Ausstellungen: Berlin · von Matthias Reichelt · S. 379
Ausstellungen: Berlin , 2001

Matthias Reichelt

Aura Rosenberg

»Berliner Kindheit«

daadgalerie Berlin, 20.1. – 4.3.2001

Walter Benjamins (1892-1940) Buch „Berliner Kindheit um neunzehnhundert“, das postum 1950 zum ersten Mal erschien, umfasst Prosaminiaturen, in denen er den mysterienhaften und gleichsam prägenden Eindrücken seiner Kindheit nachspürt. In einer dichten poetischen Sprache, unter Verwendung ungewohnter und heute fremdartig anmutender Begriffe, entwarf Benjamin das autobiographische Panorama einer kindlichen Erfahrungswelt um die Jahrhundertwende. Benjamin, der sich auch als Übersetzer von Prousts „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ einen Namen machte, betreibt hier eine ähnliche Suche, indem er den eindrucksvollsten und nachwirkenden Momenten der Kindheit Raum gibt, die abseits vom Pfad kollektiver Geschichte liegen. Damit entsprechen seine Kindheitserinnerungen seinem philosophischen Denken, das ihn zum „Lumpensammler“ werden ließ, um am „Unbeachteten, am Marginalisierten, an den Niederungen des Alltags … die Signatur einer Epoche abzulesen.“ (Eckhard Siepmann in: „Bucklicht Männlein und Engel der Geschichte. Walter Benjamin, Theoretiker der Moderne“, Gießen 1990, S. 22).

Zum größten Teil sind diese Miniaturen vor der Machtübergabe an die Nazis, also vor Benjamins Exil, entstanden und wurden später um weitere Miniaturen aus dem Exil ergänzt. Alle Miniaturen beschreiben eine in mehrfacher Hinsicht untergegangene Welt. Es ist nicht nur die aus der Erwachsenenperspektive sehnsuchtsvoll beschriebene und vergangene Kindheit, die Prosastücke geben gleichzeitig Kunde von einer vertriebenen und vernichteten Welt des jüdischen Bürgertums in Berlins Westen, was Theodor W. Adorno zu folgendem Urteil bewog: „Die Luft um die Schauplätze, welche in Benjamins Darstellung zu erwachen sich anschicken, ist tödlich. Auf sie fällt der Blick des Verurteilten, und als Verurteilte gewahrt er sie.“

„Berliner Kindheit“…

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