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Essay · von Roland Schappert · S. 224 - 227
Essay ,

Grenzen des Individualismus

von Roland Schappert

Das Essay beschäftigt sich mit den Grenzen und der Anspruchshaltung des Individualismus. Dies geschieht in einer Zeit, in der eine nie zuvor dagewesenen Vielzahl an Meinungen, Haltungen und sozialpolitischen Ansichten von Gruppen und Kollektiven artikuliert werden, während ästhetische Programme zugunsten kulturpolitischer Anforderungslisten verstummen. Wie verändern sich die Rahmenbedingungen künstlerischer Produktionsweisen sowie die Rezeptionsweisen in einer vorgeblich offenen und demokratischen Gesellschaft?

Individualisierung galt bis vor kurzem zumindest in den westlichen Demokratien als vorherrschender Megatrend, der sich weltweit auf die Ausdifferenzierung von Lebenskonzepten auswirkte. Karriereverläufe, sexuelle und religiöse Praktiken, Welterklärungsmodelle und vieles mehr fanden immer unterschiedlichere Ausrichtungen. Parallel dazu singularisierten sich die digital maßgeschneiderten Produkte unserer Konsumwelten. Zunehmender Individualismus galt lange Zeit als Fortschritt, der immer neue Grenzen sprengte. Identitätspolitik, Antirassismus und Antikolonialismus, die Folgen von Corona, ein Krieg am Rande Europas, die Klimakatastrophe, Ressourcenknappheit und nun auch noch mangelnde Geldwertstabilität sowie eine sich unvorhersehbar abzeichnende Energiekrise verdeutlichen augenscheinlich die gegenwärtigen Grenzen individualistischer Freiheiten und Selbstverwirklichungsansprüche. Die Idee, fortgeschrittene Individualisierung als reale oder empfundene Freiheit für offene Wahlmöglichkeiten zu erfahren, ist derzeit starkem Gegenwind aus unterschiedlichen Richtungen ausgesetzt. Forderungen vieler Bewegungen, die sich weitreichenden Unterdrückungen, Benachteiligungen, Zensuren und historischen Versäumnissen widmen, stoßen auf mangelnde Kompromissfähigkeiten sich selbst auslebender Individuen und untereinander rivalisierender Kollektive. Fragen nach dem gesellschaftlichen und politischen Konsens sowie nach verbindlichen und verbindenden Gesellschaftsprinzipien rücken ins Zentrum kulturpolitischer Entscheidungsfindungen. Wie sollen wir umgehen mit offensichtlichen und weniger ersichtlichen Notwendigkeiten, die unsere Lebenswelten einengen und existentiell bedrohen? Können sich Produktion und Rezeption von Kunst dieser Situation entziehen oder…

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