Ausstellungen: Barcelona , 2012

Uta M. Reindl

Mona Hatoum

»Projection«

Fundación Miró, Barcelona, 22.6. – 24.9.2012

Im Spätsommer präsentierten sich nahezu zeitgleich zwei starke Bildhauerpositionen einer Generation in den großen Häusern Barcelonas: Rita McBride im MACBA, dem Museum für zeitgenössische Kunst im Stadtzentrum, und Mona Hatoum in der Fundación Miró oben am Berg Montjuic. Beide arbeiten mit modellhaften Skulpturen, beide beziehen sich auf Alltagsgegenstände, beide verfremden Materialien. Doch während die US- Amerikanerin Rita McBride ihre Sujets eher mit Distanz und abstrahierend ironisch angeht, lädt die palästinensisch-britische Künstlerin mit Londoner und Berliner Wohnsitz, Mona Hatoum, ihre Werke inhaltlich und auch emotional stark auf. Selbst für die abstrakten Arbeiten gilt dies, wenn auch auf höchst subtile Weise.

Anders als in den 1980er Jahren, als Mona Hatoum mit der dreistündigen Performance Negotiating Table ein Massaker in einem palästinensischen Flüchtlingslager zum Anlass nahm, sich in einem Leichensack eingeschnürt auf einen Tisch zu legen und mit Blut und Gedärmen zu bedecken, ist ihre politische Botschaft heute reduziert, deshalb nicht minder eindringlich. So ist der minimalistische Kubus aus Stacheldraht mit dem lapidaren Titel Cube (2008) über seine kinetischen, sprich kunsthistorischen Referenzen hinaus ein ebenso politisch kodiertes Objekt. Oder die im Innenhof der Fundación Miró installierte Plastik aus Sandsäcken, durch deren Jute viel Grün sprießt. Sie ist auch eher harmlos Hanging Garden (2008) genannt und lässt an Arte Povera oder gar Ökokunst denken, assoziiert aber ebenso Schutzwälle aus Sandsäcken, wie sie etwa im Krieg oder im Katastrophenfall zum Einsatz kommen. Unter die Haut geht doch die Widersprüchlichkeit zwischen Material und Form angesichts der Handgranaten aus kostbarem Muranoglas in allen Farben von Nature morte aux grenades (2006-2007). Und die auf einfachen Holzböcken installierten 3-D-Cities (2008-2009) sind markiert durch „Implosionen“, durch konkav ausgebeulte Schnitte in den Stadtplan, die sich durchaus in konvex ausgebeulte verwandeln, womit sie sozusagen „explodieren“, wie es Künstlerin einmal erklärte.

Ganz neue Seiten des traditionell von politischen Botschaften behafteten Oeuvres Mona Hatoums aufzuzeigen, ist ein wesentliches Anliegen der von Martina Millà in enger Zusammenarbeit mit der Künstlerin kuratierten Ausstellung in Barcelona. Tatsächlich akzentuiert die Schau in der Miró-Stiftung eine eher abstrakte und auch spielerische Dimension in den Werken Hatoums. So beispielweise mit +and- (1994-2004). eine beeindruckende Bodenarbeit. Sie besteht aus einem Sandkreis, in den durch einen kreisenden Metallpflug Furchen gezogen und gleichzeitig geglättet werden. Die erst im letzten Jahr entstandenen Skulpturen aus geometrischen Stahl tragen Titel verschiedener Gebäudetypen wie Angle Building, Sports Club Building, Omar Building, Chamber Building oder Markasi Building, wobei nur Bunker auf den ersten Blick eine Referenz auf kriegerische Kontexte ablesen lässt.

Nur vordergründig, wie schon angemerkt, sind etliche Arbeiten der Ausstellung tatsächlich spielerisch, wie A Bigger Splash (2009), eine variable, sechsteilige Bodenarbeit aus Muranoglas: Die Glasobjekte sehen aus wie die Abbildung allseits bekannten Milchkrone von rjordan. Der fast blutrote Farbton dieser Glasskulpturen allerdings spricht eine eindeutig andere Sprache.

Schließlich die aus zahlreichen Ausstellungen vertraute Skulpturenvariation von Alltagsgegenständen im Popartformat aus der (immer noch vorwiegend) weiblichen Küchendomäne, etwa jene zum Paravent oder zum Möbel umgenutzte Haushaltsreibe wie Daybed (2008), Paravent (2008), oder die ebenfalls raumgreifende La grande broyeuse (Mouli-Julienne X 17) von 1999, eine Zerkleinerungsmühle für die Küche. Der ihnen immanente Feminismusdiskurs scheint mittlerweile etwas plakativ, weil weitgehend überholt – zumindest in Industrienationen.

Zu den unmissverständlich politischen Arbeiten zählt Every door a wall von 2003, ein Plastikvorhang mit einem aufgedruckten Artikel aus der Herald Tribune über die Kriminalität der Drogenmafia an der US-mexikanischen Grenze. Wie sehr auch immer die ästhetische Dimension im Vordergrund sein mag, fast immer hat Mona Hatoum eine Prise Schmerz eingespielt: Die Drucke auf japanischem Wachspapier manifestieren höchst subtil Spuren von Gewalt, denn die scheinbar abstrakten Strukturen sind unübersehbar Abdrücke von Schneideflächen einer Küchenreibe. Haare wurden von Hatoum auf anderen Papierarbeiten zu einer netzartigen Struktur verarbeitet – abgeschnittene Haare, die die Künstlerin schon häufiger als Bestandteil von Objekten und Bildern nutzte, wie etwa auch für die Stickerei auf einem Palästinensertuch. Ein höchst vieldeutiges Material: Hat es doch einerseits mit dem Sujet der Weiblichkeit zu tun, gleichwohl könnte es die aufgehäuften Haare aus den Gedenkstätten des Nationalsozialismus assoziieren. Bei der Installation Deep Throat (1996), einem frugal für eine Person gedeckten Tisch, erlebt der Betrachter über den im Tellerboden angebrachte Videoscreen eine Fahrt durch den Schlund eines menschlichen Körpers ins Innere der Gedärme.

Auf die Sitzflächen der 35 installierten Schaukeln von Suspended, 2011, die allerdings niemand benutzt, sind Stadtpläne eingraviert, die den globalen Migrantenstrom veranschaulichen. Ähnlich, wie die zarten Umrisse der Kontinente auf handgeschöpftem Papier in der den Ausstellungstitel in Barcelona gebenden Papierarbeit Projection von 2006 auf die Folgen des Klimawandels verweisen will. Und faszinierend schön schließlich beim ersten Anblick, doch durchaus lebensbedrohend beim zweiten dürfte das mit verschieden großen Glaskugeln versponnene Web von 2011 sein, ein an Decke und Wänden installiertes Spinnenetz aus Metallfäden. Die mundgeblasenen Glaskugeln erwecken den Eindruck von frischer Spinnenseide, frischem Tau, täuschen nur erster Betrachtung über den eigentlichen Zweck eines Spinnennetzes hinweg. Noch subtiler das Spiel mit der Ambivalenz treibt Hatoum in der eigens für Barcelona geschaffene Bodenarbeit Turbulence (2012), denn der aus wassergrün schimmernden Glasmurmeln bestehende Teppich ist nicht nur dysfunktional, sondern bedrohlich, wenn nicht gar lebensgefährlich.

Die große Werkschau Mona Hatoums in der Miró Stiftung ist verbunden mit der Verleihung des von der Miró Stiftung und der la Caixa ausgelobten Joan Miró Preises im Jahr 2011, einem mit 70 000 Euro hoch dotierten zeitgenössischen Kunstpreis, der 2007 erstmals an den Dänen Olafur Eliason und 2009 an die Schweizerin Pipilotti Rist in 2009 ging. Mona Hatoum stiftete ihr Preisgeld der University of Arts an ihrem Hauptwohnsitz in London für die Ausbildung von Nachwuchskünstlern.

von Uta M. Reindl

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