Titel: Video - 20 Jahre später · S. 84
Titel: Video - 20 Jahre später , 1985

„Der Künstliche Wille“

Das theoretische Fundament der elektronischen Medienoper
von Peter Weibel

Elektrizität ist eine künstliche Form des Lichtes, auch eine menschliche Form. Elektronik ist der künstliche Wille des Menschen. Der künstliche Wille erobert das All. Der Computer stellt synthetische und künstliche Bilder her. Digitale Bilder sind künstlich erzeugte, auf der Basis von Zahlen. Wenn man den schnellsten Computer der Welt anschafft, kommt man dem Ziel immer näher, mit Hilfe enormer Rechenoperationen über das Zahlenfeld eines Bildschirms – metaphorisch gesprochen – farbige, bewegte Formen zu erzeugen, welche natürlichen Gegenständen in der realen Welt entsprechen. Das digitale Bild ermöglicht es, in jede Stelle der Bildfläche so (individuell) einzugreifen wie die Maler in die Leinwand… Intelligenz und Gedächtnis werden amplifiziert und exteriorisiert: künstliche Intelligenz der Computer. Computerdateien sind schon heute „aktive Bibliotheken“, als Expansion des Gedächtnisses: Rechnungen finden nicht mehr in unserem Kopf statt, ebensowenig räumliche Darstellungen von Objekten, sondern in „Elektronengehirnen“, „denkenden Maschinen“ und auf Bildschirmen. Computerprogramme sind exteriorisierte Nervensysteme, Gene, Enzyme, Neurotransmitter.

Ein Schirm von dem Ausmaß unseres TV-Schirmes mit ca. 600 Zeilen und je 800 Punkten ist also ein Zahlenfeld mit 480.000 Punkten. Nun kann man sich gut vorstellen, wie klein diese 480.000 Punkte bei der Kleinheit unseres TV-Schirmes sein müssen, um darauf Platz zu haben, und wie leicht es damit fällt, die Illusion einer Linie zu erwecken. Je größer die Punkt- und Zahlenmenge, die für den Prozeß des Abbildens zur Verfügung steht, um so größer wird die Wiedergabetreue, um so besser kann ich die Illusion von Realität erwecken, um so realistischer…

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