Titel: Der homoerotische Blick · von Antje Olivier · S. 213
Titel: Der homoerotische Blick , 2001

Antje Olivier

Von der passiven Muse zur aktiven Künstlerin

Der homo-erotische Blick von Frauen und seine lange Verdrängungsgeschichte

Wir stehen in einer Kunstausstellung des Jahres 2000. Die Ausstellung weist einen überdurchschnittlichen Frauenanteil aus: ca. 40 Prozent, das sind mehr als 35 Prozent über dem Bundesdurchschnitt. Francis Bacon ist zu sehen, fleischige Körper, verwundet, verwundbar, doch auch kraftvoll, viril. Einige Besucher diskutieren darüber, warum der homosexuelle Bacon den männlichen Körper so, gerade so gemalt hat. Im Nebenraum Fotos von Bettina Reims, erotische Fotos von Frauen, inszeniert, schön, unnahbar, artifiziell, erotisch hintergründig, ein Besucher meint, man müsse die Erotik darin mit der Stecknadel suchen. Homo-erotische Kunstwerke: Bacon und Bettina Reims? Ist nicht Reims vielmehr ein klassisches Beispiel für die Vereinnahmung des Weiblichen durch das Männliche? Hat eine solche Vereinnahmung unsere eigene Kunst nicht völlig entpersonalisiert, entweiblicht? Die Literatur, die Musik haben uns doch gezeigt, was aus weiblicher Kreativität wird, wenn sie sich an männlichen Maßstäben, von Männern reglementieren lässt. Das beste Beispiel dafür ist Bettina von Arnim und Clemens Brentano: die Wildheit, Spontaneität der Schwester wurde bis aufs Äußerste gebremst. Bettina wurde nicht durch ihre ungestümen Werke berühmt, sondern durch ihre angepassten Briefromane.

Bei Männern ist es anderes. Das „Vereinnahmen“ weiblicher und erotischer Ungezähmtheit an der Seite von Künstlern hat ihnen in den meisten Fällen zu großartigen Meisterwerken verholfen. Fällt die Muse weg, sinkt die Qualität der Kunst: dies kann man an zahlreichen Beispielen belegen. Wo aber, so fragen wir uns, bleiben die männlichen Musen angesichts dieser Fülle von weiblichen Inspirationsquellen? Welche Inspirationsquelle zapft eine weibliche…

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