 1985

Annegret Soltau

1946 geboren in Lüneburg. Lebt in Darmstadt.
1977 „Los-Lösung“ (mit Inge Rumey), s/w, 45 Min.
1978 „schwanger-Sein“ I, s/w, 22 Min. (4 Phasen) 1980-81 „schwanger-Sein“ II, Farbe, 45 Min. (9 Phasen)
1983 Werkstipendium des Kunstfonds e.V. Bonn zur Realisierung der Video-Installation „schwanger-Sein“ im Frankfurter Kunstverein.
1984 Villa-Massimo-Stipendium, Rom (für die Foto-Arbeit „Alleinsein“ (Tausendundeinenacht), die aus 1001 Fotos besteht).

„Mutter-da-sein“

II. Fassung, 1984, Farbe, 30 Min. Mitarbeit: Inge Rumey, Klaus M. Dumuscheit Realisation: ECG-TV-Studio, Frankfurt/Main

„WOCHENBETT“ – grau (1)

„WICKELN“ – licht-gelb (2)

„KREISLAUF“ – rosa (3)

„NÄHE“ – orange-rot (4)

„IN-BESITZ-NEHMEN“ – rot-violett (5)

„IDENTIFIAKTION“ – lila (6)

„GLEICHGEWICHT“ – blau (7)

„STÖRUNG“ – grün (8)

„ISOLATION“ – silber-grau (9)

„EINPASSUNG“ – grau-gelb (10)

Alle drei Videofilme von Annegret Soltau beschäftigen sich mit einer spezifisch weiblichen Situation. Sie setzen sich mit Schwangerschaft und Mutterdasein auseinander, ohne propagandistisch zu wirken, so engagiert „feministisch“ sie arbeitet. Vielmehr verfolgt Annegret Soltau einen Stil, der an der bild- und zeichenhaften Verarbeitung ‚hautnah‘ erlebter Erfahrungen geschult ist. Dabei hat ihre genaue Beobachtungsgabe und schonungslose Offenheit sich selbst gegenüber sie auch vor jeglichem Dogmatismus bewahrt.

Annegret Soltau begann nach einem Studium an Akademien in Hamburg und Wien zunächst als Graphikerin zu arbeiten. Sie radierte in realistisch-zeichnerischem Stil verfremdete Menschenbilder. Zusätzlich beschäftigte sie sich mit plastischen Arbeiten, die in zeichenhafter Verfremdung eine greifbare Parallele zu den graphischen Arbeiten aufweisen. Die Oberfläche, d.h. die Haut dieser Büsten ist mit Linien und Brüchen durchfurcht, die mehr als realistische Falten eines natürlichen Alterungsprozesses sind, weil sie Spuren von Erfahrungen signalisieren, die den ganzen Menschen prägen. Bei den Radierungen wird diese Zeichensprache noch präziser vorgetragen.

Ausgehend von den Inhalten ihrer Arbeit, nicht um der Technik willen, konnte Annegret Soltau den Sprung aus ihrem Medium in ein anderes, die Performance, vollziehen, indem sie konsequent ihre Arbeit in den realen Raum übersetzte. Mittels Bindfaden verschnürte sie Aktionsteilnehmer, um „Verbindungen“ zu verdeutlichen. Fotoarbeiten und Videofilme folgten. Die Fotoradierungen nehmen eine Mittlerstellung ein, kommt doch in diesen Fotofolgen zweierlei zusammen: die Bearbeitung des Negativs mit der Radiernadel und die daraus folgende Verselbständigung der Bilder. Durch die Wiederbelichtung des nach und nach mit der Radiernadel zerstörten Negativs entstehen zunehmend abstraktere Bilder; ein Effekt, den die Künstlerin durch An- und Zuordnung ästhetisch wie inhaltlich verarbeitet.

Analyse und Konkretisierung psychischer und physischer Erfahrungen auf der Suche nach einer Identität sind das zentrale Anliegen von Annegret Soltau. Von daher mußte ihr der Videofilm als künstlerisches Medium mit dokumentarischen Möglichkeiten entgegenkommen. Hier konnte sie nämlich zu einer Weiterentwicklung ihrer Stilmittel gelangen.

Alle drei Videofilme haben verwandten Aufbau. Unterschiedlich lange Sequenzen sind durch Pausen unterbrochen. Jede Phase ist erzählerisch angelegt und betitelt, die Information bleibt ausschnitthaft, ist semantisch verkürzt und wird bei feststehender Kamera in ruhigen Bildern vorgetragen. Häufig werden sie durch Text/Ton ergänzt. In Bildheften hierzu finden sich Diagramme, die Ergebnisse einer wort- und sinnzerlegenden Arbeitsmethode sind.

Unter dem Einfluß des Video hat sich Annegret Soltaus Bild- und Körpersprache enorm erweitert. Wie sie dabei vorgeht, wird anhand einiger Szenen ihres dritten Filmes, „Mutter-da-Sein“ (1981/84), erläutert.

„Wochenbett“: Mutter und Kind sind verpackt, jedes in seiner Hülle; nur vorsichtiger Kontakt ist möglich. Das Bild erinnert an frühere Arbeiten, in denen Annegret Soltau die Polarität von schützender Hülle und trennender Haut darstellt. „Wickeln“: Eine vertraute Sache. Unerwartet wendet sich die Mutter sich selbst zu; Umsorgtsein wird als nicht nur kindliches Bedürfnis deutlich. „Kreislauf“: Mit einem Holzscheit auf dem Rücken umkreist Annegret Soltau das Baby, Zentrum ihres Daseins. Schlaf- und Stillzeiten des Kindes bestimmen ihr angestrengtes Leben. „Identifikation“: Zeigt die Mutter zwischen Tochter und Sohn. Die Mutter löst sich das Haar, berührt die Kinder damit, schneidet sich Haare ab und verteilt sie zunächst über die Tochter.

– „Ich blicke in meine eigene Kindheit“ heißt es im dazu gehörigen Diagramm, dann über den Sohn – „Ich blicke in eine andere Kindheit“. Haaropfer haben seit alters her kultische Bedeutung. „Zu Homers Zeiten galt das Haar als das Wertvollste, was ein Mensch zu verschenken hatte…““ „Gleichgewicht“: Mit einem Bambusstab quer über dem Rücken wird das Kind vorsichtig umkreist, Ausdruck des Gleichgewichthaltens zwischen eigenem Bedürfnis und dem des Kindes. Die Ringe des Bambus sollen zugleich an Lebensabschnitte erinnern. Daß dieses Gleichgewicht auch aus dem Lot geraten kann, zeigt „Störung“: Der Stab wird zu einem aggressiven Stock; Zeichen der eigenen Prägung durch die Kindheit. „Einpassung“: Drei offene Kisten und ein hämmerndes Geräusch demonstrieren das unterschiedliche Zeit- und Raumverhältnis. Was für die Kinder zur Spielkiste wird, kann für die Mutter Einengung bedeuten. Am Ende des Videofilms erscheint ein bis zur Unkenntlichkeit verändertes Gesicht der Mutter: Eine gesellschaftliche Forderung, die von der Mutter völlige Selbstaufopferung und Konzentration auf die Welt der Kinder verlangt, muß eine selbständige Frau deformieren.

Mittels dieser unpreziösen Bild- und Zeichensprache mangelt es der Darstellung nicht an Distanz. Einfache Elemente, Holz, Haare, Plastikhüllen, Tücher werden dem Alltag entnommen und präzise in eine leicht lesbare Symbolsprache übersetzt. Der weiße Umraum des Geschehens läßt keinerlei nähere Bestimmung des sozialen Umfeldes zu. Es handelt sich somit nicht um die Privatangelegenheiten einer bestimmten Frau. Vielmehr geht es um den Ausdruck allgemeiner psychischer Zustände. Wer die Arbeit als „Frauenkunst“ in eine spezifische Ecke abdrängen möchte, übersieht dabei ihre Strukturen. Es werden Zwänge und Freiheiten innerhalb eines Systems dargestellt, oder auch – anders ausgedrückt – eine Persönlichkeitsstruktur innerhalb eines gesellschaftlichen Rasters wird untersucht. Die Spannungen und Beziehungen zwischen diesen Systemen sind das eigentliche Thema von Annegret Soltaus Kunst.
Claudia Reising-Pohl

1) Hrsg. Marie-Luise Könneker, Haarproben, Darmstadt 1984, S. 24