Zur Disskussion · von Siegfried Gohr · S. 378
Zur Disskussion , 2010

Markus Lüpertz

oder wie die Kunst bei sich selbst blieb

von Siegfried Gohr

Verrisse sind ein gutes Zeichen. Verrisse, die von Hass triefen und vor Wut schäumen und die Analyse ausblenden, beweisen, dass das Ziel des negativen Urteils eine besondere Energie erzeugt hat, dass eine tiefgreifende Verstörung ausgelöst wurde, die offensichtlich nicht rational zu bearbeiten war. Die Verrisse bezeugen eine Abwehrhaltung, die ans Irrationale grenzt. Was ist es, das die Retrospektive von Markus Lüpertz in der Bundeskunsthalle in Bonn bietet oder verweigert, dass solche heftige Reaktionen erfolgt sind? Der Impuls der Avantgarde war es, die tradierte Kunst zu entlarven, sie der ästhetischen Irrelevanz zu überführen, um einer avantgardistischen Kunst eine Relevanz in der Gesellschaft zu erobern. Dieser Gestus, der ambivalent blieb und dennoch Kräfte freisetzte, die zu großer Kunst führten, verlor um 1960 wegen zunehmender Irrelevanz an Faszination. Avantgarde wurde zur Neoavantgarde, zu einer Simulation dessen, was sie in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts gewesen war. Dies war ihr und ist ihr in Teilen bis heute nicht bewusst geworden. Es lässt sich an der immer weiter betriebenen Ausdehnung des Duchamp-Effektes erkennen, mit dessen Hilfe alles nur Erdenkliche in den Bereich der Kunst hineingeholt wurde und wird – demnächst sogar das Sterben des Menschen. Immer wieder ist von der Erschöpfung dieses Gestus die Rede, Kunst und Kontext sind sich zum Verwechseln ähnlich geworden. Aber es gibt einen breiten Konsens, der diese Entwicklung begrüßt, analysiert und in politische, mediale und kommerzielle Erfolge ummünzt. Die Triebfeder des Ganzen bleibt die sogenannte “Provokation“, die …

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