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Monografie · von Hans-Jürgen Hafner · S. 214 - 231
Monografie , 2010

Hans-Jürgen Hafner
Max Peintner

Hohle Gasse Bildraum.
Zeichnen als Ideologiekritik bei Max Peintner

Es ist in der Tat eine Ungeheuerlichkeit. Derart unglaublich, dass es sich buchstäblich nur um eine ‚Erscheinung’ drehen kann, wenn jene elegant aufgerichtete Rückenfigur mit einladend ausgebreiteten Armen, in der wir ohne weiteres Caspar David Friedrichs um 1818 entstandene Frau vor untergehender Sonne (oder Frau in der Morgensonne) erkennen, auf die schwer auf ihr Werkzeug gestützte, ungehobelt bäurische Figur trifft. Auch sie ist uns bestens geläufig. Es handelt sich um Jean-François Millets L’homme a la houe (ca. 1860-1862), der mitten in seiner Arbeit, dem mühsamen Bestellen des trockenen, steinig-disteligen Bodens erschöpft innehält. Grotesk, unwahrscheinlich, ja nahezu skandalös ist dies in eine von der auf- oder untergehenden Sonne in warmes Licht getauchten Szenerie gebettetes Zusammentreffen. Mit gekonntem Strich ist die Begegnung zweier Figuren, die wir von berühmten Gemälden her kennen, zeichnerisch herbeigeführt. Doch so plausibel diese ungeheuerlich dreist konzipierte Begegnung als Bild umgesetzt sein mag, die Zeichnung selber hinterlässt dennoch auch einen Eindruck des Unangemessenen, ja gar des ‚Unkünstlerischen’ – wirkt eher wie eine äußerst solide gemachte Illustration, deren Thema oder inhaltliches Programm wir allerdings kaum unmittelbar entschlüsseln würden. Denn: Selbst wenn es primär um ein ‚Erzeichnen’ eines anhand verschiedener kunsthistorischer Vorlagen angeeigneten und zusammengesetzten ‚Motivs’ ginge, das Argument hierfür müsste notwendig über das Bild hinausweisen, um nicht tatsächlich als allzu illustrativ abgetan oder als konzeptionell zu einfach zurückgewiesen zu werden.

Diese Arbeit, Max Peintners 2003 mit Ölkreide auf Papier ausgeführte Zeichnung Die Erscheinung, macht es uns also gleich im mehrfachen…



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von Hans-Jürgen Hafner

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