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Titel: Atlas der Künstlerreisen · von Theodora Vischer · S. 304 - 309
Titel: Atlas der Künstlerreisen , 1997

Andrea Zittel
Units of Freedom

ANDREA ZITTEL (*1965 in Escondido, Kalifornien; lebt in Brooklyn, New York): In New York begann Andrea Zittel, sich mit den unterschiedlichen Lebensräumen auseinanderzusetzen, die man sich schafft und in denen man lebt. Sie realisierte, daß alle künstlich geschaffenen „Lebensräume“ – von der Kleidung bis zur Architektur – „ein materieller Ausdruck unserer Wünsche und Vorstellungen davon sind, wie wir die Welt gerne hätten. Wir möchten, daß die Wirklichkeit Sinn macht und stabil ist und in einem gewissen Grund kontrollierbar.“ Andrea Zittel befand sich damals selbst sowohl in bezug auf die künstlerische Arbeit als auch konkret in bezug auf ihre persönliche Lebensform – sie lebte in bescheidenen häuslichen und finanziellen Verhältnissen – in einer offenen, ungefestigten Situation. Nach anfänglichen Versuchen mit Brutgläsern für Fliegen und Brutkästen für Bantam-Hühner begann sie, Lebensräume in Form von Wohneinheiten zu konstruieren, um ihre eigenen Bedürfnisse und Sehnsüchte zu untersuchen. Es entstanden, entsprechend der unterschiedlichen Bedürfnisse des eigenen täglichen Lebens, unterschiedliche Typen von Wohneinheiten.

Die New Yorker Galeristin Andrea Rosen spricht davon, wie ihr klargeworden sei, „daß es in den Arbeiten von Zittel vorrangig um die unablässige Suche nach Freiheit geht. Freiheit scheint für die Künstlerin letztendlich gleichbedeutend mit Glück zu sein. Und endgültige Befriedigung bleibt für sie, wie auch für uns, eine ewige Illusion, so daß die Suche nie aufhört. Zu der Zeit, als sie das ‚Living Unit 1992‘ schuf, war sie der Ansicht, daß Freiheit bedeutete, kein Bedürfnis nach materiellen Dingen zu verspüren. Später wurde daraus die Freiheit vom Zwang der Körperfunktionen (‚Purity Work‘). Anschließend verkörperte Freiheit das Nicht-verlassen-Müssen des eigenen Betts (‚Comfort Units‘), dann wurde Mobilität zur Freiheit (‚Travel Trailers‘). In ihrem jüngsten Werk ist Freiheit eingekapselt (‚Escape Vehicles‘) in reinen, phantastischen Eskapismus – die Freiheit, sich seine eigene Realität zu schaffen.“

*

Was war der Grund für die Herstellung des ersten „Living Unit“?

Andrea Zittel: Als ich mein erstes „Living Unit“ schuf, war ich gerade nach New York gezogen, wo ich mich im Rahmen meiner Kunst mit Tierzucht beschäftigte. Ich lebte in einer kleinen Ladenfront von knapp 19 m2 mit einem großen Hund und zahlreichen anderen Tieren wie Hühner, Wachteln und Stubenfliegen. Abgesehen von der Tierzucht baute ich auch meine „Breeding Units“, möbelähnliche Gebilde, mit denen ich die Art und Weise beeinflussen wollte, in der meine Tiere sich entwickelten und untereinander vermehrten. Ich weiß, daß diese „Units“ etwas bedrohlich wirken mögen, doch eigentlich waren sie recht hübsch. Sie sahen aus wie schönes, schlichtes und modernes Mobiliar, in dem sich die Tiere sehr wohl fühlten. Mein Freund David schweißte die Rahmen dafür und ich entwarf die Holzplatten.Da mein Zimmer so winzig war und sich so viel darin abspielte, herrschten hier ständig höchst chaotische Zustände und ein Riesendurcheinander. Eines Tages begann ich mir darüber Gedanken zu machen, wie ich das Chaos in meinem persönlichen Leben wohl in den Griff bekommen könnte, und bat David, mir für meinen knapp 4 m2 großen Raum, in dem ich damals lebte, einen Rahmen zu schweißen. Es handelte sich um ein flexibles gitterförmiges System, so daß ich genau dort Schränke, Regale und einen Tisch installieren konnte, wo ich die Sachen brauchte. Zuoberst auf dieser Konstruktion baute ich mir ein Hochbett. Den Prototypen des „Living Unit“ pflegte ich zu bezeichnen als „kleiner Kern der Vollkommenheit“, der sich transportieren ließ, um mir Behaglichkeit und Schutz zu bieten, und zwar unabhängig davon, in welcher Umgebung ich mich gerade befinden würde. Außerdem hatte ich dadurch das Gefühl, ein Zuhause zu haben, da die Konstruktion mir Sicherheit und Beständigkeit in meinem Leben vermittelte.Beim Bau dieses „Living Unit“ wurden so viele Themen angesprochen, daß meine Beschäftigung mit der Tierzucht schließlich ein Ende fand. Darüber hinaus ist mir die Tatsache sympathisch, daß die Themen meiner Arbeit, also die Fertigung von Möbeln und Wohneinheiten, häufig die gleichen Fragen und Probleme anschneiden, mit denen auch mein Publikum im alltäglichen Leben konfrontiert ist.

Welche Erfahrungen haben Sie mit dem „Living Unit“ gemacht, als Sie darin lebten?

Als ich daran gearbeitet habe, stellte ich mir vor, daß alle anderen Probleme aus meinem Leben verschwunden wären, sobald ich mein „Living Unit“ vervollkommnet hätte. Interessanterweise kam mir mein Leben nach der „Vollendung“ des „Living Unit“ recht langweilig vor. So entwickelte ich meine Theorie, wonach die meisten Menschen eigentlich gar keine Vollkommenheit im eigenen Leben wollen, sondern immerwährenden Fortschritt in Richtung auf einen fernen, sich ständig verbessernden Idealzustand hin.Mit meinem ersten „Living Unit“ lebte ich etwas über ein Jahr, wobei ich manchmal Zuneigung, dann wieder Abneigung empfand. Es machte Spaß, das Innere zu verändern, da die Parameter so klein waren. Mit einem Minimum an Aufwand konnte ich ziemlich einschneidende Veränderungen bewirken. Das Ausstattungszubehör änderte sich ständig, da es nie Platz genug gab, alles auf einmal auszustellen. Die Farbe hinter dem „Unit“ habe ich, glaube ich, mehrere Male geändert.Ich habe im „Unit“ ziemlich oft Gäste eingeladen. Dort zu kochen war angenehm, da ich nur etwa einen halben Meter von meinem Besucher entfernt war, während ich das Essen zubereitete. Von Einsamkeit konnte gar keine Rede sein! Und doch fühlte sich einmal ein Freund erdrückt von der Enge des „Unit“, daß er es nicht mehr aushielt und gehen mußte.

Abgesehen von den „Living Units“ gibt es von Ihnen auch andere Arbeiten wie die „Comfort Units“, die „Beds“, die „Uniforms“ und die „Travel Trailers“. Wie würden Sie den roten Faden beschreiben, der sich durch all diese Werke zieht?

Der rote Faden, der sich durch den Großteil meiner Kunst zieht, ist auch der rote Faden in meinem eigenen Leben. Am besten läßt sich das wohl dadurch beschreiben, daß ich immer Ausschau halte nach der Grauzone zwischen Freiheit (die sich zuweilen als zu unbegrenzt und unermeßlich anfühlen kann) und Sicherheit (aus der im Nu Einschränkung werden kann). Ich bin immer wieder erstaunt, wie etwas, das zunächst etwas Befreiendes zu haben scheint, sich plötzlich in etwas Beschränkendes verwandeln kann und umgekehrt.Mobiliar kaufen zu können, das sich als „Kunst“ präsentiert, könnte für manche Menschen beruhigend sein, denn womöglich würden sie glauben, daß dies „besser“ sei als normale Möbel. Seine Existenz ließe sich ideologisch legitimieren, und man hätte immer auch die Möglichkeit, es als Investition zu betrachten. Diese Sicherheit könnte jedoch ziemlich beengend wirken, wenn man eines Tages beispielsweise der Farbe des Werkes überdrüssig werden sollte. Dann würde man sich wohl nur noch frustriert fühlen angesichts der mit dem Besitz des Werkes verbundenen Einschränkungen. Was wäre, wenn der Künstler anbieten würde, daß sie die Farbe des Werkes verändern könnten, ohne daß deshalb die Integrität des Kunstwerks verlorenginge? Man könnte das als Akt der Befreiung interpretieren, zumindest bis es dann wirklich darum geht, eine Entscheidung bezüglich der Farbe zu treffen. Falls der Besitzer Zeitschriften über Wohnungseinrichtungen lesen oder einen Innenarchitekten zu Rate ziehen würde, könnte er feststellen, daß sich bereits eine ganze Wissenschaft mit der Wahl der richtigen und falschen Farben beschäftigt. Und was vergangenes Jahr noch die richtige Farbe war, könnte sogar im Jahr darauf bereits die falsche sein … Von diesem Punkt aus geraten wir in eine Situation, in der Beruhigendes zur Einschränkung wird, und was sich als Form der Befreiung darstellt, wird wieder zu etwas anderem!Als ich damit begann, meine „Travel Trailers“ zu bauen, bildete ich mir ein, daß der Weg zur ultimativen Mobilität und Freiheit darin bestünde, einen Wohnwagen zu besitzen. Nachdem ich dann damit begonnen hatte, in meinem eigenen Wohnwagen herumzureisen, wurde mir klar, daß viele Leute ihren Wohnwagen irgendwo hinstellen und ihn dann nur ganz selten wieder bewegen. Im Gespräch mit diesen Leuten stellte sich heraus, daß für sie die Freiheit darin bestand, das kleine, intime Innere ihres Wohnwagens zu genießen und nicht die große weite Welt draußen: Wieder einmal war meine ursprüngliche Vorstellung davon, wie wir die Freiheit erreichen, völlig umgedreht worden! Jetzt arbeite ich an einem „Escape Vehicle“, in das einige dieser neu gewonnenen Einsichten einfließen. Mit einem „A-Z Escape Vehicle“ „flieht“ man, indem man sich ins Innere seiner eigenen, kleinen, maßgeschneiderten Welt zurückzieht, anstatt mit einem Fahrzeug irgendwo anders hinzufahren.

Textauszug aus: Fragen an Andrea Zittel von Theodora Vischer, Ausstellungskatalog Museum für Gegenwartskunst, Basel 1996. Theodora Vischer ist Konservatorin am Museum für Gegenwartskunst in Basel.

von Theodora Vischer

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