Titel: Der homoerotische Blick · von Heinz-Norbert Jocks · S. 294
Titel: Der homoerotische Blick , 2001

Nan Goldin

Der Glamour der Queer-Sicht

oder

»warum ich mich wie ein schwuler Mann in einem weiblichen Körper fühle«

Ein Gespräch von Heinz-Norbert Jocks

Nan Goldin, die 1953 geborene Amerikanerin, verlieh der Fotografie eine existentielle Dimension, indem sie ihr die Authentizität und damit die Unschuld zurückschenkte. Mit jedem ihrer Bilder, die sie von sich und ihren Freunden in Situationen schießt, die andere tabuisieren, rebelliert sie gegen die Verlogenheit und den faulen Schein bürgerlicher Verhältnisse. Das Fassadenhafte eines durchschnittlichen Daseins ist ihr suspekt und das eigentliche Leben echte Herausforderung, die nur derjenige wirklich annimmt, der sich weder durch Normen gängeln noch in Sackgassen einer Rolle treiben lässt. Letztlich gemahnt Nan Goldin mit ihrer Kunst an das Leben hier und jetzt, welches, wenn es denn ausgeschöpft wird, mehrere in sich birgt.

Es ist mehr als nur signifikant, dass die Wachsfiguren des Herzogenpaars von Windsor in ihrer Ballade von der sexuellen Abhängigkeit, einer dreiviertelstündigen Diashow, als bröckelige Symbole eines anhaltenden Eheglücks eingeblendet werden. Kurz darauf erscheinen die gutbürgerlich korrekten Eltern, steif sitzend auf dem geblümten Polster eines französischen Restaurants in Cambridge, Massachusetts. Wenige Sekunden später dann Susan und Max in fröhlich-tänzerischer Pose am Strand, aber nackt. Die gefallenen Hüllen stehen für das Unbekümmerte einer anderen Existenz in Freiheit, die nur einen Sonnenmoment lang dauert. Im Grunde handelt Goldins Arbeit von Sehnsüchten, Hoffnungen und Ängsten, von Glück und Bedrängnis beider Geschlechter. Jegliche Festlegung auf eine bestimmte Seinsweise und eine vorgegebene Sexualität hält sie für eine Flucht vor dem, was Leben heißt. Wenn sie ihre nächste Umgebung fotografiert, so tut sie…

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