Titel: Der homoerotische Blick · von Heinz-Norbert Jocks · S. 46
Titel: Der homoerotische Blick , 2001

Que€rsehen!

Eine Essaybrücke zum anderen Ufer

Von Heinz-Norbert Jocks

Für Martin M.

Der Skandal bricht hervor aus dem Verbalisieren dessen, was unser Körper und unsere Sinne unbewusst in sich bergen. Das ist der Skandal, der wie ein Bumerang Herz und Leidenschaft Pasolinis traf. (Enzo Siciliano)

Ich denke, was wir Liebe nennen, ist ein durch das weibliche Geschlecht verübter Betrug, und das Ziel sexueller Beziehungen zwischen Männern ist nichts, was wir Liebe, sondern wohl eher etwas, was wir vielleicht Erkenntnis nennen könnten. (William S. Burroughs)

Mein Unglück liegt in einer Gesellschaft, die das Seltene verdammt wie ein Verbrechen und uns zwingt, unsere Neigungen zu ändern.
(Jean Cocteau)

Der geweckte Blick

Wiewohl gar nicht so rar, gilt der homoerotische neben dem bisexuellen Blick womöglich weltweit als Fremdling unter den uns vertrauten. Selbst auf denjenigen, der sich langsam seiner bewusst wird, wirkt er anfangs so jungfräulich, dass er ihn erst einmal wie fremdes Terrain betreten, erobern und kolonialisieren muss. Doch kaum mit ihm warmgeworden und mit ihm mehr im Einklang, lässt der Reiz des Neuen nach. Selbst die Zeit davor wird dann im Hinblick auf sein Kommen gedeutet. Doch wann ist er mit sich identisch? Eben einverstanden? Etwa, wenn man sich selbst mit ihm über Widerstände hinweg arrangiert? Also wenn das Ja zu ihm kein gebrochenes mehr ist? Oder wenn ihn diejenigen, die ihm nahe stehen, akzeptieren, statt verneinen? Ist der homoerotische Blick vielleicht derjenige, der immer mit sich hadert, nie mit sich im Reinen, da permanent unterwegs zu sich selbst ist? Merkwürdig, wo immer er auftaucht und sich so…

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