Ausstellungen: Wien · von Franz Thalmair · S. 363
Ausstellungen: Wien , 2010

Franz Thalmair

Tropicália – Die 60s in Brasilien

»Mischformen ideologischer Kreisläufe«

Kunsthalle Wien, 28.1. – 2.5.2010

Das brasilianische Portugiesisch unterscheidet sich von seiner europäischen Stammsprache in keinem Aspekt so sehr wie in der Artikulation: Wortverschmelzungen durch Zwielaute, alles zu einer fließenden Harmonie verbindende Nasale, gepaart mit lexikalischen Einflüssen aus indigenen Sprachen – ein Rhythmus, der im heute klischeehaft für Brasilien stehenden Samba seinen körperbetont-exzessiven Höhepunkt zu finden scheint.

Der brasilianischen Varietät ähnlich präsentiert die Kunsthalle Wien mit der Ausstellung „Tropicália“ eine amalgamisierende Tendenz in Musik, bildender Kunst sowie im kulturellen und politischen Leben im Brasilien der 1960er Jahre. Historischer Anknüpfungspunkt hierfür ist Oswald de Andrades „anthropophagisches“ (menschenfresserisches) Manifest, mit dem sich der Schriftsteller bereits in den 1920er Jahren gegen homogenisierende Absichten der aus Europa und den USA stammenden Kolonisatoren sowie für eine Hybridisierung im brasilianischen (Geistes-)Leben aussprach. „Brasilien in den sechziger Jahren,“ schreibt der Kurator Thomas Mießgang in einem Essay, in dem er Tropicália als lateinamerikanische Spielart der Neo-Avantgarde und des Konzeptualismus mit der politischen Geschichte des Landes verwebt: „Das war ein Land zerrissen von inneren Widersprüchen. Der demokratische Traum der Ära Juscelino Kubitschek, der der Nation die futuristische Hauptstadt Brasília, den Bossa Nova und eine konstruktivistische Kunst nach dem Vorbild des Bauhaus und der Hochschule für Gestaltung in Ulm beschert hatte, war unter knarrenden Militärstiefeln zertrampelt worden. Und Brasília, jener Technokratentraum, der für Fortschritt und Selbstermächtigung eines sogenannten ‚Drittwelt“-Landes stand, verwandelte sich in die Alphaville-artige Festung eines autoritären Regimes.“

Basierend auf den durchaus vehementen Forderungen der frühen brasilianischen Moderne, wurden während der nur kurzen Hochphase des Tropikalismus in den späten 1960er und frühen 1970er Jahren Schlagworte wie Interaktion, Partizipation und die Herstellung von Situationen und Kontexten für kollektive Verhaltensexperimente großgeschrieben. Oberstes Ziel: die endgültige Aufhebung der Grenzen zwischen Kunst und Leben und gesellschaftliche Intervention im Alltag eines vom Militärregime dominierten Daseins. Eingängigstes Beispiel für diese Art des Kunstverständnisses sind die subtilen Arbeiten der 1988 verstorbenen Künstlerin und Kunsttherapeutin Lygia Clark, der in der Kunsthalle mit „Memory of the Body“ (1984, Regie: Mario Carneiro) leider nur ein Dokumentarfilm gewidmet ist. Zu sehen darin etwa die Künstlerin, die ihren Körper während einer therapeutischen Sitzung mit Wasser und anderen Materialien befüllten Plastiksäcken – so genannte „relationale Objekte“ – abreibt, um die Wahrnehmung für die Grenzen des Innen und Außen zu schärfen und für theoretische Begriffspaare wie Subjekt und Objekt zu sensibilisieren. Der BesucherInnen-Beteiligung ähnlich verpflichtet ist Lygia Papes „Roda dos Prazeres“ (Rad der Freude, 1968), eine kreisförmig am Boden errichtetet Installation, bei der die Künstlerin Wasser mit Lebensmittelfarben und unterschiedlichen Düften versehen hat, um AusstellungsbesucherInnen dazu zu bringen, sich einem geschmackssensorischen Experiment hinzugeben. Im Zentrum der Ausstellung steht schließlich die titelgebende Installation „Tropicália“ von Hélio Oiticica, neben dem Musiker Caetona Veloso treibende künstlerische wie theoretische Kraft hinter der Bewegung. Erstmals 1967 im Museu de Arte Moderna in Rio de Janeiro installiert, besteht das raumgreifende Setting aus Sand und Schotter, tropischen Pflanzen und lebenden Papageien sowie aus an die Favelas erinnernden, hüttenähnlichen Behausungen. Detail im Inneren einer der aus Holz und bunten Stoffen bricolierten Wohnstätten: ein Fernsehapparat, auf dem je nach Tageszeit und Wochentag ein mehr oder weniger gutes/schlechtes Programm der lokalen Fernsehstation läuft.

Neben den von BesucherInnen sinnlich erfahrbaren Werken der Installationskunst, lässt sich am Thema Sprache ein weiterer Strang im Ausstellungskonzept festmachen. Zum einen ist hier das Super-8-Tryptichon „X“ (1974), „Y“ (1974) und „In-Out (Anthropophagy)“ (1973/ 74) von Anna Maria Maiolino zu nennen, mit dem die Künstlerin die körperlichen Bedingungen von Sprache, ihrer Artikulation und Visualität thematisiert. Zum anderen ist auch der konkreten Poesie um die Brüder Haroldo und Augusto de Campos und Décio Pignatari ein eigener kleiner Raum in der Ausstellung gewidmet. Die Überreste Cildo Meireles’ Sprach/Schrift-Intervention mit dem Titel „Inserções em Circuitos Ideológicos: 1 – Projeto Coca-Cola“ (Eingriffe in ideologische Kreisläufe, 1970) steht schließlich exemplarisch für zahlreiche Arbeiten der Tropicália, denen eine sprachkritisches Moment innewohnt. Coca-Cola-Flaschen hat der Künstler mit Botschaften wie „Yankees go home!“ versehen, um sie im Anschluss in den Warenkreislauf wieder einzuspeisen und auf diese Weise an die BrasilianerInnen zu bringen.

Der musikalische Aspekt von Tropicália wird am Eingang zur Ausstellung zwar mit Plattencovers, Ausschnitten aus Fernsehaufnahmen und Hörproben von Caetano Veloso und Gilberto Gil angerissen, danach aber nicht weiter verfolgt und schon gar nicht in den Parcours der Kunsthallenschau eingewoben. Die von der Tropicália immer wieder eingeforderte und sich über Genres und stilistische Grenzen hinwegsetzende Hybridisierung bleibt also auf kuratorischer Ebene außen vor. Zumindest etwas ausgleichen kann dies die Einbindung von aktuellen künstlerischen Positionen von Ernesto Neto mit der nach Gewürznelken duftenden Installation „O Céu é Anatomia do meu Corpo“ (The Sky is the Anatomy of my Body, 2000), Cao Guimarães’ Super-8-Film „WEIGHTLESS [Sin Peso]“ (2007) oder Rivane Neuenschwanders poetisches Video „EPILOGUE [Quarta-Feira de Cinzas]“ (2006), in dem Ameisen am Aschermittwoch die Überreste der Samba-Parade unter die Erde befördern.

Katalog: Kunsthalle Wien (hg. von Gerald Matt und Thomas Mie?gang): Tropicália. Die 60s in Brasilien, 80 Seiten, deutsch, ca. 130 Abbildungen, Verlag für Moderne Kunst Nürnberg, 2010, ISBN 978 3-86984-024-6