Ausstellungen: Berlin · von Michael Hauffen · S. 269 - 271
Ausstellungen: Berlin ,

Berlin

Eintritt in ein Lebewesen

Von der Sozialen Skulptur zum Plattform-Kapitalismus

Kunstraum Kreuzberg 18.05.– 16.08.2020

von Michael Hauffen

Netzkunst kann heute bereits ein historisches Interesse reklamieren. Sie begann als Parallelsystem zum eigentlichen Kunstsystem, das sich dank breiter Förderung durch Hochschulen und Technologieunternehmen behaupten konnte. Schnittstellen zum orthodoxen Kunstbetrieb waren oftmals solche Nebenschauplätze wie bei der documenta 9, die mit dem Projekt Piazza Virtuale (Van Gogh TV, 1992) täglich eine Stunde Fernsehprogramm produzierte. In dieser Sternstunde der multimedialen Kommunikation wurden genuine Konzepte der Medienkunst erstmals in großem Umfang erprobt. Ein zweiter historischer Bezugspunkt ist für den Kurator Tilman Baumgärtel allerdings noch brisanter, nämlich die Freie Demokratische Universität, die Joseph Beuys 1977 ebenfalls auf einer documenta realisierte, und die erstmalig den musealen Raum für die aktive Beteiligung aller öffnete. Der reformerische Optimismus mit spirituellen Obertönen wurde von einer tief in den Untergrund reichenden Installation untermauert: der Honigpumpe. Sie sollte der Quintessenz dessen Geltung verschaffen, was der gesellschaftliche Gesamtarbeiter unter der Oberfläche verdinglichter Warenproduktion an kreativem Vermögen erzeugt.

Auch wenn kein Zweifel darüber bestehen dürfte, dass diese beiden Ereignisse zurecht als Ursprungsmythen kolportiert werden, wird man aus heutiger Sicht von der geringen Nachhaltigkeit der vielversprechenden Anfänge enttäuscht sein müssen. Es besteht sogar der Verdacht einer direkten Linie vom Ruf nach Interaktivität zu jenen paradigmatischen Clickworkern, die für minimale Entlohnung einigen Konzernen zu gigantischen Profiten verhelfen, während die vormals als Befreiung gefeierte Partizipation in einer neoliberalen Wüste zum digital kontrollierten Nutzerverhalten mutiert.

Die vielen versammelten Arbeiten liefern dafür aufschlussreiche Belege. Natalie Bookchin zeichnet das Bild einer postmodernen Community mit ihren Codes, deren frühe Nutzer häufig intimste Bekenntnisse ins Netz luden, als würde es ihnen Absolution erteilen (Testament, 2009 – 2017). Abgesehen von den unvermeidlichen Sexangeboten, deren professionellen Paradoxien Steffen Köhn nachgeht (Always Here, 2015), könnten auch die von Irene Chabr ausgewählten Gesten (Wandering Gestures V, 2020) angeführt werden: Variationen über die Figur Hand-vor-dem-Gesicht. Anschlussfähigen Spaß bietet dagegen das Format Karaoke, hier dokumentiert von Mark Salvatus als Mitschnitt zahlreicher Internetvideos. Der breite Wunsch nach Konformität bildet auch die Grundlage für die Filmcollage FragMENts (Neozoon, 2019) in der neun hybride Akteure, die aus mehr als 30 verschiedenen Influenzer-Videos zusammengesetzt sind, mediale Selbstdarstellung praktizieren – austauschbar und rekombinierbar, ohne jede Spur von Irritation.

Konditionierung und Anpassungsdruck führen zur Berechenbarkeit der Akteure, deren Logik dann selbstreflexiv für serielle Kunstwerke genutzt wird. Unabhängig voneinander vergaben mehrere Künstler*innen über Bezahlplattformen Aufträge – Stinkefinger zeigen, den Blick aus dem Fenster aufnehmen, etc. – und gestalteten daraus museale Tableaus. Oder es entwickelt sich sportlicher Ehrgeiz wie beim Gemeinschaftsprojekt The Place (Reddit, 2017), das unzählige User dazu getrieben hat, in mühsamer, weil durch Regeln erschwerter Pixelarbeit auf ein großes Tableau im Netz Einfluss zu nehmen – was zugleich als gelungene Metapher für den realen Krieg der Medien betrachtet werden kann.

Andererseits lassen sich schon früh deutliche Ermüdungserscheinungen registrieren. Seien es massenweise aufgegebene Websites (Olia Lialina) oder die Kommentare zu Starbucks, die nur noch zum Nachbeten von Werbeslogans tendieren (Cory Arcangel). Das Künstlerduo JODI steht schon lange auf dem Standpunkt, dass diese Welt nur mit bissigem Humor zu ertragen ist – oder mit ironischer Distanz, wie beim ebay shop All my Life for Sale (John D. Fryer, 2000 – 2002), der zumindest den sicheren Lacheffekt auf seiner Seite hat.

Unter dem Label OMSK Social Club begibt sich parallel zur Ausstellung eine anonyme Person in 58-tägige Quarantäne, wobei sie online aus einem Ausstellungsraum permanent beobachtet werden kann. Das gilt auch für den digitalen Roman, der dabei entsteht, und in dem alle Themen, die im Netz jemals wichtig waren, rekapituliert werden, inklusive der Erkundung aller möglichen Formen radikaler Selbstauflösung. Wenn einer der vielen Verweise, die in diesen Aufzeichnungen vorkommen, zu den aktuellen Aufständen in den USA führt, wo auf CNN Auseinandersetzungen um eine temporäre autonome Zone in Seattle ausgetragen werden, dann kann das einen Funken Hoffnung erzeugen, dass sich der ursprüngliche Einsatz für direkte Demokratie nicht in bloßen Ritualen verliert, sondern durch seine poetische Kraft zu einer gesellschaftlichen Erneuerung beiträgt. Es spräche jedenfalls für das kreative Potential eines politischen Lebewesens.

www.kunstraumkreuzberg.de