Titel: Atlas der Künstlerreisen · von Paolo Bianchi · S. 276
Titel: Atlas der Künstlerreisen , 1997

Mario Terzic

Choreographiedes Tourismus

MARIO TERZIC (*1945, lebt in Wien): Dem Wiener Künstler geht es beim Reisen um das Betreten und Bespielen von imaginären und real existierenden Räumen, um das Genießen von Bildern und um das Erkennen von spezifischen Verhaltensformen und Alltagsritualen – bis an die Schwelle zum hohen Theater. „Aus der Position des Künstlers“, sagt Terzic, „bediene ich mich der Mittel und Strukturen der Reiseindustrie (Transport, Agentur, Hotel), entwerfe Objekte (Kostüme, Kulissen, Sehwerkzeuge) und darüber hinaus entwickle ich komplexe Szenarien für Seh- und Erschließungsweisen.“ Im März 1990 reist Terzic mit 28 Personen nach Paris. Jeder Reisende erhält beim Abflug einen „Sehwerkzeugkasten“ für die Erschaffung eigener Bilder. Terzic fordert die Reisenden auf, lustvolle Augenarbeit zu leisten: „Sehen wird nicht nur zu einer Frage der Aufmerksamkeit, es wird wieder zur Prüfung für die Bereitschaft, Brillen kulturgeprägter Erwartung abzulegen… Sehen ist ein subtiler Kochprozeß. Der ‚Sehwerkzeugkasten‘ bietet die notwendige Kochlöffelgarnitur.“

Kunstreisen haben seit Jahrhunderten eine eigene Geschichte und Tradition. Die unstillbare Neugier, das gelernte Wissen zu erweitern, das vitale Bedürfnis, die Grenzen des eigenen Alltags zu überschreiten, um das Neue, das Unerwartete im Leben fremder Menschen und in den Zeugnissen anderer Kulturen zu entdecken, haben entscheidend zur Entwicklung der eigenen Kultur, zur Selbstfindung, beigetragen. Reisen bedeutet, den Zufall und die Überraschung, das Abenteuer und das Risiko als Momente kreativer Veränderung des Lebens zu suchen. Ein solches Experiment, welches Reisen als gesteigerte Lebenserfahrung verstand, war das Projekt „AutoMobil – Auf der Suche nach der verlorenen Kultur“, das 37 Teilnehmer im Herbst 1984 für zehn Tage…

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