Titel: Der homoerotische Blick · von Heinz-Norbert Jocks · S. 314
Titel: Der homoerotische Blick , 2001

Wolfgang Tillmans

Von der Zerbrechlichkeit der Nacktheit und der unerschrockenen Suche nach Glück

Ein Gespräch von Heinz-Norbert Jocks

Wolfgang Tillmanns, 1968 in Remscheid geboren, ist mehr als nur ein in London lebender Senkrechtstarter unter den ambitionierten Fotografen unserer Zeit, die die Herzen des Publikums mit ihren fast persönlichen Bildern vom Leben erobern, das hier ein anderes ist. Man spürt den Bildkonstellationen an, dass es ihm nie darum geht, so cool zu bleiben, dass Gefühle sich neutralisieren. Nein, ihm gelingt etwas recht Seltsames. Einerseits knüpft er daran an, was er erlebt, erblickt, hört, riecht, fühlt und denkt, und schafft andererseits den Sprung über den Tellerrand seiner privaten Wahrnehmung ins offen Allgemeine. Ja, er wagt den Schritt, das eigene Leben ins Visier zu nehmen, und mutet schließlich uns Betrachtern, die er gar nicht kennt, die Resultate seines speziellen Sehens zu. Dabei berührt er mit dem, was er visuell mitteilt, offenbar etwas Allgemein-Menschliches und hält dabei die Erinnerung an Sehnsüchte, Bedürfnisse, existentielle Fragen und Glücksvorstellungen wach. Zudem konfrontiert er uns mit einem, besser seinem Schönheitsbegriff, den er im lebendigen Austausch mit seiner Umwelt immer wieder neu formuliert und versinnlicht. Es ist ein existentialistisches Bei-Sich-Sein, verbunden mit einem Darüberhinaus, was sich hier bildlich entfaltet. Wer in Tillmans nur den passionierten Dokumentaristen seiner Generation sieht, der in Clubs untertaucht, um tanzende Männerkörper im Rausch der Zeitlosigkeit sprechen zu lassen, blendet die eigentliche Reichweite seines Blicks aus und vergisst darüber hinaus die emotionale Verbundenheit des Fotografen mit den Menschen, denen er sich nähert, den Dingen, die er beobachtet, und…

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