Titel: Zeichen zur Zeit III · von Reinhard Ermen · S. 204
Titel: Zeichen zur Zeit III , 2010

Reinhard Ermen

Norbert Prangenberg

Was ist das, wo ist das? Eine Antwort wird nicht erwartet. Die Zeichnungen selbst schweigen ohnehin, dass sie diese oder ähnliche Fragen bei den Betrachtern auslösen, liegt an ihrer Unangepasstheit. Es gibt kein System, schon das nächste Blatt kann so anders aussehen, als käme es von einem benachbarten Planeten. Mit jedem Bild macht Norbert Prangenberg ein neues Fenster auf. Trotzdem gibt es so etwas wie ein morphologisches Repertoire, an dem man den Künstler im Zweifelsfalle vielleicht sogar wieder erkennt: Ornamentale, zellulare Strukturen, Kreise, ja Sonne, Mond und Sterne, Zierformen, Wellen oder Voluten. Licht und Linien, Wasserfarbe und Bleistift kommen zusammen oder bleiben für sich. Es ist taghell! Eine fast schon barocke Lust an schönen Kurven ist auszumachen und eine in der Arbeit auskristallisierte Restgeometrie, dargeboten und gefiltert mit einer unglaublichen Diskretion, um nicht zu sagen: Zärtlichkeit! Walter Grasskamp meint womöglich etwas Ähnliches wenn er von einer „situative(n) Handschrift“ spricht, „die jede Eleganz vermeidet.“ Was nicht ausschließt, dass von einigen der schüchternen Gebilde ein magisches Ego ausgehen kann. Das Wort von der Beschwörung drängt sich schon mal auf. Abgesehen von dem natürlichen Assoziationsreichtum, den sie transportieren, kippen diese Bildwelten immer wieder aus ihrer abstrakten Grundhaltung ins Figurale. Oder kommen sie etwa von Da? Auch hier ist eine Antwort nicht unbedingt erkenntnisnotwendig. „Alle meine Sachen passieren aus dem Moment“, sagt Prangenberg: „Der Augenblick der Konzentration ist wichtig, wenn das Ganze dicht wird.“ Es herrscht ein freier, durchaus naiver Geist. Das NAIVE ist hier als echtes Adelsprädikat zu verstehen, als eine Kategorie der schöpferischen Reinheit, der zu folgen nur die Auserwählten im Stande sind. Von da können die echten Gegenbilder kommen, auf die jede Gesellschaft letztlich angewiesen ist. Die wundersam anziehende Irritation, die von diesen Erfindungen ausgeht, hat ganz entschieden damit zu tun.

Was für die Bildwelten seiner Zeichnungen gilt, kann partiell auch über seine Malerei und seine Skulpturen gesagt werden. Alle drei Gattungen haben Teil am eingangs erwähnten morphologischen Repertoire, doch ergeben sich jeweils andere Konsequenzen, was auch damit zu tun hat, dass das Erfinden neuer Welten beim Sprung in ein benachbartes Medium erst recht gilt. Während es aber in seiner Malerei ab 2001 einen deutlichen Paradigmenwechsel gibt, nämlich von den trockenen, pastelligen Großformaten zu konzentrierten, kleinen Bildern mit Ölfarben, während seine Skulpturen aus Ton ohnehin Stück auf Stück eher für sich stehen oder liegen, als eine Verlautbarung sozusagen mit den Ellenbogen, erscheint die Folge seiner Zeichnungen wie ein ununterbrochener Bewusstseinsstrom, in dem, trotz der weitläufigen Erfindungskraft, die Zeit zum Teil aufgehoben ist. Vielleicht ist das auch ein Klischee, das sich den verbalen Versuchen über Zeichnung immer wieder aufdrängt, so dass in der reflektierten und gefühlten Stille die Abstände grundsätzlich als geringer erscheinen. Doch diese allgemeine Gattungsidentität ist hier greifbar. Manchmal zeigt Prangenberg auch ältere und neuere Blätter zusammen, Distanzen von mehr als zwanzig Jahren sind deutlich zu sehen. Wenn man so will, dann gab es bis zu Beginn der 80er Jahre eine vergleichsweise sachlichere Haltung, leicht angemischt mit einem analytischen Grundton, der unmerklich in die ornamentale Lust überblendet wird. Die unmittelbare Nähe bleibt. Es herrscht eine unprätentiöse Grundhaltung, im besten Sinne zu charakterisieren als Bedachtsamkeit. Ein kleiner Rest an Privatheit spielt mit, als sei manches zuerst gar nicht für die Öffentlichkeit bestimmt, ja als müsse sich Prangenberg gelegentlich einen Ruck geben, bevor er ein Blatt zeigt.

Diese durchaus vornehme Reserviertheit, darf mit falscher Bescheidenheit nicht verwechselt werden. Nicht nur in seinen Skulpturen gibt es schwere Phantasmagorien, die man von dem rustikalen wie empfindlichen Ton nicht erwartet, auch der Zeichner entscheidet sich zuweilen für Großformate (zum Beispiel: 181 x 305 cm für ein Blatt ohne Titel im Jahr 2004), die das neue Selbstbewusstsein der Gattung freudig unterstreichen. Prangenberg geht nicht mit Scheuklappen durch die Welt. Das Erstaunliche an diesen monumentalen Papieren ist, dass sie mühelos die Tugenden der kleinen Blätter ins Große nehmen. Als seien sie auf dem Tisch entstanden, mit leichter, suchender Hand, beim Aufblicken, ohne dass die Hand bei den Riesendistanzen zittern würde. Der Zeichner muss ein Riese sein, aber ein empfindsamer Riese.

Norbert Prangenberg
1949 geboren in Rommerskirchen-Nettesheim (bei Köln), Lebt und arbeitet in Niederarnbach (bei München); 1963-1967 Lehre als Gold und und Silberschmied bei C. Kessler, Köln; seit 1993 Professur an der Kunstakademie München
Einzelausstellungen (Auswahl)
2008 „Neue Bilder“, Galerie Rupert Walser, München und Galerie Karsten Greve, Köln; „Venustas et fortuna“, Kunstmuseum Kloster Unser Lieben Frauen, Magdeburg; „über und über – oder: wer malten den mücken die flügel“ Kunstverein Lippstadt; 2007 „Wasser zu Wein, Gold zu Stroh“, Produzentengalerie Hamburg; 2004/5 „Zeichnungen 1978-2004“, Kaiser-Wilhelm-Museum, Krefeld und Staatliche Kunsthalle, Karlsruhe; 2001 „Linolschnitte 1988-2001“, Städtische Galerie, Bietigheim-Bissingen; 2001 Galerie Hollenbach, Stuttgart; 1999 „Skulpturen“, Staatliche Kunsthalle–Forum Rotunde, Karlsruhe; 1996/97 Württem­bergischer Kunstverein, Stuttgart und Westfälischer Kunst­verein, Münster; 1994 Produzentengalerie, Hamburg; 1993 Barbara Gross Galerie, München; 1990 Badischer Kunstverein, Karlsruhe; 1986 Galerie Hirschl and Adler, New York; Gesellschaft für Aktuelle Kunst, Bremen; 1985 Knoedler Gallery, London; 1984 Museum Haus Lange, Krefeld; 1980/81 Galerie Karsten Greve, Köln
Gruppenausstellungen (Auswahl)
2009 „Die Gegenwart der Linie“, Staatliche Graphische Sammlung, Pinakothek der Moderne, München; 2008 „3. Biennale der Zeichnung“, Kunstverein Esslingen; 2007 „Als wäre nichts gesagt“, Kunst der 80er Jahre aus den Sammlungen der Kunstmuseen Krefeld, Museen Hans Lange, Haus Esters, Krefeld; 2006 „Painted in Munich“, Galerie Rupert Walser, München