Ausstellungen: Berlin · von Peter Herbstreuth · S. 376
Ausstellungen: Berlin , 2001

Peter Herbstreuth

Jenny Holzer: »OH«

Neue Nationalgalerie, Berlin, 4.2. – 16.4.2001

Bis vor drei Jahren wurde die Halle von Ludwig Mies van der Rohe meist durch Vorhänge abgeschottet und der lichte Bau aus versicherungstechnischen Gründen als Dämmerkammer mit Kunstlicht gehalten. Dann kam Ulrich Rückriem und gab der allseits verglasten quadratischen Halle ihre einzigartigen Qualitäten zurück. Er ließ die Vorhänge beseitigen und öffnete durch eine Bodenmarkierung die Augen für die Raumkapazität der Glasbox mit einem vor allem Nachts atemberaubenden Panorama: Innen und Außen als Wechselbeziehung. Die Intervention war so überzeugend, dass die Museumsleitung das Vorbild des Künstlers als Prinzip beibehielt. Davon profitierte auch Jenny Holzer, die über die gesamte Erstreckung der Kassettendecke ihre wohlbekannten „visuell radios“ in leuchtend bernsteinfarbener Schrift anbringen und Binsenweisheiten („Truisms“) aus den letzten zwanzig Jahren gespickt mit Zusätzen aus „Inflammatory Essays“ über „Lament“ und „Lustmord“ bis „Blue Revue“ passieren ließ.

Ereignis waren auch bei dieser „OH“ betitelten Schau nicht die Einsichten des Volksmunds oder die politischen Parolen der Künstlerin, sondern das visuelle Schauspiel fliegender Buchstaben entlang der Schienen über die Köpfen hinweg. Gleichwohl meinte ein Teil der Berichterstatter im vorauseilenden Bedauern ganz unironisch sich darüber beklagen zu müssen, dass sie sich die Sätze leider nicht genug zu Herzen nehmen könnten. Es sei etwas mühsam, die mobilen Buchstaben an der Decke zu lesen. Und man könnte, so hieß es treuherzig, vielleicht sogar einen Satz übersehen.

Was war zu lesen? Schlagzeile um Schlagzeile, die Meinung um Meinung als Tatsachen artikulierten. „Beim Träumen ist man unschuldig.“ „Ein Mangel an Charisma kann tödlich sein.“ „Privateigentum führt zu Verbrechen.“ „Eine Elite ist unvermeidlich“. „Aus Liebe zu sterben ist schön, aber dumm.“ „Alles wird von Tag zu Tag immer schlimmer.“ Da braucht man sich nichts zu Herzen nehmen. Es ist der Ton des Gesetzgebers, die Diktion päpstlicher Bullen und die oft verwandte Syntax von Flauberts „Wörterbuch der Gemeinplätze“. Die Wahrheitsbehauptung kommt ohne Argument und Beleg aus. Niemand, der so spricht, kann damit rechnen, in seinen Aussagen ironielos gehört oder gelesen, gar beherzigt zu werden. Ebenso klingen intime und im Vertrauen geäußerte Aussagen in einer öffentlichen Halle vor aller Augen meist peinlich. „Unter deinem Hemd verbirgt sich ein Spalt“. „Ich berühre dein Haar“. „Ich kitzle dich.“ „Du gehörst mir.“

Vielmehr wird die Art des Aussagens, das Stakkato der Sätze, der Rhythmus der Parataxen, die atemlos anhaltende Hysterie im Korsett strenger Formalisierung zum faszinierenden Effekt. Als würde ein Subjekt im unvermitteltem Wechsel dreizehn Rollen gleichzeitig spielen und im Sprachsturz fremder Zungen sich entäußern. Der performative Charakter überflutet den konstativen. Die Inszenierung dominiert die Aussagen.

Die Künstlerin begnügte sich nicht mit der zentrierenden Kraft der Mies-Box, sondern verbreitete einen Teil der gesammelten Meinungen als Projektion auf den Fassaden der Philharmonie, der Staatsbibliothek, der Matthai-Kirche, des Jüdischen Museums, der Museumsinsel und des Debis-Gebäudes. Es sah aus wie eine überdimensionierte Produktwerbung, die sich langsam über die Mauern bewegte. Ohne strikte Rahmung verflossen die Worte im irrlichternden Einerlei der Stadt. Das visuelle Optimum der Glasbox wurde dadurch nicht geschmälert.

Die Kustodin der Neuen Nationalgalerie, Angela Schneider, erzählt, Jenny Holzer sei zur Vorbereitung in das der Neuen Nationalgalerie gegenüberliegende Hotel Hyatt, um den Bau „in allen Stimmungen zu erleben, bei Tag und bei Nacht, in Sonne getaucht und vom Regen verhüllt“. Diese Konzentration hat sich gelohnt. Nachts fliegen die Leuchtbänder durch die Spiegelung im Glashaus scheinbar über die Dächer der Stadt hinweg und verlieren sich im Unendlichen. Die Installation wird grenzenlos. Allerdings werden dies nur jene gewahr, die in der Glasbox selbst stehen. Von außen sieht man zwar die Leuchtbänder, nicht aber ihren expansiven Effekt.

Die Schau ist eine Verbeugung vor dem Kult des Quadrats und der Spiegel. Ihre visuelle Leistung besteht in der gesteigerten Variante von Piet Mondrians „New York Boogie Woogie“ als Free Way. Jenseits der Glasbox wirkt die irrlichternde Strahlkraft als all over in den Raum zurück. Damit war das Werk fest in den Traditionen des Ortsspezifischen verankert, aktivierte überdies Kunst- und Architekturgeschichte und zollte der „Gesellschaft des Spektakels“ Tribut.

Jenny Holzer hat den Bau sowohl für ortsbezogen konzipierende Künstler als auch für Künstler, die mit Vitrinen umgehen, begehrenswert gemacht. Und man kann sich leicht vorstellen, zu welchen maxima Gerhard Merz, Thomas Locher, Damien Hirst, Ayse Erkmen, Wolfgang Laib und so weiter fähig wären. Für Maler und Fotografen, die Wand und Nagel brauchen, mag das Obergeschoss des Baus verloren sein. Wer aber das Singuläre feiern will, der gibt auch der transluzenten Box seine raison d’être. Wer sie in ihrer Macht jedoch verkennt, ihr nichts Ebenbürdiges entgegenzusetzen weiß, stirbt. Für Jenny Holzer war die Konfrontation ein Jungbrunnen; sie ist hier wieder in den zeitgenössischen Diskurs erwacht. Nach dem Befreiungsschlag von Rückriem radikalisierte sie den Blick auf eine dominante Schicht ihres Werks. Trotz der guten Absichten der Künstlerin: das Werk handelt nicht von Bedeutungen und Botschaften, sondern von deren Verwandlung in visuelle Muster. So darf der Kritiker seine Hymne mit einem Tusch beschließen und konstatieren: es war die beste Ausstellung, die die Glasbox in den letzten zehn Jahren beflügelt hat.

Der Erlös des Katalogverkaufs wird von dem Unternehmen Philip Morris, das die Ausstellung maßgeblich unterstützte, verdoppelt und geht an die „Berliner Initiative gegen Gewalt gegen Frauen“ (BiG e. V.).

von Peter Herbstreuth

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