Titel: Staunen - Porträts zum Staunen der Künstler · von Paolo Bianchi · S. 158
Titel: Staunen - Porträts zum Staunen der Künstler ,
Titel: Staunen - Porträts zum Staunen der Künstler

Mathias Kessler

Mit ruhigem Auge staunen

von Paolo Bianchi

Ein hoher Berggipfel gilt in vielen Kulturen als Symbol für Erhabenheit und Spiritualität. Seine alles überragende Höhe spiegelt die Sphäre des Unerreichbaren. So weist die Grundgeste aller Religionen „nach oben“, sie ist „jenseitig“ oder „überirdisch“. Das Göttliche und Himmlische ist immer mit dem „Oben“ verbunden. Wenn Berge Sehnsucht erzeugen und Imaginationen wachrufen, überrascht es nicht, dass die so genannten Hochreligionen – Judentum, Christentum, Islam, Buddhismus, Hinduismus – in ihrer jeweiligen Symbolmatrix heilige Berge aufweisen.

Grönland – bei diesem unwirtlichen Ort der Erde handelt es sich um den Ground Zero der Klimakrise.

AMBIVALENZ VON TREMENDUM UND FASCINOSUM

Als fundamentale Kategorie des Staunens ist von Gläubigen natürlich das Dasein der Götter betrachtet worden. In der Schubert-Messe heißt es: „Ehre, Ehre sei Gott in der Höhe! Stammeln auch wir, die die Erde gebar. Staunen nur kann ich, und staunend mich freu’n.“ Das kann gesteigert werden bis zum ekstatischen Staunen: das Hinauswachsen der Seele, über sich selbst zu Gott, die visio dei. Hier gibt es nichts im Raum, was zum Gegenstand des Sehens werden kann. Visio dei heißt, paradox gesagt, „nichts als dieses“ zu sehen. Dieses „Nicht als dieses“ meint: Nichts = Gott, meint: nichts außer Gott, so auch: in allem nur Gott und alle Dinge als nichts zu sehen. Das Auge, mit dem wir Gott sehen, ist dasselbe Auge, mit dem Gott uns sieht. Sehen ist ein kreativer Akt. Raum bildet sich in der gleichzeitigen Gegenläufigkeit von Sehen und Gesehenwerden. Er bildet sich im Umspringen des Blicks zwischen dem Auge,…

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