Monografie , 1997

Jürgen Raap

Osvaldo Romberg

Universalgeschichte

Nam June Paik, von Osvaldo Romberg um ein Statement über den Turmbau zu Babel gebeten, antwortete dem Kollegen lapidar: „Ja, Tatlin hat das auch versucht, anläßlich der 3. Internationale. Er ist ebenso eingestürzt.“1

Natürlich soll damit nicht behauptet werden, daß gerade in menschlichen Fehlleistungen und in immer wieder auftretender Vermessenheit die Geschichte sich wiederhole. Dennoch haben wir uns angewöhnt, vor allem in Zusammenbrüchen das erneute Auftreten analoger faktischer Ereignisse zu sehen.

Mit dem Drang zur Verallgemeinerung haben bereits die Geschichtsphilosophen des 18. und 19. Jahrhunderts versucht, vergleichbare Entwicklungsabläufe zu systematisieren. Winkelmann z.B. sah geschichtliche Verläufe als quasi-organischen Prozeß ständiger „Blüte, Abnahme und Wiederkehr“, Hegel als dialektisches Wirken der göttlichen „Weltvernunft“. Winkelmanns Zeitgenosse Johann Gottfried Herder skizzierte einen universalgeschichtlichen Entwurf („Auch eine Philosophie zur Geschichte der Menschheit“), der ihn heute als geistigen Ahnherren mancher Theorien und Ideologien der Multikulturalität dastehen läßt.

Derlei politische Utopien sind Osvaldo Romberg allerdings fremd, auch wenn sein künstlerisches Konzept in höchstem Maße politisch ist. Doch zeigen seine Entwürfe ganz deutlich: das faktische Geschehen selbst ist eine Angelegenheit für sich, dessen hermeneutisches Verstehen bzw. seine Interpretation im Erkennen von Parallelitäten eine andere.

Paiks Einlassung verweist darauf, daß der Mensch immer wieder versucht, sich zu Allumfassendem zu transzendieren und diesen Versuchen baulichen Ausdruck zu verleihen. Das Resultat mag zu historischen Bedeutungen führen – im Gelingen wie im Scheitern.

In den interkulturellen Verbundsystemen, die Rom berg konstruiert, spiegelt sich die Überzeugung wider, daß das Leben „an sich“ alles zuließe, was der Mensch „für sich“ zuläßt. Somit wirkt in der vom Menschen gemachten…

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