Titel: Der homoerotische Blick · von Christoph Geiser · S. 86
Titel: Der homoerotische Blick , 2001

Christoph Geiser

Von der (Ent-)Fesselung der (An-)Rede

Am Anfang war der Blick. Der sprachlose Blick, der verbotene An-Blick – auf dem Um-Weg über Schau- und andere Fenster-Scheiben womöglich, in Eisen- und anderen Bahnen -: der Blick sprachlosen Begehrens, vergeblich!, und: die schrecklichen Wörter. Daraus ist alles geworden – was ICH bin. Schrecklich die Wörter, weil sie einen Kon-Text herstellen; Bewusstsein; Benennung. Schrecklich der An-Blick, weil: keine An-Rede möglich! Höchstens wortlose Verschwörung. Und jede Verschwörung impliziert den Verrat; ja, setzt den Verrat voraus: verraten! verraten! die Schamröte, u.U. schon den Faustschlag oder noch Schlimmeres im Gesicht. Ein Wort, ins Gesicht gespuckt, genügte. Vernichtet! Wer möchte denn, schon in jungen Jahren, womöglich ein M. de Charlus sein, der angesichts anmutig spielender Jünglinge, Zwielinge sind’s, seine Freiheit verliert, jede Freiheit, sogar die Freiheit seine Zigarre zum Mund zu führen: kuhäugig glotzend; eine fette Hummel; le bourdon; invertiert; verdreht; andersherum, verkehrt oder weiss Gott was … Dabei war’s nur ein Augen-Blick, immer; und der Natur gemäss bei voller Bekleidung. Gesichter … Gesichter! Und: kein Gesicht. Keine Vor-Stellung noch von der Natur des Begehrens, den Stellungen. Nur … Wangen-Haut, Oberlippen-Flaum. Haar-Schnitt. Augen-Farbe. Nüstern, Mund, Kinn. Die Braun vor Erwartung gespannt … kein Studium noch der Hinterkopfformen; keine Betrachtungen von Nackenformationen; Muskulaturen; Apparaturen; keine Rede von Kehr-Seiten, im Geiste bis auf die Halb-Schleim-Haut entblösst … Allenfalls: der schöne Kontur! Eine Atem-Beraubung. Die Gestalt! Der verschwommene Umriss. Der Schatten-Riss im Glas. Der Schatten des Körpers. Kein Kutscher. Kein Fährmann: zum anderen Ufer. Vom anderen Ufer?! Es wäre – der…

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