Titel: Zeichen zur Zeit III , 2010

Reinhard Ermen

Katharina Hinsberg

Linien sind seltsame Wesen. Gezeichnet, als Teil eines Zusammenhangs bemerkt man sie vielleicht gar nicht oder nimmt sie lediglich als selbstverständlichen Teil eines größeren Ganzen zu Kenntnis. Werden sie indessen radiert oder ausgeschnitten, sind sie plötzlich so präsent, als würde man sie einzeln in die Hand nehmen. Vielleicht ist so eine Präsenz durch ständiges abwägendes Umkreisen, bis zur Auslöschung, ein Erkennungsmerkmal der Arbeit von Katharina Hinsberg. Zum Beispiel in „Diaspern“, einer Serie, die sie seit einigen Jahren beschäftigt. Eine Zeichnung wird durchaus spontan zu Papier gebracht, meist in fließenden abwärts fallenden Ranken, die durch ihre Unmittelbarkeit schon Zeichnung genug sind. In einem langwierigen Arbeitsprozess wird das zuweilen dichte Liniengewirr mit dem Skalpell eliminiert, das heißt: Die Bleistiftstriche werden, sorgsam ausgeschnitten, zu Hohlformen. Der große Rest, einschließlich zahlloser zarter Brücken hält die durchbrochene Arbeit. Figur und Grund sind partiell neu zu definieren. Das Herausnehmen oder Freilegen mag man sich dabei vorstellen als eine Mischung aus handwerklicher Sorgfalt bis hin zum stupiden Fleiß und einer hochkonzentrierten Meditationsübung. Es geschieht auch so etwas wie ein medialer Transport der Zeichnung in eine andere Seinsweise. Die Schnitte werden gleichzeitig auf ein darunter liegendes, gleichgroßes Blatt übertragen, das so durch die Schnittspuren gezeichnet ist, ohne die erste Spur der Zeichnung je gesehen zu haben. Die beiden, nahezu ähnlichen Blätter bilden zusammen einen Diptychon, eine Einheit durch die gleichzeitige Anwesenheit von zwei Zuständen eines Bildgewinnungsprozesses, der nur aus der Perspektive des ersten Blattes eine Dekonstruktion gewesen ist. Und wenn man genau hinsieht, dann ist…

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von Reinhard Ermen

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