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STATUS UPDATE · von Anika Meier · S. 326 - 333
STATUS UPDATE ,

Status Update
Der Tod des Kurators

Demokratisieren NFTs die Kunstwelt?

Mit STATUS UPDATE startet KUNSTFORUM eine Serie zu digitalen Themen in der Kunstwelt und darüber hinaus. Anika Meier ist Kunstwissenschaftlerin, Autorin und Kuratorin. Sie beschäftigt sich mit digitaler Kunst und Kunst in sozialen Medien. ( Instagram: @anika)

von Anika Meier

Beeple ist seit Mitte Februar der drittteuerste lebende Künstler. 69.346.250 Millionen Dollar wurden für sein JPEG „Everydays: The First 5.000 Days“ in einer Versteigerung bei Christie’s bezahlt. Das traditionsreiche Auktionshaus nennt Mike Winkelmann, so sein bürgerlicher Name, den 39-jährigen Familienvater aus Charleston (South Carolina), auf der Website einen „groundbreaking artist“, „one of the world’s leading digital artists“. Bis zur Ankündigung der Auktion allerdings kannte fast niemand den Namen dieses bahnbrechenden Künstlers. Bis auf seine 1,8 Millionen Follower*innen auf Instagram natürlich. Und seine Auftraggeber wie Louis Vuitton, Apple, Space X, Justin Bieber und viele mehr. Er selbst nennt sich weiterhin bescheiden einen Grafik Designer, der weiterhin jeden Tag eine neue Arbeit ins Internet stellt, wie er das die letzten dreizehn Jahre, seit dem 1. Mai 2007, getan hat.

NFTs waren bis zur Auktion bei Christie’s so unbekannt wie Beeple. Und jetzt ist die Kunstwelt irritiert, weil Millionenbeträge für Dateien auf NFT Marktplätzen wie Nifty Gateway, Super-Rare und Foundation gezahlt werden, die eher an Ebay als eine Galerie erinnern und mehr Grafik Design als Kunst sind. Galerien gibt es wie Sand am Meer, die Anzahl der NFT Marktplätze derweil ist noch überschaubar. Und plötzlich wird in den Medien über einen Auktionsrekord nach dem anderen auf Nifty Gateway und Foundation berichtet, wie man das sonst nur von den traditionsreichen Auktionshäusern Christie’s, Sotheby’s und Phillips kennt. Die wiederum haben blitzschnell reagiert und kündig(t)en eine Versteigerung nach der anderen an, was nicht unkommentiert blieb. Jerry Saltz beispielsweise, der mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichneten Kunstkritiker, hat sich in den soziale Medien ausgelassen: „Im Moment ist das nur der Markt, und der ist so dumm, dass nur das verkauft wird, was andere Leute im Markt schon gekauft haben. (…) Es macht absolut Sinn, dass die Kannibalen bei Sotheby’s und Christie’s sich darum reißen, die Trottel zu bescheißen. Sie werden alle nur noch mehr zu dem, was sie schon waren – Anti-Kunst.“

NFT, kurz für non-fungible token, ist übrigens ein Echtheitsnachweis für digitale Dateien. Wenn man ein solches NFT kauft, kauft man einen Token und ein Objekt, das damit verknüpft ist. Das kann alles sein. Digitale Kunst und virtuelles Land beispielsweise, Musik und Sammelkarten. Das NFT ist auf der Blockchain gespeichert, es ist einzigartig, authentifiziert und fälschungssicher. Digitale Kunst kann jetzt gesammelt werden wie Malerei, Künstler*innen können plötzliche ihre Miete bezahlen und Sammler*innen können ohne Mittelsmann Kunst kaufen. Und dann sind da Promis wie Paris Hilton, die Erbin, und Grimes, die Musikerin, die jetzt auch Videos, Gifs und Bilder auf Nifty Gateway verkaufen und innerhalb von wenigen Minuten Millionen verdienen, um genau zu sein, $ 6 Millionen für Grimes, die Frau an der Seite von Elon Musk.

Der Tod des Kurators

Während Galerien und Museen, mit einigen wenigen Ausnahmen, noch in Schockstarre sind und vielleicht darauf hoffen, dass NFTs sich als ein kurzlebiger Hype entpuppen, hat Sotheby’s Anfang Mai schon wieder reagiert. Mit einem smarten move. Auf Nifty Gateway, SuperRare und Foundation tummeln sich Grafik Designer*innen, Promis und ein paar Künstler*innen. Zwar gibt es Online-Bewerbungsformulare, wenn man aber genauer hinschaut, scheint das Auswahlkriterium die Anzahl der Follower*innen zu sein. Da ist also wieder viel von der Demokratisierung des Kunstmarkts die Rede, aber ist das tatsächlich demokratisch, wenn doch wieder ausgewählt wird? Und in der Kunstwelt sorgt natürlich für Aufruhr, dass nicht Kurator*innen auswählen, sondern die neuen Gatekeeper, die NFT Marktplätze, die Galerie und Auktionshaus in einem sind. Die Werke können dort auch noch auf dem Zweitmarkt verkauft werden, die Künstler*innen verdienen an jedem Weiterverkauf mit. Das ist neu und revolutionär, besonders für Künstler*innen, die im Digitalen zu Hause sind und bisher ihren Lebensunterhalt mit Auftragsarbeiten für große Brands bestritten haben.

Sotheby’s also hat auf die scharfe Kritik aus den eigenen Reihen reagiert, ganz so, als wäre der Tod des Kurators mal wieder ein Thema, und hat für Anfang Juni unter dem Titel „Natively Digital: A Curated NFT Sale“ eine Online-Auktion angekündigt. „NFT to date: The need for curation“, heißt es auf der Website: „The importance of the curator has risen to the forefront with the unprecedented growth of the NFT space. The curator’s role is to observe the current ecosystem of NFTs, understand intimately the history of this medium, and identify the trends, preferences, and technical innovation that indicates where the space is moving towards.“ Gearbeitet wird jetzt, gemeinsam mit Kurator Robert Alice, historisch mit Blick auf die Geschichte von NFTs.

Da bewegt sich also seit gefühlt fünf Minuten etwas, das nicht von den üblichen Gatekeepern kontrolliert wird und keine fünf Sekunden später, muss dem Tod des Kurators entgegengewirkt werden? Für Foundation ist übrigens mit Lindsay Howard eine der bekanntesten Kurator*innen im Bereich Netzkunst tätig, sie hat u. a. mit dem New Museum in New York und für das Eyebeam Art & Technology Center gearbeitet.

Was sagen eigentlich die Künstler*innen zu all dem, die mit ihrer digitalen Kunst in den letzten Jahren Bahnbrechendes geleistet haben und jetzt zu den führenden Künstler*innen auf den NFT Marktplätzen gehören.

<p>Tl;dr (too long; didn’t read): Kunst, schwierig. Umwelt, schwierig. Zukunft, schwierig. Preise, gut bis sehr gut. Rafael Rozendaal verkauft seine NFTs für bis zu 140 ETH ($ 473.271,40), Simon Denny für bis zu 28 ETH ($ 49.642), Jon Rafman für 8 ETH ($ 27.142,32), Nicole Ruggiero für bis zu 7,75 ETH ($ 26.294,12), LaTurbo Avedon für bis zu 1,75 ETH ($ 5.937,38) und Jeremy Bailey immerhin für 1 ETH ($ 3.390,99). Das sei mehr, sagt er, als er bisher mit den Verkäufen seiner digitalen Kunst verdient habe, nämlich: nichts. Und das, obwohl er nicht nur der selbst ernannte Famous New Media Artist ist, sondern auch von Kurator*innen durchaus berücksichtigt wurde.

We Can All Be Famous

Bailey war einer der Ersten, die neben Petra Cortright zu Bedroom Artists (Omar Kholeif) wurden, weil sie in ihren Schlafzimmern mit einer DIY Attitude Videos aufgenommen und über YouTube zugänglich gemacht haben. Bailey hat eine extravagante Internetpersönlichkeit irgendwo zwischen Nerd und Kleinkind entwickelt, die sich für Technologie begeistert und zeigen soll, mal mit Oberteil und mal ohne: We can all be famous. Famous wurden erst einmal nur die Influencer*innen im sozialen Netzwerk Instagram, die wie Paris Hilton berühmt dafür sind, berühmt zu sein und ihr Geld mit Werbung auf dem eigenen Kanal verdienen. Jetzt sind die Digitalkünstler*innen wie Beeple nachgezogen, die Instagram wie eine Galerie bespielt haben. Wie Influencer*innen haben sie verstanden, sich selbst als Brand aufzubauen. Das kommt ihnen endlich zugute. Denn die NFT Marktplätze stellen zwar eine Plattform zur Verfügung, auf der Künstler*innen ihre NFTs droppen können, um den Kontakt zu den Sammler*innen, die ja jetzt direkt bei den Künstler*innen kaufen, müssen sie sich selbst kümmern.

Auf Clubhouse und Twitter, der Lieblingsplattform der Cryptosammler*innen, promoten und befeuern sie ihre Drops, Auktionen und Bietergefechte. Die einen haben damit mehr zu kämpfen, die anderen weniger. Während Jon Rafman von einer parallelen Kunstwelt und der Rückkehr der Unterdrückten spricht, für die anderen also die positiven Seiten erkennt und anerkennt, wird für ihn zum Problem, dass die Brand wichtiger ist als die Kunst. Da ist es dann auch fast egal, ob man wie er mit Sprüth Magers von einer der großen Galerien vertreten wird und ein Star der Post-Internet Kunst ist. Er fühle sich wie ein Verkäufer, die Drop Culture sei ermüdend und er finde es abstoßend, seine Kunst selbst promoten zu müssen, sagt er. Vielleicht ist es da gut, dass Kurator*innen schnell ins Rennen geschickt werden, wieder für Legitimation sorgen, und die Künstler*innen den Karren nicht selbst weiter als Marketing-Gaul ziehen müssen. Wenn sie das denn nicht wollen.

Lost in Translation

Eigentlich passt Rafman mit seiner Kunst nur zu gut an diesen neuen digitalen Ort, an dem Kitsch und Vulgäres zusammenkommen, an dem die Massenkultur mit der Internetkultur verschmilzt. Dem Internet wird hier zurückgegeben, was die Post-Internet Art mitgenommen und in den Galerieraum verfrachtet hat. Die Kunstwelt ist auch deshalb so irritiert, weil sie die Sprache nicht versteht, die an diesem neuen Ort gesprochen wird. Die Kunstwelt denkt historisch, nicht tagesaktuell.

Malerei etwa reflektiert die Geschichte des Mediums, das Internet orientiert sich am Tagesgeschehen. Ein ungemachtes Bett (Tracey Emin) und ungeöffnete Bierdosen (Anne Imhof) werden erst durch den Kontext Galerie bzw. Museum zur Kunst. Im Internet fehlt der Referenzrahmen, der sagt: Hier betreten Sie den Ort der Kunst. Im Internet wird alles vom konstanten Strom mitgerissen, Bilder werden herausgefischt und dann kopiert und komprimiert, geteilt und gemischt.

Hito Steyerl derweil regt sich im Interview mit Monopol darüber auf, dass digitale Dateien schon als Kopien geboren werden, da würde auch keine Kryptomagie helfen. Kolja Reichert, wie so viele gerade, hat die Aura im digitalen Zeitalter wieder gefunden: „Die Aura des Kunstwerks überträgt sich auf alle beteiligten Zeichen, bis hin zu den Preisen, die Kryptonerds so gerne auf Schnapszahlen landen lassen. Es handelt sich also wirklich um eine große symbiotische Karambolage, in der die Grenzen von Community und Werk verschwimmen. Worum es sich nicht handelt, ist die Suche nach erkenntnisfördernder Differenz in der ästhetischen oder konzeptuellen Gestaltung“, schreibt er in Das Magazin unter dem Titel „Irrsinn digitales Eigentum: 7,6 Millionen Dollar für einen Pixelkopf“.

Drop Culture

Dass es mit Blick auf digitale Kunst und NFTs nicht um die Suche nach erkenntnisfördernder Differenz in der ästhetischen oder konzeptuellen Gestaltung gehe, ist eine Unterstellung, mit der gern gearbeitet wird. Es ist ein bisschen wie auf Spotify und Instagram: Man findet, wonach man sucht, man sieht, was man sehen will. Simon Denny hat sich ausdrücklich für SuperRare entscheiden, weil er, wie er sagt, nicht nach Gleichem gesucht habe. Auf SuperRare, es werden ausschließlich Unikate angeboten, taucht seine Kunst neben Arbeiten von Grafik Designer*innen auf. Es war nämlich schon jemand im Raum, als die Kunstwelt die Türe aufgemacht hat. Einige Künstler*innen rennen die offenen Türen ein, andere schauen sich erst einmal um.

Bailey beispielsweise hat seinen You-AR.shop im Rahmen einer Ausstellung in der Panke Gallery im Herbst 2020 eröffnet, als es NFTs längst gab und ihm eine Einladung von Foundation vorlag. Er habe die Lage falsch eingeschätzt, gibt er heute leicht verwundert zu. Selbst Beeple, der mit seinem ersten Drop im Dezember 2020 einen der ersten Auktionsrekorde erzielt hat, die das Interesse der Medien geweckt haben, sagt, wie man auf Nifty Gateway unter „First Drop“ nachlesen kann: „bruh, i just learned wtf an NFT is like two weeks ago, not gonna act like i have a ton of intelligent shit to say here. this crypto space seems super interesting though and i see a ton of potential to do some weird shit nobody has done yet…“ Bailey sagt, er habe durchaus kurz die Überlegung angestellt, was sein könnte, wenn er seinen Shop, in dem er seine eigenen AR-Skulpturen und die befreundeter Künstler*innen zu Preisen zwischen $ 5 und $ 135 verkauft, über die Blockchain laufen ließe. Den Gedanken aber hat er schnell beiseitegelegt, weil er dachte, NFTs seien tief vergraben in der Crypto Community und lediglich ein Weg, das Copyright zu sichern. Und plötzlich wird über den Wert und die Aura digitaler Kunst gesprochen. Er selbst sei immer noch paralysiert und ängstlich, jeder Erfolg werde überbewertet und jeder Fehler werde verlacht. Mittlerweile hat er seine ersten beiden NFTs auf unterschiedlichen Plattformen gemintet, aus einer seiner AR-Skulpturen hat er einen Video-Loop gemacht. Bailey spielt mit dem Phänomen des Art Selfies, also dem Bedürfnis von Menschen, sich vor berühmten Kunstwerken zu inszenieren.

Künstler*innen wie Nicole Ruggiero und LaTurbo Avedon haben Teile ihres Backkatalogs auf Foundation gestellt. LaTurbo Avedon beispielsweise haben ihr erstes Facebook-Profilbild aus dem Jahr 2012 gemintet und verkauft, weil es historisch relevant ist. Sie existieren ausschließlich als Avatar, der sich kontinuiertlich verändert. Mit dem ersten Profilbild auf Facebook war der Avatar auf demselben Level wie eine reale Person in einem sozialen Netzwerk.

Simon Denny und Rafael Rozendaal haben sich schnell akklimatisiert. Auch sie droppen NFTs, Kunst ist plötzlich zu ganz bestimmten Zeiten, ggf. in offenen Editionen, zu kaufen wie sonst Sneakers. Beide machen, was sie immer machen. Der eine, Denny, eignet sich Inhalte an, adressiert Probleme (der hohe Energieverbrauch) und findet eine Form dafür. Der andere, Rozendaal, befasst sich mit dem Medium und der Form und reflektiert die Geschichte des Mediums Malerei.

Rozendaal ist erleichtert, dass NFTs, zumindest für ihn und seine Kunst, ein Problem lösen. Auch wenn es noch zu früh sei, einzuschätzen, wie sich das Medium weiterentwickelt, sorge die Blockchain zuerst einmal für dauerhaftes Weiterbestehen seiner Arbeiten im Netz, sagt er. Er ist einer der wenigen Künstler*innen, die es geschafft haben, Websiten zu verkaufen, das aber bedeutet Aufwand. Denn er muss sicherstellen, dass es die Domains auch in einigen Jahrzehnten noch gibt. Weil er nicht daran denken wollte, was das für ihn als 90 Jahre alten Mann bedeuten würde, hat er sich zwischenzeitlich auf die Produktion physischer Arbeiten konzentriert. NFTs seien für ihn jetzt auch aus künstlerischer Perspektive eine neue Herausforderung. Das Format ist beispielsweise fix, er arbeitet mit Quadraten. „Wenn ich es einfach sagen müsste: Meine Webarbeiten sind wie Wandbilder, und die NFTs sind wie Gemälde. Fester, kompakter“, so Rozendaal, der mittlerweile zwei Mal im Monat ein NFT auf Foundation ohne Galerie dropt.

Eigentlich sollten Galerien beunruhigter sein als Kurator*innen, denn sie fallen auf den NFT Marktplätzen als Mittelsmänner bisher weg. Außerdem hat bereits das erste Museum, das FC Carolinum in Linz, unter dem Titel „Proof of Art“ eine historische NFT-Ausstellung angekündigt. Die NFT Marktplätze arbeiten mit Kurator*innen, die Künstler*innen auswählen, auch wenn das nicht unbedingt die bekannten Namen aus der Kunstwelt sind, denn hier sind mitunter zusätzlich andere Skills wie Kommunikation und Marketing gefragt. Lindsay Howard ist bei Foundation etwa Head of Community. Und die Künstler*innen können endlich entscheiden, ob sie weiterhin klassisch Teil der Kunstwelt sein möchten, mit Galerievertretung etc., oder ob sie sich auf Experimente auf den NFT-Markplätzen einlassen wollen, um zu schauen, ob sie es alleine mit ihrer Kunst schaffen. Und dann gibt es vielleicht tatsächlich eine parallele Kunstwelt, die demokratischer ist.

www.niftygateway.com
www.superrare.co
www.foundation.app
www.youar.shop