Ausstellungen: Mönchengladbach · von Christian Krausch · S. 341
Ausstellungen: Mönchengladbach , 2002

CHRISTIAN KRAUSCH

No Return – Positionen aus der Sammlung Haubrok

Städtisches Museum Abteiberg, Mönchengladbach, 27.1. – 28.4.2002

Es ist Zeit für neue Wege. Angesichts knapper Kassen sind Museen und andere Kulturinstitute schon seit Längerem auf der Suche nach alternativen Möglichkeiten, den eigenen Standard möglichst kostengünstig zu halten. Darüber hinaus gehende, Aufsehen erregende Ausstellungen werden unter diesen Vorzeichen zur seltenen Ausnahme. Kooperationen mit anderen Häusern werden angestrebt, Kunstmessen in die eigenen Räume geholt, oder private Sammlungen Anderer der Öffentlichkeit vorgestellt. So auch in Mönchengladbach, wo mit der Sammlung des Beratungsunternehmers für Kapitalmarktkommunikation und -strukturierung Haubrok aus Düsseldorf nicht nur ein großes Konvolut aktueller Kunst ins Städtische Museum Abteiberg gekommen ist. Das Sammlerehepaar Barbara und Axel Haubrok übernahm zudem die Konzeption für den umfangreichen Katalog sowie alle anfallenden Kosten, die über das schmale Budget des Museums hinausgingen. Schließlich setzte der Hausherr Veit Loers den Sammler selbst als Kurator seiner Ausstellung ein. Und das ist neu, jedenfalls für Mönchengladbach, wo sich im Laufe der 20-jährigen Geschichte des Museums Abteiberg Pionierleistung abwechselte mit Gradlinigkeit und Experimentierfreude. Sicherlich ein gewagter Versuch, da Axel Haubrok im Laufe der Planungen mehr und mehr Freiheiten eingeräumt wurden. Doch belegt das Resultat der sich über alle drei Ebenen des Hauses erstreckenden Ausstellung nicht nur eine Menge Einfühlungsvermögen in die Architektur. Darüber hinaus ist durch die Sammlung des Gastes der Bestand des Hauses auf einen Schlag für drei Monate um wichtige und aktuelle Positionen ergänzt worden.

Die Liste der Exponate ist lang und lenkt den Besucher im Eingangsbereich vorbei an Stefan Kerns Arbeit „Sven“, einem weißlackierten Tisch-Bank-Ensemble, wie es formal auf Autobahnrasstätten anzutreffen ist. Im Museum erscheint der skulpturale Charakter dominant, unterstützt durch die anonyme Lackierung, wobei andere Arbeiten des Künstlers mehr die Gratwanderung zwischen Gebrauchsgegenstand und Objekt erkennen lassen. „Sven“ zur Seite sprießt Cosima von Bonins pilzgleiche Plastik „Gertrud Jekyll (# 17) aus Loden, Holz und Schaumstoff 70 cm aus dem Boden und unterstreicht dadurch die Fremdartigkeit der Situation. Befremden auch im großen Wechselausstellungsraum, wo Santiago Sierras Beitrag zur letzten Biennale Venedig zu sehen ist. 133 dunkelhaarige Personen ließen sich in einer großen Aktion gegen Bares die Haare blond färben – festgehalten auf einem vierstündigen Video. Da fällt es nicht schwer, wieder im Foyer des Museums, bei der dort platzierten rund zwei mal vier mal zwei Meter großen Arbeit „Hundemassenfang“ von Andreas Slominski an „Menschenmassenfang“ zu denken. Tobias Rehbergers Arbeit o.T. (Familie) in unmittelbarer Nähe, 7 Porzellanteller gefüllt mit Kürbiskernöl und Arsen auf einem kniehohen Sockel, weckt nicht weniger das Unbehagen, wie Gregor Schneiders Schlafzimmer „ur 1 u 14“ von 1988, das nun als Dauerleihgabe den ehemaligen Unterrichtsraum in der Gartenebene besetzt. Unscheinbar zwischen Bildern der Expressionistensammlung führt eine einfache Tür in das schlichte Zimmer mit Bett und verdunkeltem Fenster. Eine weitere schmale Tür erlaubt den Blick in eine schäbige Abstellkammer, in deren Dunkelheit sich, nachdem die Tür automatisch zugefallen ist, Befremden in Beklemmung wandelt.

Doch Haubrok sammelt nicht nur das Ernste und Kritische. Einige der im Museum vorgestellten Werke zeugen vom Humor des Sammlers, etwa dann, wenn er Martin Creed den Zero-Raum des Hauses, jene Zelle des Lichtes, verdunkeln lässt. Der jüngst mit dem Turner Prize ausgezeichnete Künstler „blendet hier das Alte aus“, wie es Veit Loers in seiner Ansprache zu verstehen gibt, wodurch dem Jungen neuer Freiraum geschaffen wird. An anderer stelle ist so das große Wandrelief Ulrich Rückriems von 1985 hinter einer hölzernen Wand verschwunden, damit der „Gesamtbesitz“ des in Berlin lebenden Florian Slotawa skulptural präsentiert werden kann. Slotawa hat sein gesamtes Gut dem Sammler verkauft, der es nun nach Lust und Laune der Öffentlichkeit vorstellt, wohingegen der Künstler selbst durch verschiedene Museen joggt – gefilmt auf Video. Der Bewegungsdrang des künstlerischen Nachwuchses zeigt sich auch, dabei sehr subtil, in den „Moving Walls 180°“ von Jeppe Hein, die alle 20 Minuten einen ansonsten leeren Kleeblattraum im Zwischengeschoss durchkreuzen und dadurch das Raumempfinden feinfühlig wandeln.

Haubroks über rund 12 Jahre aufgebaute Sammlung umfasst Werke von Förg, Kippenberger, Knoebel, Judd, Muller und Jorge Pardo, die korrespondieren zu den Arbeiten dieser Künstler im Haus. Andere Namen wie Candida Höfer, Cady Noland, Wolfgang Tillmans und Thomas Ruff sind temporär schon in Mönchengladbach vertreten gewesen. Neue Aspekte indessen zeigen u.a. Michael Elmgreen und Ingar Dragset in ihren „Powerless Structures“ Fig. 21, einer durch Ausleuchtung und Präsentation anziehenden, dabei aber durch La ckierung und Form nicht funktionalen „Queer Bar“ von 1998. Paola Pivi indessen erobert die Blicke durch den rund 5×18 Meter messenden Versuch, die Insel Alcudi im Maßstab 1:1 als Digitaldruck zumindest teilweise abzulichten. Das älteste in Mönchengladbach gezeigte Bild ist eine Arbeit von Raol de Keyser von 1988, die allerdings, wie so manche andere kleinere Arbeit im Anblick der großen Installationen der Sammlung Haubrok verloren gehen.

So ist es also Zeit für neue Wege, die in Mönchengladbach mit der umfangreichen Präsentation einer privaten Sammlung begangen werden. Haubrok selbst hat unkonventionelle Ideen verwirklicht, indem er den Katalog zur Ausstellung in erster Linie durch Beiträge der von ihm aufgesuchten Galeristen hat bestücken lassen. Auf dem Geschäftpapier und gegen Bares der jeweiligen Vermittler findet sich so Informatives wie auch Amüsantes, manchmal Sprödes zu den verschiedenen Exponaten bis hin zum Briefwechsel zwischen Sammler und Museumsdirektor. „No Return“ nennt Haubrok die Ausstellung im Museum Abteiberg, womit er in der Terminologie des Geschäftsmannes positiv nach vorne blicken lässt. Nicht nur der 11. September 2001 zeigt, dass es kein Zurück mehr gibt, auch die private Entscheidung, großformatige Werke zu sammeln, ungeeignet für Wohnzimmer und das traute Heim, belegen den Blick nach vorn des Sammlerehepaares. Allein die Frage, inwieweit grundsätzlich die Kooperation zwischen städtischem Museum und Privatsammler zukünftig vorangetrieben werden kann und auch soll, darf bei allem innovativen Denken nicht aus den Augen verloren werden.

Im Museum Abteiberg irrt ein suchender Lichtstrahl, „Highlighter“ von Olafur Eliasson, computergesteuert durch Teile der weitläufigen Abteistraßenebene. Er lugt in die Ecken des Hauses, schafft hier und da für kurze Zeit Licht und zieht sich dann wieder zurück. Manchmal scheint er auch den Menschen im Visier zu haben, der dann für den Moment im Rampenlicht erscheint. Danach allerdings wird es dunkel, und vor den geblendeten Augen ist erst mal nichts anderes zu sehen als Sternchen.

von Christian Krausch

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