Titel: Der homoerotische Blick · von Heinz-Norbert Jocks · S. 281
Titel: Der homoerotische Blick , 2001

Pierre & Gilles

Schwuler Eros und Thanatos

Ein Gespräch von Heinz-Norbert Jocks

Pierre & Gilles sind vielleicht so etwas wie Popstars einer homoerotischen Ästhetik, die sich fortlaufend selbst transzendiert. Daran liegt es wohl auch, dass ihre Anhängerschaft sehr jung und nicht unbedingt schwul ist. Es scheint, als empfänden die jungen Rezipienten die Bilder als eine willkommene Befreiung. Nicht zu übersehen ist bei Pierre & Gilles der lockere Umgang mit Traditionslinien. Ja, deren poetische Übersetzung in schwule Traumwelten. Es scheint, als nähmen Pierre, der Fotograf, und Gilles, der Maler, eine strikte Ummodellierung von Kultur vor. Beide plündern, so Dan Cameron, „den Fundus historischer Darstellungen, als ob sie in einem Stoffmusterbuch blätterten und suchen ihre eigene Identität an Orten und in Stilen, die zu anderen Welten gehören.“ Wenn sie Legenden von katholischen Heiligen zitieren, sich von der Kitsch-Reklame anregen lassen und sich durchs Dickicht der Mythologien schlagen, so ist dies mehr als nur eine von der Imitation profitierende Neuinszenierung von religiöser, populärer und mythologischer Ikonographie. Denn diese fröhliche Subversion zielt darauf, einen Strich durch die Rechnungen heterosexueller Dominanz zu ziehen. Die schwule Begierde wird hier in Bereiche überführt, wo sie bisher verdrängt war. Im Grunde haben wir es mit einer postmodernen Lesart zu tun, die die alte Polarisierung von hoher und trivialer Kultur belächelt und ad absurdum führt. Klar, dass die beiden an einer künstlichen Verschönerung einer artifiziellen Welt arbeiten, die es so nur im Traum gibt und dabei eine erotische Aufladung erfährt, ohne dass der paradoxe Charakter des Lebens unterschlagen wird. Es ist keine verklärte, sondern eine hermetische Welt, in der von Lust und Liebe ebenso die Rede ist wie von Tod und Vergänglichkeit. Mit Pierre & Gilles, die sich als homosexuelle Künstler verstehen, die mit ihren Bildern jeden erreichen und keinen ausschließen wollen, traf sich Heinz-Norbert Jocks in Paris.

*

Heinz-Norbert Jocks: Warum fingt ihr überhaupt an, künstlerisch zu arbeiten?

Gilles: Es war ein Bedürfnis. Je mehr wir machten, desto weniger Platz hatten wir. Anfangs ein wenig unangepasst in der Welt, wussten wir letztendlich nicht, welchen Platz wir da einnehmen sollten. Wir hatten aber das dringende Bedürfnis, Kunst zu machen, ohne auch nur im entferntesten an Karriere oder dergleichen zu denken. Vielleicht taten wir das, weil wir andere Künstler trafen. Noch jung bewunderten wir die Bilder, das Kino, die Musik und die Künstler. Das alles beeindruckte uns, ehe wir selber damit anfingen, so etwas zu machen. Der Maler, der mir besonders gefiel, als ich fünfzehn Jahre alt war, war Andy Warhol.

Warum?

Gilles: Ich mochte ihn auch wegen seiner Bilder und wegen seines Schwulseins, was ja auch wichtig ist, wenn man gerade mal fünfzehn Jahre alt und dabei ist, sich selber kennen zu lernen. Ich mochte auch Pasolini. Visconti. Ich war froh darüber, auf Künstler zu stoßen, die auch schwul waren. Von Warhol mag ich die Gemälde, auch die Welt, die ihn umgab. Seine Persönlichkeit, die einen träumen ließ.

Pierre: Ja, auch für mich war wichtig, was er damals machte, besonders auch Joe Dallessandro. Dali. Alle Personen, die ihn umgaben. Sein ganzes Leben. Einfach alles. Auch die Filme.

Was erinnerst du als erstes?

Gilles: Oh, ich erinnere die Monroe. Die Unfälle. Den elektrischen Stuhl. Einige seiner Filme.

Wie steht ihr zur Pop-art?

Gilles: Ich mochte sie, als ich fünfzehn Jahre alt war. Aber ich weiß nicht, warum. Auf der einen Seite war es das Heitere, welches mein Interesse weckte. Ich bewunderte auch die Poster der großen Geschäfte. Kinos. Comics. In dem, was ich mache, findet sich immer noch eine Menge davon wieder, was ich damals mochte. Außerdem ist unsere Kunst eine recht populäre, und es stimmt, dass unsere Arbeit anfangs mehr, als es später der Fall war, von der Pop-art beeinflusst war. Jetzt ist sie eher surreal. Fremdartig. Aber ich als Künstler finde das besser. Ich verändere mich. Es ist nun ein sehr persönliches Universum geworden, welches meines Erachtens die anderen mehr anspricht. Wir leben in einer fast geschlossenen Bildwelt, aber meiner Meinung nach ist sie offener.
Für mich ist Bernard Buffet der größte französische Pop-art-Künstler. Man könnte seine Arbeiten neben die von Warhol stellen. Sie zeigen die gleiche Einstellung zum Leben. Die gleiche Hoffnungslosigkeit. Die gleiche Verzweiflung. Die gleiche Verrücktheit. Wenn ich über ihn spreche, habe ich all seine Bilder vor Augen, weil ich sie gerade gestern noch in einer Ausstellung sah. Ich fand sie so grausam wie erschreckend. Ich sehe vor mir die Schlösser der Loire. Die Portraits von Mao. Von General de Gaulle. Seine Frauenakte. Seine Erotik. Die Travestie. Seine Clowns. Die Kreuzigungen. Seinen Christus Seine Tiere. Die abgeschnittenen Tierköpfe.

Pierre: Auch mich faszinierte Warhol. Aber auch Bilder aus Indien oder Marokko, die eine Gesamtheit mit den Farben bilden. Das lebendige Blau, mit dem wir uns dort konfrontiert sahen.

Gilles: Ja, das stimmt. Wenn wir ein Foto oder ein Gemälde von Warhol sehen, dann sind wir im Souk. Das Problem ist nur, dass jetzt seine Fotos und Drucke überall für ein paar Münzen verschleudert werden. Diesen Vorwurf würde ich ihm machen. Ich mag heute eher Künstler mit einer bizarren, ja einzigartigen Weltvorstellung.

Was verkörperte Warhol für dich?

Gilles: Das Bild eines Künstlers. Ich mochte seine Persönlichkeit, sein Leben und alles, was er machte. Er war mein Maler, also derjenige, zu dem ich zu einer bestimmten Zeit hochschaute. Aber ich mochte auch eine Unmenge anderer Künstler. Beide liebten wir immer auch die Bilder aus Revuen.

Pierre: Ja, bei mir ist das ähnlich wie bei Gilles. Allerdings waren es eher die Bilder des Kinos. Nun mag ich nicht so sehr das Kino an sich. Aber ich schaute mir gerne Fotos in Zeitschriften an. Von Filmen, Schauspielern und Sängern. Das ließ mich träumen.

Gilles: Kunst stellt ja eine Möglichkeit dar, aus sich herauszukommen.

Pierre: Ja, das ist es. Als ich anfing, dachte ich eigentlich nie an Kunst. Es war eine Materie, die mich anzog, weil sie vielleicht ein bisschen geheimnisvoll schien.

Gilles: Und ich, ich ließ mich einfach davon treiben. Durch mein Leben. Um ein bisschen Biographisches zu erzählen: Ich war auf dem Lycée. Dort in der Schule war ich ein Nichts, ein Versager. Ich lernte nichts und wollte auch nichts lernen. Es gelang mir einfach nicht. Ich mochte weder lesen, noch wollte ich überhaupt etwas. Das einzige, was mir während des Unterrichts Spaß bereitete, war Zeichnen. Mit fünfzehn Jahren schickte man mich auf die Ecole des Beaux Arts, obwohl ich gar nicht dahin wollte. Kaum dort, hörte ich auf, mich zu beklagen, und stellte fest, dass es mir dort ganz gut gefiel. Vorher war alles schlecht. Doch mit Eintritt in die Beaux Arts wurde auf einmal alles anders und ich gut benotet. Auch die Lehrer interessierten sich für mich. Tief in meinem Innern spürte ich, dass ich, wenn ich nur den Willen dazu hatte, etwas erreichen konnte. Etwas Gutes und Interessantes. So entdeckte ich mich selbst peu à peu. Dank der Beaux Arts. Danach kam ich nach Paris, wo ich nach zwei Jahren Pierre kennen lernte. Damals malte ich überhaupt nicht mehr. Erst durch ihn fing ich wieder zu arbeiten an.

Wann griffst du zum ersten Mal zur Kamera?

Pierre: Allein? Ich besaß einen kleinen Apparat, den ich sehr mochte. Ich ging recht systematisch vor und machte erste Fotos von Friedhöfen, Freunden, Kindern, Jungen und Mädchen um mich herum. Es waren Inszenierungen, eine Spielerei. Ich weiß nicht, warum, aber es war etwas, was mich immer begleitete. Ich ging nach Paris, um Fotos zu machen. Aus einer Laune heraus.

Wo liegen die Unterschiede zwischen dem, was du früher machtest, und dem, wofür du dich heute engagierst?

Pierre: Das Modell ist immer noch wichtig, und ich habe immer noch Lust, zu fotografieren. Das ist eine Art zu lieben.

Geht es dir darum, bestimmte Lebenssituationen zu konservieren?

Pierre: Ja, ein bisschen.

Ist es eine Art Suche nach der verlorenen Zeit?

Gilles: Nein, es geht nicht um die verlorene, sondern um Zeit an sich und um das Treffen mit jemandem. Das Bild ist dann etwas für jetzt und für immer und natürlich auch eine Momentaufnahme.

Erinnerst du dich daran, wie du dein erstes Bild maltest?

Gilles: Als ich richtig anfing, war ich auf der École des Beaux Arts. Ich zeichnete und machte alles, was von mir erwartet wurde. Nach einem Jahr war ich ein guter Schüler. Ich erinnere mich dort an einen Friedhof voll mit Blumen, künstlichen Gegenständen und Kunststoffteilen. Als ich fühlte, wie nah mir das ging, war der Augenblick gekommen, wo ich mich erstmals wirklich ausdrücken konnte. Daraufhin entstand eine Art Collage mit Blumen und Pailletten, wodurch ich einen mir entsprechenden Weg einschlug. Das war etwas, was mir, da mir auf den Leib zugeschnitten, wirklich Freude bereitete. Hinzu kam, dass das für damalige Verhältnisse recht provokant war. Das gefiel mir. Ich erinnere mich noch an mein Zimmer zu Hause, welches mit Plastikblumen regelrecht übersät war. Meine Eltern waren schockiert. Es störte sie, und ich war überglücklich. Ich glaube, das Künstliche sagte mir zu.

Hat sich deine Idee von Malerei geändert?

Gilles: Ja, eine Zeitlang hörte ich zu malen auf. Nach den Collagen fing ich wieder damit an. Es gab sehr unterschiedliche Phasen. Seit jeher von der Fotografie beeindruckt, schnitt ich oft Fotos anderer aus. Zwar fotografierte ich auch ein bisschen, aber diese Fotos zerschnitt ich nie. Soweit meine Anfänge, wo ich vieles ausprobierte. In jungen Jahren ist man ja auf der Suche nach sich selbst. Ich fand es einfach ganz toll, zu fotografieren, und auch spannend, mich selbst fotografieren zu lassen, weshalb ich mich in Fotokabinen ablichten ließ. Mal alleine. Mal zusammen mit Freunden. Ich schnitt Grimassen. Machte alles mögliche und zog mich drinnen sogar aus. Ich verfüge über einen Haufen solcher Bilder, wirklich Tausende. Ich entdecke mich dabei selbst.

Wie kam es eigentlich zur Zusammenarbeit?

Gilles: Ganz zufällig! Zunächst war, was uns verband, eine reine Liebesgeschichte ohne gemeinsame Arbeit. Erst nach einem Jahr fingen wir damit an, zusammen an einer Sache zu arbeiten. Zuerst also liefen wir uns über den Weg und lernten uns kennen. Das Kennenlernen. Die Freundschaft und die Kunst. Alles das folgte aufeinander. Schritt für Schritt. Pierre machte Fotos, und ich selbst malte. Zunächst kümmerten wir uns gar nicht darum. Aber eines Tages passierte es, dass wir zusammenarbeiteten. Ganz ohne Plan. Der Grund dafür war wohl, dass wir dauernd aufeinander hockten. Pierre hatte Fotos gemacht, und wir sprachen beim Essen darüber. Schließlich hatte ich Lust, die Fotos wieder zu malen. Das Zusammenarbeiten gefiel uns so gut, dass wir es von da an fortsetzten. Heute, so viele Jahre danach sind wir zusammen, weil wir zusammen arbeiten. Ich weiß nicht, was wäre, wenn die Arbeit uns nicht so verbände. Das ist das Zusammenspiel des Lebens. Die gemeinsame Arbeit ist für uns wirklich wichtig.

Dahinter stand anfangs keine Idee?

Gilles: Nein. Wir hatten einfach das Bedürfnis, zusammen zu sein. Nur aufgrund dieses Zusammenseins konnten wir zusammen arbeiten. Ich wüsste nicht, was daraus werden sollte, wenn jeder für sich allein lebte. Ich würde es gerne wissen. Jedenfalls ist es so, dass wir uns vieles gegenseitig beibrachten. Denn eigentlich sind wir doch von unserem Wesen recht unterschiedlich. Pierre ist überhaupt nicht so wie ich, und ich überhaupt nicht wie er.

Wie sieht die gemeinsame Arbeit aus? Wie hat man sich die Situation konkret vorzustellen. Ihr sitzt zusammen an einem Tisch, und einer hat eine Idee und ihr sprecht darüber?

Gilles: Zum Glück wissen wir vorher nie so genau, was wir machen werden. Plötzlich ist die Lust da, anzufangen, und am Ende sind wir überrascht, was dabei herauskommt. Im Grunde ist es immer ein Risiko. Wir werden in einem bestimmten Sinne von etwas angezogen, ohne davon ein fertiges Bild im Kopf zu haben.

Pierre: Nun arbeiten wir auch nicht ständig. Ob wir was machen, hängt vom Augenblick ab. Auch von den Gelegenheiten. Das wächst peu à peu.

Wie sieht eure Arbeitsteilung aus?

Pierre: Gilles ist vielleicht mehr ein Provokateur.

Gilles: Und Pierre liebt es, den Moment zu leben. Er ist direkter, während ich es eher mit dem Langfristigen habe und deshalb viel weniger in der Gegenwart lebe. Ich ziehe es vor, auszuscheren und rebellisch zu sein. Pierre kann sich besser in die Welt einfügen. Das sieht man auch der Arbeit an.

Woran ist der eine und woran der andere von euch mehr interessiert?

Gilles: Schwer zu sagen. Ich glaube, Pierre ist mehr der Drahtzieher. Also derjenige, der sich mehr um die Zeichnungen und darum kümmert, die Position der Modelle zu bestimmen. Ich hingegen bin derjenige, der die Farben setzt, also der Kolorist und Maler. Pierre ist mehr im Einvernehmen mit den Modellen und kreiert den Moment. Ich halte mich mehr im Hintergrund auf, wo ich den Augenblick idealisiere.

Wie ändert ihr die Fotos nachher?

Gilles: Es ist so, als würden wir sie filtern und einer nochmaligen Kontrolle unterziehen.

Pierre: Alles ist da, und der Pinsel kommt so gut wie überall hin.

Gilles: Er idealisiert jede Linie, einfach alles. Es ist wie ein Streicheln.

Erinnert ihr euch an konkrete Situationen, wenn ihr eure Bilder in Ausstellungen wiederseht?

Gilles: Ob wir uns daran erinnern, wie es dazu kam? An die Situationen? Gewiss. Man erinnert sich dabei an vieles.

Vielleicht erzählt ihr mir die Geschichte eines Bildes?

Pierre: Was es zeigt? Ich kann das nicht. Denn es gibt einfach zu viele.

Gilles: Nun mit den Bildern verhält es sich so: Wir machen zwar ein Bild, aber die Arbeit besteht aus der Gesamtheit aller Bilder, die man in ihrer Folge sehen muss. Natürlich ist es gleichzeitig auch ein Einzelbild. Während wir eins ausführen, bereiten wir unbewusst bereits ein weiteres vor. Alle Bilder sind miteinander verknüpft.

Ihr habt eure Symbole.

Gilles: Wir benutzen sehr einfache Dinge. Einfache Formen, die wir mit einer Person in Verbindung bringen. Also Elemente wie Blumen. Herzen. Wasser. Himmel. Flammen. Was das im einzelnen bedeutet, darüber machen wir uns keine Gedanken.

Pierre: Oft machen uns diejenigen, die unsere Arbeiten betrachten, auf etwas aufmerksam, was uns entgangen ist. Die anderen helfen uns quasi zu entdecken, was wir kreiert haben. Erst machen wir etwas und dann entdecken wir es durch die anderen. Wenn wir Tränen malen, fragen wir uns nicht, warum. Wir wissen es nicht. Wir malen sie einfach. Man könnte vieles erfinden und erzählen, aber ich will nicht lügen. Ich bin kein Lügner. Warum auch? Es handelt sich stets um ganz einfache Dinge wie Tränen und Blut. Stets verbunden mit einer großen Zärtlichkeit und mit Gewalt gemischt. Wir mögen es, alles miteinander zu vermischen. Alle Gegensätze, die das Leben ausmachen.

Eurer Kunst wird vorgeworfen, kitschig zu sein.

Gilles: Keine Ahnung, was ich dazu sagen soll. Man hat schon so vieles behauptet. Aber der Vorwurf trifft uns nicht.

Hat sich durch die Zusammenarbeit die Malerei verändert?

Gilles: Es war eher ein Weitermachen, kein Neubeginn. Jetzt ist die Fotografie so normal und gegenwärtig, wie es nie war.

Pierre: Gilles machte eine Menge, wovon ich keine Ahnung hatte. Es interessierte mich zwar, aber ich kannte es nicht. Entdeckungen zu machen, das reizt mich auch heute noch.

Gilles: Es gibt immer noch viel zu entdecken.

Erinnert ihr den Moment, wie ihr euch nach Fertigstellung eures ersten gemeinsamen Bildes fühltet?

Gilles: Wir waren überaus glücklich darüber, und ich fühlte mich sehr wohl, weil ich in dem Augenblick merkte, wie sehr wir miteinander verbunden waren. Seitdem hat keiner von uns mehr alleine gearbeitet. Damit hörten wir auf der Stelle auf und hatten dazu auch absolut keine Lust mehr. Es gab kein Zögern, und es fühlte sich einfach besser an, viel besser.

Wie geht ihr damit um, wenn Unterschiede auftreten?

Gilles: Es ist einfach so, dass wir uns ergänzen. Es gibt einiges, wovon ich überhaupt nichts verstehe, und Pierre kennt sich darin aus. Von anderen Bereichen, die mir liegen, hat er wiederum keine Ahnung. Wir beide haben Lücken. Gut, wir unterscheiden uns voneinander. Wenn ich spreche, sagt Pierre nichts, und wenn er spricht, schweige ich.

Pierre: Es gibt einfach Bereiche, wo ich nicht gut bin.

Gilles: Apropos Unterschiede, wenn es Pierre nicht gut geht, kann es sein, dass ich mich wohl fühle. Es kann auch passieren, dass, wenn Pierre gut drauf ist, es mir beschissen geht.

Eure Beziehung wird auch von der gemeinsamen Arbeiten mitgetragen, oder?

Gilles: Ja, das ist uns wichtig. Gerade weil wir so verschieden sind, entwickeln wir uns auf diese Weise weiter. Ich führe Pierre dorthin, wo er allein nie vorgedrungen wäre, und er lockt mich wiederum in Bereiche, die mir neu oder fremd sind. Wir ziehen uns gegenseitig in bestimmte Richtungen, wohin jeder für sich nie gelangt wäre.

Der Unterschied zwischen euch besteht wohl nicht nur darin, dass der eine fotografiert und der andere malt. Wie seht ihr das?

Gilles: Seit jeher interessierte mich die Fotografie, und sie zog mich genau so an wie die Malerei. Als ich malte, benutzte ich auch Fotos, und Pierre machte sie für mich, um mir bei meiner Malerei zu helfen. Anfangs.

Pierre: Und auch ich interessierte mich für Malerei. Jedenfalls spielte ich ein bisschen mit den Fotos und hatte Lust, weiter zu kommen.

Gilles: Ich glaube, wir beide liebten immer schon beides. Die Fotografie und die Malerei. So ist das, und es war wohl die Liebe zu beiden Medien, die uns zusammenbrachte.

Ist, was ihr macht, themenabhängig?

Gilles: Nicht von Anfang an. Zunächst inspirierten uns die Reisen, die wir nach Marokko und Indien unternahmen. Es waren die vielen kolorierten Bilder von Filmstars, von prominenten Persönlichkeiten und auch religiöse Bilder, die uns bewegten. Wir bewunderten sie und wollten daraus Bilder machen. Wir fingen also ganz einfach an und entwickelten die Dinge ganz langsam.

Pierre: Vieles kommt durch unser Leben und Bekanntschaften, die wir machen. Nichts geschah von ganz allein.

Gilles: Zunächst arbeiteten wir einfach gerne zusammen. Weder dachten wir daran, noch hatten wir Bock, in Galerien auszustellen. Auch ahnten wir nicht, dass eines Tages Museen auf uns zukommen würden. Das lag auch gar nicht in unserer Absicht. Wir wünschten einfach nur, bestimmte Bilder zu machen, und glaubten, dass unsere Arbeit auch nirgendwohin passt. Es war uns wichtiger, mit Freunden zusammen zu sein, für sie Plattencover zu entwerfen oder für Zeitschriften zu arbeiten. Davon lebten wir, aber wir waren zunächst auf Nebenbeschäftigungen angewiesen.

Versteht ihr eure Arbeit als Privatsache?

Gilles: Zunächst war es so, ja. Es war quasi unser Leben. Die Bilder wirken, wenn wir sie uns anschauen, fast wie ein Familien-Album, was sich durch alle Modelle zieht. Darin spiegeln sich unsere Gefühle und die Momente des Lebens und des Herzens wieder. Jedes Mal treten sie zu Tage. Sowohl schwere, traurige als auch glückliche, beglückende Momente. Was wir hervorbringen, ist einfach so, wie wir sind. Wir versuchen nicht, von uns abzulenken. Ja, wir mögen diese Sachen gerne. Unsere Arbeit hat also etwas sehr Persönliches und ist uns so wichtig, dass sie mehr als die Hälfte unserer Zeit in Anspruch nimmt.

Pierre: Woran wir anfangs noch nicht dachten, das waren die Abenteuer.

Gilles: Ja, die Zusammentreffen mit anderen. Mit Sängern und Schauspielern.

Welche Rolle spielen eigentlich die Reisen bezogen auf Kunst und Leben?

Gilles: Sie sind nie notwendig, aber wir reisen gerne. Als ich klein war, träumte ich von Reisen in die weite Welt und ging oft ins Kino. Außerdem wohnte ich am Meer und beobachtete Boote bei ihrer Ankunft und Abfahrt. Einige nahmen Kurs auf die Antillen. Die Boote, die ich sah, kamen aus allen Herren Ländern und lagen da vor Anker, um bald wieder Kurs zu nehmen. Irgendwohin. Etwa nach Hongkong. Das regte zum Träumen an. Auch die Seeleute, wenn sie vom Schiff kamen, ließen der Fantasie einen Spielraum. Heute sieht man ja keine mehr. Ich redete oft davon, auf Reisen zu gehen, und verspürte dazu auch große Lust. So machten wir uns gemeinsam auf den Weg. In Länder, die uns lockten.

Ist dir das Reisen ebenso wichtig?

Pierre: Aber ja, besonders die Reise nach Algier, das war ja unsere erste weite Reise.

Gilles: Als wir überlegten, nach Indien zu fliegen, wussten wir absolut nichts über dieses Land. Die Kultur. Die Menschen. Wir hatten noch nicht einmal eine Ahnung, warum wir dorthin wollten. Aber der Klang des Namens des Landes lockte uns, und so zogen wir los, ohne auch nur einen Blick auf die Landkarte geworfen zu haben. Wir hielten lediglich das Flugticket nach Bombay in Händen, mehr nicht. Unwissend, brachen wir mit wenig Mitteln auf. Ja, wir liebten diese Art der Annährung und entdeckten für uns das indische Kino. Voller Bewunderung schauten wir uns alle bekannten Filme an und suchten die Kinopaläste auf. Für alles das und auch für die Poesie hatten wir ein Feeling. Damals gingen wir viel aus und schlugen uns ganze Nächte um die Ohren. Heute passiert das seltener. Aber damals waren wir viel unterwegs und reisten gerne.

Dass das nicht mehr der Fall ist, womit hat das zu tun?

Gilles: Man verändert sich. Glücklicherweise übrigens. Man kann ja nicht immer gleich bleiben. Aber was hat sich nun geändert? Ja, das ist schwer auf den Punkt zu bringen. Aber eines ist gewiss, wir haben uns verändert. Wenn ich unsere Arbeit sehe, bedaure ich nichts. Ich bedauere übrigens niemals etwas. Weil alles echt ist und zu seiner Zeit passte. Ich glaube, unsere Arbeit spricht für sich. Sie ist gut. Sie erzählt von unserem Leben. Von den sich verändernden Lebensphasen. Von Augenblicken. Von uns. Eben von allem, was unsere Lebenswelt betrifft.

Hat eure Art, Bilder zu machen, etwas Narratives?

Gilles: Wir gehen da ungefähr so heran, als schrieben wir ein Gedicht oder ein Lied. Es ist durchaus damit vergleichbar. Denn wir drücken aus, was wir im Herzen fühlen. Jedes Bild ist wirklich wie ein Lied.

Pierre: Es gibt traurige, es gibt lustige und Liebeslieder wie die von Edith Piaf oder Charles Trenet.

Gilles: Oder die Gedichte von Arthur Rimbaud. Das sind nur annährende Vergleiche, wobei Chansons uns vertrauter als Gedichte sind. Ich kenne mich in der Lyrik wirklich nicht so gut aus! Ich höre Gedichte stets als Lieder. Wir verehren das Chanson.

Inspirieren euch auch Gedichte?

Pierre: Eigentlich nicht so sehr. Es ist eher die Idee des Gedichts desjenigen, der da etwas thematisiert. Die Gedichte an sich, nein. Ich las auch nicht so viele.

Gilles: Und ich ebenfalls nicht. Dafür aber schrieb ich in jungen Jahren selber welche.

Mögt ihr die Chansons von Leo Ferré?

Gilles: Aber ja, die finden sich auch wieder. Leo Ferrés Chansons kenne ich jedoch nicht gut genug. Aber ich bewundere ihn als Person, weil ich Sänger schätze, die selber texten. So auch Edith Piaf. Leider kam es nicht mehr dazu, Dalida zu fotografieren. Wir sollten sie für ein Plattencover fotografieren und hatten auch das Dekor bereits vorbereitet und auch eine Bildidee. Für Dienstag war der Fototermin angesetzt, und Sonntags zuvor nahm sie sich das Leben. Wir trafen noch ihren Bruder, doch um ihr zu begegnen, dafür war es zu spät.

Sie war eine tragische Persönlichkeit. Habt ihr eine Schwäche fürs Tragische?

Gilles: Ja, ich bewundere Dalida. Ich mag ihr Leben, wirklich ein sehr tragisches. Aber das Leben an sich ist oft eine Tragödie.

Pierre: Und ein großes Glück.

Es geht euch wohl auch um die paradoxe Idee einer melancholisch gestimmten, auch zerbrechlichen Schönheit.

Gilles: Darüber machten wir uns noch nie Gedanken. Aber es stimmt schon, dass wir beide melancholisch sind. Jedoch ist das kein anhaltender Zustand. Das wäre ja weder lustig noch möglich, sondern krank. Kunst ist übrigens immer melancholisch.

Versteht ihr eure Bilder als Geschichten?

Gilles: In den Bildern stecken Geschichten. Für uns ist jedes Bild wie eine Geschichte. Deshalb sagen wir, es sei wie mit einem Chanson, weil mit den Bildern Geschichten hervorgerufen werden.

Vielleicht ein bisschen mehr über den Prozess des Zusammenarbeitens!

Gilles: Über das Procedere?

Pierre: Wir diskutieren viel. Außerdem spielen die Treffen eine Rolle.

Gilles: Auch die Modelle sind wichtig. Oft begleiten wir sie durch die Stadt. Die Situationen, die dabei entstehen, inspirieren uns. Alles geht irgendwie zusammen. Unser Leben ist eng damit verbunden, dass wir andere treffen. Zwangsläufig. Wir reden miteinander. Zeichnen zusammen. Machen Entwürfe. Haben Ideen. Alles zusammen bildet eine vollständige Einheit. Wir konstruieren den Körper im Verhältnis zum Modell, dem letztendlich eine wichtige Rolle zukommt. Es fängt mit ersten Entwürfen an, und irgendwann sind wir mit einer Idee einverstanden, die wir schließlich umsetzen. Wir konstruieren den Körper, wählen das Dekors aus. Auch die Kleidung, die Schminke und die Frisur. Je nachdem, wie es sein soll. Alles wird von uns wie im Theater vorbereitet und immer, was uns wichtig ist, bei uns unten in unserem Studio ausgeführt. Nach vielen Vorbereitungen benötigen wir für die Realisierung eines Fotos in der Regel einen Nachmittag. Von mehreren Fotos wählen wir eines aus, wovon wir einen großen Abzug machen. Anfangs fielen sie klein aus. Jetzt sind sie so groß, dass wir darauf malen können. Am Ende von allem steht das Gemälde. Es gibt nur eins, weil der Abzug mit dem Pinsel bearbeitet ist.

Mit wem habt ihr zusammengearbeitet?

Gilles: Mit verschiedenen Modellen.

Welche anderen Künstler, egal ob zeitgenössische oder Alte Meister, beeinflussten euch?

Pierre: Es gibt eine Vielzahl Künstler, die wir mögen. Es ist immer schwierig, sie zu benennen. Da gibt es die alte Kunst und Meister wie Gustave Moreau. Es sind Tausende, die uns ansprechen.

Gilles: So neugierig, wie ich bin, mag ich eigentlich alle. Ich liebe Kunst an sich. Das ist furchtbar banal. Alles das beflügelt uns letztendlich. Vor allem haben wir es mit der unbekannten Kunst. Mit der Kunst der Straße. Mit den kleinen Bildern und der populären Kunst. Mit der Kunst der Zeitschriften. Also auch mit Dingen, die nicht als Kunst durchgehen. Das gefällt uns genau so gut wie das, was als große Kunst hofiert wird. Das alles bringt uns weiter.

Ihr lerntet auch Amanda Lear kennen?

Pierre: Das war der erste Star, der uns fragte, ob wir mit ihm zusammenarbeiten möchten.

Gilles: Es ging um ein zu illustrierendes Schallplattencover. Im Grunde eine Auftragsarbeit. Sie wünschte es auf jeden Fall ganz natürlich und sagte uns, sie möchte nicht herausgeputzt werden, sondern aussehen wie jeden Tag. Wir machten es auch ganz einfach. Damals wohnten wir in einem ganz kleinen Viertel und waren überaus zufrieden, dass sie mit ihrem Wunsch auf uns zukam. Denn wir bewunderten sie. Heraus kam ein kleines, ein ganz einfaches Bild. Würden wir es heute machen, fiele es gewiss anders aus.

Wie lerntet ihr Amanda Lear kennen?

Pierre: Sie hatte unsere Fotos in Zeitschriften gesehen und rief uns an.

Gilles: Seitdem sind wir …

Pierre: … Freunde und trafen uns danach noch oft. Aber wir arbeiteten nie wieder zusammen.

Gilles: Es kam einfach nicht mehr dazu und hat nichts damit zu tun, dass wir dazu keine Lust gehabt hätten. Wir mögen sie sehr. Es gibt auch andere, die möchten, dass wir mit ihnen etwas machen, und auch wir wünschen es seit langem. Aber es kommt nie dazu. Aus Zeitgründen. So etwa Jean-Beatrice Dalle. Jedes Mal, wenn wir uns sehen, beteuern wir gegenseitig, unbedingt zusammen ein Bild zu machen. Wir mögen und verstehen uns gut. Aber es kam nie dazu.

Vielleicht noch etwas zu der Situation mit Amanda Lear: Wie war die Atmosphäre zwischen euch und ihr?

Gilles: Auf jeden Fall recht lustig. Wir machten die Fotos ja bei ihr, was heute so nicht mehr vorkäme.

Pierre: Es ist als Bild anders, weil es schon so lange her ist. Damals gingen wir noch auf eine andere Art und Weise vor.
Wir gingen zu ihr, klingelten, warteten fast drei Stunden vor ihrer Tür und wussten nicht, was passieren würde. Ganz plötzlich machte sie die Tür auf. Ich glaube, sie war gerade mit ihrem Freund beschäftigt. Sie war sehr müde. Es war wohl mitten in der Nacht, also verdammt spät.

Gilles: Ja, sehr spät in der Nacht. Warum fragst du so stark nach, wie es mit ihr war?

Pierre: Ich glaube, er interessiert sich für Amanda Lear.

Gilles: Ja, sie war sehr speziell. Nicht wahr? Weil wir drei Stunden auf sie warteten und nett sein mussten.

Pierre: Ich habe sie übrigens einmal ganz alleine in ihrem Hotel fotografiert. Sie war nett, lustig und intelligent.

Gilles: Und sie macht immer das, wozu sie gerade Lust hat. Sie amüsiert sich gerne, und es bereitet ihr großen Spaß, das zu tun, was ihr gefällt.

Wenn ihr mit jemandem zusammenarbeitet, habt ihr dann eine Vorstellung von ihm, für die ihr dann ein bildliches Äquivalent sucht?

Pierre: Manchmal erzählen sie uns Geschichten, die sich in den Bildern auch widerspiegeln. Jede Person hat verschiedene Seiten an sich. In einer Persönlichkeit kann etwas Diabolisches sein, was wir dann vielleicht noch verstärken.

Gilles: Mit Marc Almond haben wir beispielsweise zusammengearbeitet. Es entstanden eine Vielzahl sehr unterschiedlicher Bilder. Mal lassen wir ihn als Heiligen auftreten. Mal als Teufel. Er inspirierte uns zu allem möglichen. Dabei ist er auf den Bildern immer er selbst, hoffe ich. Wir spürten ihn nur in all seinen Facetten auf. Da er ein guter Freund von uns ist, kennen wir ihn in all seinen Facetten. Die Lust, mit ihm zusammen zu arbeiten, ist nach wie vor nicht verebbt.

Was sagte er zu den Bildern?

Gilles: Er wartet darauf immer noch voller Ungeduld.

Pierre: Völlig in dem Bild aufgehend und uns vertrauend, ließ er uns viele Freiheiten. Zwischen uns herrscht ein herzliches Einvernehmen.

Ihnen ist wohl der private Kontakt wichtig, um Kunst zu machen?

Gilles: Ja, für uns ist das so. Die gemeinsam bei uns verbrachten Nachmittagstunden mit den Modellen, die wir fotografieren, sind wie kleine Feiern, also sehr spaßig. Es werden Vorbereitungen getroffen. Man verbringt viel Zeit miteinander. Es ist so, als würde man Freunde zu sich nach Hause einladen.

Wieso sind Privatkontakte zu den Fotografierten nötig?

Gilles: Weil wir dadurch die Person besser kennen. Wenn es schon mal vorkam, dass wir jemanden fotografierten, den wir nicht gut kannten, so war das eher die Ausnahme. Je besser wir jemanden kennen, um so besser verstehen wir, wer er ist. Um so mehr fällt uns ein und um so mehr sind wir in den Träumen. In gewissem Sinne kommen wir mit ihm eher weiter und gehen auch eher zusammen.

Pierre: Es ist uns unmöglich, mit jemandem zu arbeiten, den wir nicht leiden können.

Verändert ihr etwas, nachdem ihr ein Modell fotografiert habt?

Gilles: Ja. Alles ist zwar da, aber es soll noch perfekter werden. Perfekter ist das falsche Wort, aber. Es geht um die Vervollkommnung. Um Perfektion. In der Malerei steckt die Zeit, während das Foto nur einen bestimmten Moment festhält. In der Malerei steckt nun nicht nur mehr Zeit. Alles wird da auch irrealer, traumähnlicher. Das ist auch im Foto, wie wir es begreifen, so. Auch dort entsteht durch künstlichen Dekore eine Traumatmosphäre. Die Lichtquellen sind nachträglich erfunden, die Dekore ebenfalls. Es sind keine Fotos, die mal eben so gemacht wurden.

In welche Richtung treibt ihr die Idealisierung eurer Modelle?

Gilles: In die Richtung, die in unser Inneres führt. Was wir nicht wissen, ist diese eine Seite. Wer sich ein Bild von uns anschaut, soll sich dabei so gut wie eben möglich fühlen.

Pierre: Es soll ein bisschen so sein, dass man die Seele des Modells fühlt.

Gilles: Dass man sein Geheimnis erahnt. Weil das Leben ein Geheimnis ist, erscheint auch das Bild geheimnisvoll.

Ist das auch ein Bedenken von Vergangenheit, Zukunft und Gegenwart?

Gilles: Ja, es ist auch ein Nachsinnen über den Tod und die Zeit davor und vor dem Sein. Über die Eigenartigkeit des Seins.

Und über die Schwierigkeiten des Lebens?

Gilles: Ja, aber eher über die Eigenartigkeit als über die Schwierigkeiten des Seins. Ich glaube, es ist ein Nachdenken über uns und die anderen. Ganz zwangsläufig. Denn wir sind immer auch ein bisschen so wie die anderen, insofern wir sie widerspiegeln. Ja, wir sind mehr die anderen.

Was hat sich mit der Zeit verändert?

Gilles: Im Alter von zwanzig Jahren, da wir zusammenfanden, waren wir natürlich anders drauf als heute. Verspielter und sorgloser, aber inzwischen mussten wir erfahren, dass das Leben härter ist und dass es in der Welt viel grausamer zugeht, als wir es damals annahmen. Das mussten wir in unserem Umfeld spüren und das nahm Einfluss auf unsere Arbeit, die ernster geworden ist.

Vielleicht verratet ihr mir ein paar Details eurer Biographie und was ihr gemacht habt!

Gilles: Du willst, dass wir über unsere Entwicklung sprechen?

Ja, und auch über existentielle Dinge?

Pierre: Was heißt existentiell?

Gilles: Im Zusammenhang mit unserm Leben?

Ihr erwähntet ja, dass das, was ihr macht, auch ein Nachdenken über eure und die Existenz der anderen sei. Geht es euch dabei um Themen wie Existenz, Glück, Liebe und Tod.

Gilles: Ja, alles, was du sagst, stimmt.

Pierre: Es ist immer beides. Ein Nachdenken über uns und die Kunst. Das lässt sich nie trennen

Gilles: Das ist wirklich eng miteinander verflochten. Wenn wir über uns sprechen, so immer auch über die anderen. Das geht ineinander über. Ich hatte immer den Eindruck, eher wie die anderen als wie ich selbst zu sein, und verstand nie, was es heißt, als eigenständiges Wesen zu existieren. Ich habe wirklich keine Ahnung, was das ist. Wir sind wie alle anderen. So empfand ich es seit jeher.

Kommt eure Kunst aus einem spontanen Impuls?

Gilles: Es ist eine instinktive Kunst. Wir werden von etwas provoziert. Von einer Lust oder einem Verlangen. Wir haben das strikte Bedürfnis, zu arbeiten. Wenn wir dem nicht nachgeben, fühlen wir uns unglücklich. Das Arbeiten macht uns selbst dann, wenn Schwierigkeiten auftreten, glücklich.

Was machte jeder für sich, ehe ihr euch in die Arme gelaufen seid?

Gilles: Da arbeitete jeder für sich. Pierre als Fotograf und ich als Maler. Ich malte Dinge wie zwei kleine Plüschtiere. Es war die Zeit, wo ich mich suchte, und die lässt sich am besten anhand von Büchern vorführen.

Und du, Pierre?

Pierre: Ich machte Fotos, meist in Schwarzweiß. Von Personen und Freunden. Jeder von uns war wohl auf der Suche nach etwas, was ihm entspricht.

Gilles: Mir gefiel die Idee, etwas zu schaffen. Malen, das war etwas, was ich gerne machte. Schon bevor ich Pierre kennen lernte, und ihm ging es genau so. Das lief wohl parallel.

Versteht ihr eure Kunst als Demonstration eurer schwulen Lebensform?

Gilles: Wir gingen damit immer ganz natürlich um, weil es zu uns gehört, und haben es auch nie geleugnet, schwul zu sein. Niemals. Wir wussten, dass es wahr ist. Aber unsere Kunst spricht jeden an, und es ist nicht unsere Absicht, eine spezifisch homosexuelle Kunst zu machen. Wir sind eben so, das ist alles.

Hat Eure Kunst irgendwo auch einen politischen Tenor, insofern ihr eine andere Ästhetik und Lebensform vor Augen führt?

Gilles: Sicherlich nicht im engeren Sinne. Aber unbewusst spielt es irgendwo mit. Es geht uns darum, so aufrichtig wie echt zu sein. Es war seit jeher meine Überzeugung, mich so geben zu wollen, wie ich bin. Man darf sich nie etwas verbieten, selbst wenn man etwas liebt, von dem die Leute sagen, es wäre idiotisch oder dumm. Wer etwas liebt, muss dazu stehen, und dann hat er auch keine Angst mehr, es zu lieben. Anders zu leben, kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen.

Nun ist, was ihr macht, von euren Erfahrungen abhängig?

Pierre: Ja, es sind die Erfahrungen des Lebens,

Gilles: Es ist eine reale und erträumte Existenz. Im Grunde fingieren wir uns ein anderes Leben. Die Arbeit steckt in unseren Herzen und Köpfen und setzt sich nicht nur aus dem zusammen, wie wir wirklich leben. Die erträumten Dinge und das, was wir gerne machen würden und noch nicht realisiert, gehören ebenso dazu wie das, was wir bereits gemacht haben.

Einige eurer letzten Arbeiten, die ich bei Jéróme de Noirment in Paris sah, thematisieren den Tod vor dem Hintergrund von AIDS.

Gilles: Ja, aber das ist nicht ganz neu. Es war in unserer Arbeit immer präsent. Aber es stimmt, es hat sich verstärkt.

In früheren Arbeiten, die die körperliche Liebe und das Begehren umkreisen, geht es noch recht idyllisch zu. Recht unbefleckt von der Erfahrung des Todes, die jetzt das Glück der Liebe unangenehm überschattet.

Gilles: Ja, das stimmt. Aber selbst in Arbeiten wie Les Naufragées oder in den Bildern vom Paradies, wo es nicht direkt angesprochen ist, wird der Tod mit thematisiert. Selbst in Les Pleureuses oder in Bildern, wo wir auf Religiöses anspielen, sprechen wir davon, wenn auch etwas verdeckter. Das ist etwas, was wir ausdrücken müssen.

Entwickelt, wer schwul ist, unter bestimmten Umständen eine andere Sensibilität. Und: Sieht er Dinge anders?

Gilles: Ja, aber. Jeder ist anders. Ich unterscheide nicht gerne in hetero oder schwul. Man ist zwar anders, aber gleichzeitig auch wie die anderen. Wenn man die Geschichte der Malerei einmal Revue passieren lässt, so stößt man auf viele schwule Künstler. In allen Epochen. Leonardo da Vinci. Caravaggio. Francis Bacon. Um nur wenige zu erwähnen. Es gibt halt viele Arten, schwul zu sein. Keine davon gleicht einer anderen.

Wer von den schwulen Künstlern war euch wichtig?

Gilles: Ich mag nicht nur schwule Künstler, sondern alle. Mir stellt sich die Frage auch gar nicht, ob jemand schwul ist oder nicht.

Ich stelle die Frage nach der anderen Wahrnehmung vor dem Hintergrund, dass das Leben für jemanden, der schwul oder lesbisch ist, immer noch problematisch. Auch heute, trotz Fernsehen und trotz Kinos, wo Schwule ihre beklatschten Auftritte haben.

Gilles: Ja, das ist so. Aber anfangs dachte ich nicht, das Leben eines Homosexuellen sei schwieriger als ein heterosexuelles. Erst durch AIDS wurde mir klar, was anders ist. Zuvor ging ich davon aus, das Leben sei gleich schwer. Nicht nur für Schwule. Manchmal ist es auch ein Glück, dass es mühselig ist. Man muss immer auch die andere Seite der Medaille sehen. Es ist wirklich ein Glück für das Leben. Wenn alles leicht von der Hand ginge, fehlte ihm die Spannung, die es erst interessant macht. Es muss auch mal komplizierter sein dürfen, und das Leben ist notwendigerweise schwierig. Aber für alle. Davon ist keiner ausgeschlossen.

Worin besteht der Unterschied zwischen damals, als ihr entdeckt habt, schwul zu sein, und heute?

Gilles: Jede Zeit bringt Veränderungen mit sich, wirkt anders. Es ist für jeden anders. Es gab zu allen Epochen und auf der ganzen Welt Homosexuelle. Nur in manchen Ländern werden sie gequält, gefoltert, grausam behandelt, verfolgt und sind rechtlich nicht gleichgestellt. Es ist verboten, schwul zu sein, und man tötet sie dafür, dass sie anders sind. Einfach furchtbar. Im Gegensatz dazu spricht man in Frankreich überall davon und mittlerweile von nichts anderem mehr. Viele Filme drehen sich darum. Inzwischen kehrt es als großes Thema überall wieder. Vorher sprach man darüber mehr oder weniger im Verborgenen darüber, oder gar nicht. Jetzt ist es in aller Munde.

Wie erlebtet ihr euer Coming-out?

Gilles: Ich war ein Spätsünder, hatte damit aber keine Schwierigkeiten.
Ich glaube eher, es war ein Glück für mich, auch wenn ich schon älter war. Ohne auch nur ein bisschen beunruhigt zu sein, fand ich mich damit ab, dass ich so bin, wie ich bin. Es war letztendlich angenehm, die schönen Seiten des Lebens zu entdecken. Als ich merkte, dass ich homosexuell bin, war ich zufrieden und lernte mich noch besser kennen. Ja, das Leben wurde dadurch noch spannender und reicher, und mir stellten sich noch mehr Fragen. Das Leben war noch leidenschaftlicher.

Pierre: Als ich jünger war, war das Leben noch spannender. Mit der Zeit wurde es immer weniger geheimnisvoll.

Gilles: Das ist normal, oder nicht?

Nun kreiert ihr mit euren Bildern ja auch eine schwul-imaginäre Welt. Wie reagieren Betrachter darauf? Hat sich das Bewusstsein der heterosexuellen Öffentlichkeit geändert?

Gilles: Vielleicht, ja.

Im Grunde beschreibt ihr ja eine andere Lebensform, oder?

Pierre: Ja, sicherlich. Es stimmt, wir bekommen viele Briefe von Jungen und Mädchen. Es ist zwar nicht so, dass unsere Fotos helfen, aber es stärkt vielleicht ihr Bewusstsein. Es ist wahr, wir fühlen uns mehr zu den Schwächeren hingezogen. Höchstwahrscheinlich handelt unsere Arbeit auch davon. Wir freuen uns auch, wenn wir von jungen Schwulen Briefe erhalten, wie vor einiger Zeit noch geschehen, als uns ein Junge aus Hongkong mitteilte, unsere Arbeit hätte ihn dazu ermutigt, sein Schwulsein zu akzeptieren. Solche Bekenntnisse machen uns glücklich. Als wir die Serien mit den Heiligen machten, bewegte das eine ganze Reihe von Priestern und religiöse Menschen. Sie erkannten sich in unseren Bildern wieder und waren froh darüber, neue Darstellungen von Heiligen zu sehen. Aber ich glaube, dass wir wirklich jeden ansprechen. Es gelingt uns mit unserer Arbeit, sehr direkt über Homosexualität zu sprechen, und gleichzeitig geht es um Heterosexualität, vielleicht aus unserer Sicht. Aber letztlich muss sich die Arbeit jedem gegenüber offen halten. Dass das uns wirklich gelingt, belegen auch Briefe von Nichtschwulen. Von überall her. Von älteren Damen. Wirklich von einer Unzahl Leuten. Sogar Kinder mögen unsere Arbeit. Polemische Reaktionen kratzen uns nicht.

Gilles: Was unsere Bekanntheit angeht, so nahm sie mit den Jahren natürlich zu. Was wir gut finden, ist, die Leute durch unsere Bilder zu berühren. Wenn wir in Museen ausstellen, so freuen sich diejenigen, die dort arbeiten, sogar die Museumswächter, uns wiederzusehen. Sie reden gerne mit uns über die Bilder.

Pierre: Es gefällt uns, Extreme kennen zu lernen.

Auf gewisse Leute wirken eure Bilder wie eine Provokation per Demonstration einer schwulen Lebenspraxis.

Gilles: Es ist eigentlich keine Provokation, sondern ganz natürlich verglichen mit der Welt, in der wir leben. Wir versuchen, von den Dingen zu sprechen, die aus uns herauskommen. Jede Kunst ist Provokation, und jeder Künstler arbeitet damit.

Pierre: Was die Homosexualität angeht, so hatten wir nie Probleme damit.

Gilles: Wir erlebten den Start der schwulen Presse und arbeiteten während der 80er Jahre für all diese Magazine. Dass wir bei Gai Pied publizierten, verhinderte nicht, dass wir gleichzeitig für Playboy oder die Frankfurter Allgemeine Zeitung arbeiteten. Ich denke, dass wir keine homosexuellen Künstler sind, die ausschließlich für Homosexuelle produzieren. Wir haben nichts zu verteidigen. Als homosexuelle Künstler sind wir für alle da.

Vielleicht etwas mehr über den erotischen Aspekt eurer Kunst.

Gilles: Ja, in unserer Kunst herrscht ein großes Maß an Sinnlichkeit. Der Körper, seine Ausstrahlung und das Gesicht sind uns wichtig, was in der Kunst ja nichts ungewöhnliches ist. Selbst in der abstrakten Kunst nicht. Vielleicht sprechen homosexuelle mehr vom Körper als andere Künstler.

Eure Art des erotischen Ausdrucks hat sich mit der Zeit gewandelt.

Gilles: Ja, weil das Leben, die Begegnungen, Erfahrungen und Dramen einen verändern. Schon dadurch, dass man mit Akteuren aus dem Pornogeschäft zusammenkommt, wird man zu anderen, zu neuen Bildern animiert. Ohne die Modelle wäre das alles anders. Sie tragen unsere Bilder.

Pierre: Wir arbeiten mit Leuten zusammen, die sich gerne über ihren Körper ausdrücken, und so neigen wir auch eher zu Körperaufnahmen, weil sich die Modelle eher dazu bereit erklären.

Gilles: Die Arbeit mit unterschiedlichen Leuten ist eine Bereicherung. Es sind übrigens die anderen, die sich zur Arbeit schleppen. Wir reflektieren nur das Leben. Es dreht sich also nicht nur um uns, sondern ums Ganze.

Wie groß ist der Einfluss der Modelle?

Gilles: Es sind nicht die Modelle, sondern die Freunde oder diejenigen, die wir bewundern. Dabei kommt alles von ganz alleine. Es war übrigens Catherine Deneuve, die von uns fotografiert werden wollte. Wir können jemanden sehr schätzen. Mit ihm sprechen, miteinander telefonieren und ihn treffen. Wir lassen den Dingen ihren freien Lauf. Derzeit arbeiten wir an sehr persönliche Themen. So sahen wir den Film Tropfen auf heiße Steine von Francois Ozon, weil er einen Plakat dazu von uns wünschte. Wir fanden den Film wunderbar und werden dazu etwas erarbeiten. Vielleicht mehrere Bilder, die von seinem Film, den Personen darin und all den anderen Dingen inspiriert sind. Den Film zu sehen, hat uns etwas gebracht. Unsere Arbeit ist in solchen Fällen wie ein erfrischender Austausch.

Pierre: In seinem Film dachte er übrigens von vornherein an uns, und wir bemerkten es nicht einmal.

Ist der Film euch wichtiger als die Malerei?

Gilles: Nein, überhaupt nicht. Ich liebe Gemälde und lasse mir viel Zeit, wenn ich mir etwas anschaue. Ein Film ist immer kurz. Er dauert ungefähr eineinhalb Stunden. Danach hebt man den Kopf. Bei einem Gemälde ist das anders, weil man so lange davor stehen bleiben kann, wie man möchte. Zudem hat man einem Gemälde gegenüber mehr Freiheiten.

Hat eure Arbeit mit moderner Mythologie zu tun?

Gilles: Vielleicht. Aber das haben wir uns nie gefragt. Wir tun es einfach, und es macht uns Angst, zuviel darüber nachzudenken. Es ist nicht immer gut, zuviel zu wissen. Alles, worüber wir nicht reflektieren, also das Unvorhergesehene ist das eigentlich Interessante. Alles Vorhergesehene und Gewollte war nicht anders möglich, aber auch nicht so interessant. Spannend ist jeweils das, was uns entgleitet und aus uns herauskommt, ohne uns dessen bewusst zu sein.

Übersetzt aus dem Französischen von Heike Bathge.

von Heinz-Norbert Jocks

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