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Ausstellungen: Düren · von Sabine Elsa Müller · S. 256 - 257
Ausstellungen: Düren ,

Düren
Thomas Arnolds

Duktusinduziert
Leopold-Hoesch-Museum 09.12.2018 – 10.03.2019

von Sabine Elsa Müller

Ganz erstaunlich, wie die Grundthemen der Malerei hier neu verhandelt werden. Nehmen wir die Farbe: Erst spaltet Thomas Arnolds die Farbe auf in Rot, Gelb und Blau und malt die sogenannten „Küchenbilder“, mit denen er in der Bonner Ausstellung „Der Westen leuchtet“ 2010 bekannt wurde, dann wieder entscheidet er sich für die Farbe Weiß, die potentiell alle Farben enthält, und die als monochrome Weiß-in-Weiß-Malerei fast schattenlos die Fläche bedeckt. Bekanntlich wurde mit solchen Farbreduktionen die Malerei in der Moderne an ihre Grenzen gebracht. Aber wie lassen sich daraus heute noch Funken schlagen?

Dass Arnolds ganz analytisch vorgeht, legen schon die höchst unterschiedlichen Bildgruppen nahe, in denen er seine Fragestellungen in umfangreichen Zyklen durchdekliniert. Er widmet den sich selbst gestellten Aufgaben eine gründliche, ein- bis zweijährige Durcharbeitung und bringt dabei zweierlei zu Tage: enigmatisch in sich geschlossene, material und malereibetonte, handwerklich anspruchsvolle, dinghafte Bilder, in denen die Kunstgeschichte die Grundierung liefert. Kein Eklektizismus, sondern eine eigenwillige Form von Durchdringung der Geschichte und Stile, die ein neues Sehen ermöglicht. Arnolds, der vor seinem Malereistudium bei Walter Dahn eine Ausbildung als Steinmetz und Steinbildhauer absolvierte und als Kirchenrestaurator tätig war, findet in einem Interview eine sofort einleuchtete Analogie, wenn er seine Bilder mit einer gebauten Konstruktion vergleicht, „So, wie man auch ein Werkstück in und aus dem Stein erarbeitet.“ (Interview mit Heide Häusler, Kat. Kunstverein Reutlingen, 2015).

Als Schnittstelle zwischen den Bildformen fungiert der Duktus, die malerische Handschrift. „Duktusinduziert“ lautet denn auch der lakonische Ausstellungstitel, der das Handwerkliche des Herstellungsprozesses betont, anstatt es zu verschleiern. Was durch diesen Duktus aber vor allem induziert wird, ist die Entstehung des Bildraumes. Durch die Art und Weise des Farbauftrags entwickelt sich eine bildimmanente Räumlichkeit bei rigorosem Beharren auf der Zweidimensionalität. Ein Widerspruch in sich, wie er nur in der Malerei möglich ist.

Arnolds’ glatte Flächen sind mit reliefhaft strukturierten Feldern und erhabenen, dick aufgetragenen oder wie direkt aus der Farbtube „gezeichneten“ Linien durchsetzt.

Stellenweise treibt er die Ölfarbe durch extreme Aufschichtung in die dritte Dimension und lotet so nicht nur die Grenzen des Materials aus, sondern auch die zwischen Malerei und Plastik. Diese repetitiven Gebilde mit ihrem kugeligen Aufbau und den kreisrunden, scharf gegen die Umgebung abgezirkelten Formen tauchen bei aller Wandelbarkeit immer wieder auf und stehen für den von Arnold geprägten Begriff einer „duktusinduzierten Hard Edge Malerei“.

Bei den rosa- oder besser gesagt fleischfarbenen Bildern aus dem Jahr 2011 sind es allein diese zeichenhaften, wie zerstückelt auf einer glatten Fläche verteilten Linien, die innerhalb der Monochromie Orientierung bieten. Sie sind Versatzstücke zweier verschiedener Ebenen, die einander durchdringen: Ein Akt verschmilzt mit dem selbstreferenziellen Grid der Minimal Art. Die Farbe Rosa als mit Bedeutung aufgeladenes Inkarnat einerseits und ins Grau tendierende Nicht-Farbe andererseits, die Linien-Zeichen abstrakt und figurativ. Alles bleibt in der Schwebe.

Im darauf folgenden Zyklus „Luft“ (2012 – 2013) wird die Farbe wieder kräftig und bewegt: Wellenförmig ineinander vermalte Farben erzeugen eine Unschärfe, die Bewegung und Ferne suggeriert, während hart dagegen gesetzte, geometrische Einzelformen Nähe und eine haptische Konkretion behaupten. Hier werden Gegensätze nicht aufgehoben, sondern ins Extreme herausgearbeitet.

2014 dann plötzlich vollkommen Weiße Bilder, ein Lehrstück in Sachen Wahrnehmung. Zunächst setzt die Malerei mit ganz feinen Strichen die Fläche in Bewegung, schafft Rotationen, die erst kaum sichtbar, dann aber desto nachhaltiger wirksam sind. Dann legt sich die Zeichnung Weiß in Weiß über den geglätteten Untergrund in Kreisformen und Gitterstrukturen wie bei einer kartographischen Draufsicht. Auch die Nähe zur Computergrafik ist frappierend. Das reine, erhabene Weiß findet seinen Selbstausdruck in der buchstäblichen Erhabenheit der Linie, im Kreis als der perfekten Form.

Diese konzeptuelle Malerei ist da nicht mehr ganz so kontrolliert, sie wird freier und auch kontemplativ. Unübersehbar ist der expressive Gestus in der Gruppe, die Arnolds unter dem Namen „Marb“ (2015 – 2017) zusammenfasst, und die mit drei großen Arbeiten im zentralen Hauptsaal einen fast meditativen Mittelpunkt der Ausstellung bildet: Das Prinzip des Wegnehmens tritt an die Stelle des konstruktiven Aufbaus. Die Farbe liegt unter einer deckenden schwarzen Schicht, aus der sie mit verschiedenen Instrumenten herausgekratzt oder herausgewischt wird, so dass sich graphisch-gestische Strukturen und eine räumliche Bildtiefe einstellen, die bewegt und dynamisch wirken. Diese andere Möglichkeit der Präsenz der Farbe weiß Arnolds in der neuesten Serie „Run“ jedoch wieder aufzubrechen, indem er eine strenge, an der Eleganz antiker Säulen sich messende Bildordnung dagegensetzt.

www.leopoldhoeschmuseum.de

von Sabine Elsa Müller

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