Titel: Der homoerotische Blick · von Heinz-Norbert Jocks · S. 281
Titel: Der homoerotische Blick , 2001

Pierre & Gilles

Schwuler Eros und Thanatos

Ein Gespräch von Heinz-Norbert Jocks

Pierre & Gilles sind vielleicht so etwas wie Popstars einer homoerotischen Ästhetik, die sich fortlaufend selbst transzendiert. Daran liegt es wohl auch, dass ihre Anhängerschaft sehr jung und nicht unbedingt schwul ist. Es scheint, als empfänden die jungen Rezipienten die Bilder als eine willkommene Befreiung. Nicht zu übersehen ist bei Pierre & Gilles der lockere Umgang mit Traditionslinien. Ja, deren poetische Übersetzung in schwule Traumwelten. Es scheint, als nähmen Pierre, der Fotograf, und Gilles, der Maler, eine strikte Ummodellierung von Kultur vor. Beide plündern, so Dan Cameron, „den Fundus historischer Darstellungen, als ob sie in einem Stoffmusterbuch blätterten und suchen ihre eigene Identität an Orten und in Stilen, die zu anderen Welten gehören.“ Wenn sie Legenden von katholischen Heiligen zitieren, sich von der Kitsch-Reklame anregen lassen und sich durchs Dickicht der Mythologien schlagen, so ist dies mehr als nur eine von der Imitation profitierende Neuinszenierung von religiöser, populärer und mythologischer Ikonographie. Denn diese fröhliche Subversion zielt darauf, einen Strich durch die Rechnungen heterosexueller Dominanz zu ziehen. Die schwule Begierde wird hier in Bereiche überführt, wo sie bisher verdrängt war. Im Grunde haben wir es mit einer postmodernen Lesart zu tun, die die alte Polarisierung von hoher und trivialer Kultur belächelt und ad absurdum führt. Klar, dass die beiden an einer künstlichen Verschönerung einer artifiziellen Welt arbeiten, die es so nur im Traum gibt und dabei eine erotische Aufladung erfährt, ohne dass der paradoxe Charakter des Lebens unterschlagen wird. Es ist keine…

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