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Ausstellungen: Düsseldorf · von Kerstin Stremmel · S. 294 - 295
Ausstellungen: Düsseldorf , 2016

Hinter dem Vorhang

Verhüllung und Enthüllung seit der Renaissance

Museum Kunstpalast 01.10.2016 – 22.01.2017
von Kerstin Stremmel

Beat Wismers letztes Ausstellungsprojekt am Düsseldorfer Museum Kunstpalast ist ein gelungenes Abschiedsgeschenk fürs kunstinteressierte Publikum und für ihn selbst geworden, Ausstellung und Katalog sind opulent, wie es einem kunsthistorischen Blockbuster gebührt: Vorhang auf für mehr als zweihundert epochenübergreifende und durchaus heterogene Werke, neben malerischen Positionen von der Renaissance bis heute werden auch Skulpturen und Fotografien gezeigt. Da die Hängung nicht streng chronologisch, sondern thematisch orchestriert ist, kommt keine Langeweile auf, obwohl man manchmal vor lauter Vorhängen die Welt nicht mehr sieht.

Den Anstoß zur Ausstellung bildete ein verwirrendes Gemälde von Tizian, das Bildnis des Filippo Archinto aus dem Jahr 1558, das Wismer vom Philadelphia Museum of Art entleihen konnte. Das Gemälde zeigt einen nach rechts geschobenen, durchsichtigen Vorhang, der den Theologen und Reformer Archinto zur Hälfte überdeckt. Die vielen Funktionen des Verbergens und Verhüllens, etwa Demonstration von Macht oder Luststeigerung, die im weiteren Verlauf der Ausstellung aufgefächert werden, können hier nicht Anlass der virtuosen Inszenierung sein. Inhaltlichen Aufschluss gibt der Katalogtext von Horst Bredekamp, der einen Konflikt zwischen dem in Mailand zum Erzbischof ernannten Archinto und der Mailänder Aristokratie und dem Klerus als Anlass für die Darstellung sieht: Archinto, der sein Amt in Mailand nie ausüben konnte, werde „mithilfe des Vorhangs in seinem gleichsam gespaltenen Status“ gezeigt. Dass sich der Saum des Vorhangs exakt durchs rechte Auge zieht, von Bredekamp als Organ der Gerechtigkeit bezeichnet, erhöht nicht nur die Ambivalenz der Darstellung, sondern lässt zugleich an die Eingangsszene des surrealistischen Films „Un chien andalou“ denken, in der ein Auge mit einem Rasiermesser zerschnitten wird.

Wismer hat in Zusammenarbeit mit Co-Kuratorin Claudia Blümle nicht nur wichtige Leihgaben zusammengetragen, sondern auch ein breites Spektrum inszeniert. Es beginnt mit Klassikern, die auf den von Plinius überlieferten Wettstreit zwischen Zeuxis und Parrhasios anspielen, den der Letztere gewann, weil Zeuxis’ Trauben zwar die Vögel täuschten, sein Vorhangbild aber den Konkurrenten täuschte. Dieses Motiv spiegelt sich in Selbstportraits etwa von Jean-Etienne Liotard, der lachend auf einen Vorhang im Bild weist, aber auch in zahlreichen Trompe l’Œil-Effekten, etwa in Scipione Pulzones manieristischer Darstellung der Maria de Medici. Hier ist der sinnliche, glänzend rosafarbene Satinstoff mit feiner Bordüre nicht bloße Draperie, sondern über eine Leinwand mit der Dargestellten geworfen, wir sehen also ein Bild im Bild. Am täuschendsten sind vielleicht die denkbar zarten weißen Gewebe, die das Antlitz der „Purita“, einer Marmorbüste von Antonio Corradini aus dem Jahr 1720, verbergen. Es ist kaum vorstellbar, dass auch sie aus diesem allzu harten Material gewonnen werden konnten, und das Aufsichtspersonal hatte am Eröffnungsabend seine liebe Not, die Betrachter vom Betasten der Stofflichkeit abzuhalten. S. sinnlich die Skulpturen und so verwirrend das Rätselspiel der Maler, die bisweilen mit offenen Karten spielen, so langweilig sind einige Fotografien von Vorhängen, bei denen man das Gefühl nicht loswird, als ginge es allein um die Aufwertung der Bilder durch die Wahl eines Motivs, das kunsthistorisch konsolidiert ist.

Neben christlichen Themen – auch das Schweißtuch der Veronika, auf dem sich das Antlitz Christi abzeichnet, wurde in den Vorhangkanon mit aufgenommen – gibt es einige erotische Finessen: Schöne Details wie die entblößten Beine in Wilhelm Trübners „Akt hinter dem Vorhang“, aber auch den voyeuristischen Zuschauer weniger subtil bedienende Bilder wie Eugène Delacroix „Der Herzog von Orleans zeigt seine Geliebte“ oder Franz Stucks „Susanna“, die sich schamhaft vor den Alten verbirgt aber dem Betrachter ihren ganzen Leib darbietet, wobei der dunkelblaue Vorhang das helle Inkarnat ihrer Haut besonders intensiv leuchten lässt.

Ein zweiter Teil der Ausstellung ist ausschließlich dem 20. Jahrhundert gewidmet und zeigt, ausgehend von surrealistischen Klassikern und einigen Verpackungskunststückchen von Christo, auch aktuelle installative Arbeiten, etwa Ceal Floyers puristischen „Double Act“ aus dem Jahr 2006, einen auf die Wand projizierten roten Bühnenvorhang mit einem Spotlight, in dessen Lichtkegel der Betrachter vor verschlossenen Vorhang nur seinen eigenen Schatten beobachten kann.

Das schönste Bild der Ausstellung ist zugleich das kleinste, und es spielt auf virtuose Weise sowohl mit Innen und Außen als auch mit zwei klassischen Motiven: Auf Edouard Vuillards „Le rideau jaune“ sieht man die Rückansicht einer Frau, die einen gelben Vorhang, der mehr als die Hälfte des Bildes bedeckt, mit der rechten Hand beiseite zu schieben sucht. Dahinter verbirgt sich jedoch nicht ein Ausblick in die Welt, sondern ein weiteres Stück Stoff oder Tapete mit floralem Muster. Seit Alberti die Metapher der Malerei als offenes Fenster zur Welt geprägt hat, waren viele Maler von dem Motiv ebenso fasziniert wie vom Motiv des Vorhangs. Bei Vuillard bietet die Malerei jedoch keinen Blick in die Weite, hinter tausend Vorhängen ist keine Welt, sondern die Malerei selbst.

von Kerstin Stremmel

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