Fragen zur Zeit · von Michael Hübl · S. 44 - 47
Fragen zur Zeit ,

Fragen zur Zeit

8′ 46″

Michael Hübl

Zum Tod von George Floyd und den Folgen

Das „Schwarze Quadrat“ hat seit seiner tumultuösen, in gobalem Maßstab seinerzeit jedoch allenfalls marginal beachteten Premiere enormen Bedeutungszuwachs erfahren. Im Luna-Park Theater Sankt-Petersburg, also ausgerechnet in einem Etablissement, das den Mond im Namen führte, sollte 1913 der „Sieg über die Sonne“ zelebriert werden. Auf dem Bühnenvorhang zu Michail Matjuschins Oper, deren Libretto von Alexej Krutschonych den futuristischen Kraftmenschen feiert und eine neue, technologisch ambitionierte Ära verkündet, hatte Kasimir Malewitsch neben anderen zeichenartigen Elementen erstmals ein schwarzes Quadrat platziert – das „Schwarze Quadrat“, in dem er seine ästhetischen Vorstellungen in einer Vollkommenheit verdichtet sah, dass er es später zu einem Bildgegenstand sui generis erhob. Es sollte fortan zu einer Ikone der Moderne werden, wurde vielfach rezipiert und reflektiert.Jetzt ist durch den so genannten Blackout-Tuesday eine weitere Deutungsdimension hinzugekommen: Tausende Nutzer posteten am 2. Juni 2020 auf Facebook oder Instagram schwarze Quadrate.Eine Geste des Gedenkens und des Protests: des Gedenkens an den Schwarzen US-Amerikaner George Floyd und des Protests gegen dessen erbarmungs lose Tötung, die einem Lynchmord gleichkam. Acht Minuten, 46 Sekundenkniete der Polizeibeamte Derek Chauvin auf dem Hals seines Opfers. Dann war George Floyd tot.

Wenn von Malewitschs auf eine schlichte geometrische Form verknapptem Tafelbild die Rede ist, wird nicht selten – sei es aus Nachlässigkeit, sei es zur rhetorischen Vereinfachung – eine Komponente des Titels unterschlagen.Die vollständige Bezeichnung des suprematistischen Gemäldes lautet „Schwarzes Quadrat auf weißem Grund“. Das Detail erhält angesichts der durch den Tod Floyds teils ausgelösten, teils intensivierten…

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