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Fragen zur Zeit · von Michael Hübl · S. 38 - 41
Fragen zur Zeit ,

Fragen zur Zeit
Umkehr des Duchamp-Effekts

Michael Hübl
Wie mit Tomatensuppe und Kartoffelbrei das ideelle Potenzial der Kunst getilgt wird

Die Twitter-Gemeinde war auf dem Quivive: Kaum hatten zwei junge Frauen in der National Gallery London ein Sonnenblumen-Stillleben von Vincent van Gogh mit Tomatensuppe übergossen, brach eine Zwitscherwelle an Kommentaren los: Sympathiebotschaften („heroes“) wechselten mit brodelnder Verbalgülle, sadistischen Strafphantasien oder süffisanten Sottisen. Ob denn van Gogh ein Ölbaron gewesen sei, wurde gefragt? Oder ob die beiden etwas verwechselt hätten: Ölgemälde werden nicht mit Schweröl gepinselt. Und warum habe man sich das Werk eines Künstlers ausgesucht, der in Armut lebte, also bestimmt nicht durch seine Wirtschaftsmacht den Ruin des Planeten beschleunigen konnte? Beklagt wurde die Lebensmittelverschwendung der Aktivistinnen: Die eingedosten Fertiggerichte hätten sie besser einer Tafel spenden sollen. Überhaupt müssten sie sich erst einmal selbst an die Nase fassen: die gefärbten Haare der Wortführerin – ein Erzeugnis der Petrochemie. Die Videoaufnahmen und deren digitale Verbreitung – Energiefresser. Ganz abgesehen von den Produktionsbedingungen der Smartphones, bei denen die Ausbeutung von Arbeitskräften ebenso in Kauf genommen wird wie die Schädigung von Mensch und Umwelt beim Abbau Seltener Erden.

Unabhängig aber davon, wie unterschiedlich sie im Detail ausfielen, teilten sich die Bemerkungen grob in zwei Gruppen. Die eine lehnt das Suppenattentat ab, nicht zuletzt weil es der Sache des Kilmaschutzes mehr schade als nütze, die andere befürwortet es, weil es Aufmerksamkeit erregt und dann doch – in einem zweiten Schritt nach dem Schock – zu der Erkenntnis führe, dass die Beschmutzung eines Kunstwerks nichts ist im Vergleich…

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