Ausstellungen: Freiburg · von Hans-Jürgen Hafner · S. 363
Ausstellungen: Freiburg , 2004

HANS-JÜRGEN HAFNER:

Christoph Büchel

Close Quarters

Kunstverein Freiburg, 19.6.-8.8.2004

Den besten Überblick über Christoph Büchels „Close Quarters“ hat man von oben, von der umlaufenden Empore des Kunstvereins aus. Doch nicht einmal da wird es möglich, sich einen Gesamteindruck von der Totalverwandlung zu verschaffen, die der Künstler detailverliebt in Foyer und Hauptraum des Hauses vorgenommen hat. Gleich hinter dem Haupteingang geht´s nämlich los mit der Illusion: Filzboden, ein grünlich fader Anstrich, Telefonbox und Getränkeautomaten – so hat man den Kunstverein nicht in Erinnerung. Das sieht zwar nach öffentlichem Bau aus, atmet aber eher Verwaltungstristesse. Doch die große Überraschung kommt erst noch. Ans Foyer schließt eine von Holzeinbauten weitgehend verstellte Turnhalle, ausgestattet mit allerhand an die Wände geschobenen Requisiten (Matten, Turngeräte und vor allem die obligatorischen Bodenmarkierungen – im Vergleich zum Foyer wirkt alles auffällig neu!) an. Und, nach und nach, im neugierig tastenden Eindringen in die Raumsituation erschließt dieses Setting seinen Sinn. Diese „Close Quarters“ sind eine Architektur aus kleinen Kojen, standardisierte Wohneinheiten mit Stockbetten, Kühlschrank, Tisch und sonstigem, schäbigen Gebrauchsmobiliar; die Turnhalle beherbergt also ein von den Bewohnern offensichtlich verlassenes Auffang- oder Zwischenlager. Die einzelnen, teilweise begehbaren, teils verschlossenen Kabinen zeigen individuelle Züge, lassen dabei vielerlei Rückschlüsse auf Alter, Geschlecht, auf Nationalitäten aber auch auf Vorlieben und Neigungen ihrer Bewohner zu. Irgendwo in einer dieser Behausungen spielt Musik. Über dem ganzen Szenario hängt ein Mief aus Armut, aus alten Klamotten und verdorbener Nahrung. Die Atmosphäre ist vielleicht am ehesten klamm, trotz Fülle der verstreuten Zeichen seltsam entleert, geisterhaft zu nennen. Hier könnten Spekulationen über den Verbleib der Bewohner anschließen, ließen sich vielerlei Geschichtchen weiterspinnen. Jedoch: diese Installation, besser, dieses Real-Life-Environment ist natürlich kein Auffanglager oder ´Asylantenheim`. Es bildet eines nach.

Büchel (Jg. 1966) wurde bekannt durch seine Großinstallationen und Raumeinbauten wie den „Shelter“-Komplex oder das poetisch entrückte „Minus“, eine in einer Kühlbox eingefrorene Konzertsituation. Dazu kokettiert er, auch in Zusammenarbeit mit Gianni Motti, mit institutionskritischen Eingriffen nicht selten an der Grenze zum Klamauk, der Versteigerung seiner manifesta-Einladung via ebay inklusive. Zeitgleich zur Freiburger Schau präsentierte er im Rahmen der Baseler Art Unlimited einen funktionsfähigen Wachturm, ganz exakt nach einem jederzeit und seriell verfügbaren Baukasten-Prinzip rekonstruiert, wie es die US-amerikansiche Armee derzeit auch im Irak zum Einsatz bringt.

Während Environments wie „Shelter“ mit Assoziationen zwischen Krisenszenario bzw. Schutzraum oder Rückzugsort spielerisch verfuhren und vielschichtig erlebbar waren, sind die aktuellsten Arbeiten im Wortsinn zu nehmen: Sie sind als Orte benennbar und als Situationen mit spezifischer Funktion lesbar. ´Auffanglager` und ´Wachturm` so, als Inszenierungen des „echten Lebens“ ziehen ihre Brisanz – erstens aus der Bedeutung des imitierten bzw. nachgebauten Gegenstands/Sachverhalts und – zweitens aus dem Transfer, die Implantation in die Sphäre Kunst, getreu dem Motto „Kunst ist Leben“. An der Stelle kommt naturgemäß strategisch kalkulierte Moral, (Kunst!, Politik!, Kommerz!, Asylanten in Freiburg, Irak-Krieg in Basel…) ins Spiel. Wird aus Büchels Bühnenzauber sozialer Realismus, of New School fame.

Als Kunst ist das erst einmal schön fad: für Freunde des Formalen zwar ergiebig – weil man ja genau prüfen kann wie´s gemacht, wie gut das Thema bewältigt ist. Allerdings, vor der Bewertung steht die Wahrnehmung, hier das Erleben des Environments. Dabei ist der Betrachter – ohne Möglichkeit zur Distanznahme – ins Werk integriert. Doch bei Büchel hat dieses Erleben mehr mit IMAX zu tun als mit Theater. Sein Publikum sieht, riecht, hört… und staunt. Zwar könnte das „Close Quarters“-Environment als theatrale Situation durchaus wirksam werden, wenn seine Nutzer zu eigener Aktivität angeregt würden. Dafür ziehen einerseits zu viele Details, der formale Ehrgeiz dieser aufwendig installierten Illusion in den Bann. (Wir erinnern uns: In den Kunstverein – ursprünglich ein Bad – ist das Layer ´Turnhalle` eingezogen auf dem dann ´Auffanglager` zugleich als Kulisse und Bühne stattfinden kann.) Andererseits stellt diese Re-Konstruktion ihre Bedeutung als Einbau in/über den Rahmen ´Kunst` her. Dabei scheint Büchel Gefahr zu laufen die Aura von Kunst, die Macht der Institution bei seiner Platzierungstaktik zu unter- wie zu überschätzen. Der Effekt bleibt jedenfalls genauso brav wie symbolisch – für ein privilegiertes Publikum. Gleichzeitig wird das Betriebssystem affirmiert. Und die Connaisseure von heute erbauen sich an Chic und Verve dieses Authentisch-Fiktiven, bei den Gutmenschen stellen sich wohlig-unbehagliche Schauer ein: der Real-Life-als-große-Kunst-ausgestellt-Effekt in voller Funktion. Da hätte z. B. Thomas Hirschhorn aus etwas anderer Perspektive sicher auch einiges beizutragen …

Christoph Büchels Kunst ist also sicher nicht wegen der brisanten Themen oder ihrer – angeblichen – Direktheit provokant oder gar zynisch, wie man gelegentlich liest. In einem restaurativen gesellschaftlichen Klima ist das oberste Ende so ziemlich jeder Fahnenstange einfach nur schnell erreicht.

von Hans-Jürgen Hafner

Weitere Artikel dieses/r Autors*in