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Relektüren · von Rainer Metzger · S. 334 - 335
Relektüren ,

Relektüren
Folge 65

Rainer Metzger

Die Cancel Culture ist die Cause célèbre dieser Tage. Ob die Praxis des Ausladens und Stornierens, des Nicht-Dabeihaben- oder gleich In-den-Orkus-Stoßen-Wollens von Kultur zeugt, wird auf den notgedrungen zwei Seiten, die die dabei Beteiligten einnehmen, jeweils verschieden gesehen werden. Dass sich die Streitereien um die Hegemonie vor allem in den kulturellen Szenen abspielen, die dabei die klassische Rolle der Vorreiterschaft, um nicht zu sagen der Avantgarde für sich in Anspruch nehmen, steht außer Zweifel. Es ist, mit dem deutschen Wort, der Kulturbetrieb, der hier agiert. Oder mit dem französischen Begriff das kulturelle Feld. Feld /champ wäre nicht denkbar ohne Pierre Bourdieu.

Natürlich geht es bei der Cancel Culture um Verteilungskämpfe. Diejenigen, die bisher die Posten und Positionen einnahmen, sollen Platz machen für die bis dato zu kurz Gekommenen. In einer Epoche ökologisch motivierter Verknappung ist es hinfällig, weiter vom wirtschaftswunderlichen Ideal der Maximalisierung von Lebenschancen zu träumen. Man kann es nur noch zu etwas bringen, wenn jemand anderes seine Stellung räumt. In dieser Haltung steckt eine vormoderne, vor dem Zeitalter der Karbonisierung angelegte, sich also aller Vorstellungen von Wachstum und Wohlstandsmehrung enthaltende Logik. Es ist eine nachmoderne Logik, skeptisch geworden in der Erfahrung von Katastrophen. Entsprechend kann die Veränderung nur über ein Ersetzen vor sich gehen. Geeignetere werden forciert, personalisiert nicht durch solch imperialistische Kriterien wie Leistung oder Beziehungen, sondern durch die Ressource Verkörperung. Ein neuer Kriterienkatalog macht sich damit geltend. Sollte er sich bewahrheiten, ist das Ergebnis ein Phänomen, das die Geschichte gut kennt, weit zurück reichend…

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