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Ausstellungen: Berlin · von Claudia Wahjudi · S. 224 - 225
Ausstellungen: Berlin ,

Berlin
No Photos on the Dance Floor!

Berlin 1989 – Today
C / O Berlin 13.09. – 30.11.2019

von Claudia Wahjudi

Ein wenig ist es wie früher: Schnelle Bassschläge locken in den dunkelsten Raum. Durch das Fotohaus C / O Berlin hämmert gedämpft Techno, der sich erst hinten in der letzten Halle entfaltet. Vorbei dorthin geht es an Ben de Biels Schwarzweiß-Dias aus Berlin-Mitte kurz nach Mauerfall. Sie zeigen den Luftschutzbunker an der Reinhardtstraße noch ohne den Wohnaufbau des Kunstsammlers Christian Boros. Und hinter der Kaufhausruine, die als Kunsthaus Tacheles bekannt werden sollte, verrotten drei Autowracks.

Doch um Nostalgie geht es nicht. Die Schau „No Photos on the Dance Floor! Berlin 1989 – today“ ist zwar anlässlich des 30. Jahrestages des Mauerfalls entstanden, und mit Arbeiten von 26 Fotografen, Künstlern und Künstlergruppen erweisen Felix Hoffmann von C / O Berlin sowie Gastkurator Heiko Hoffmann Clubs als Wegbereitern der heutigen Kulturstadt Berlin ihren Respekt. Dennoch halten sie eine Distanz, die dem Publikum eine analytische Sicht freigibt. Möglich macht das ihr Thema, das angesichts des heutigen Massengebrauchs von Fotos aus jeder Lebenslage seinen besonderen Reiz hat: Aufnahmen aus Clubs, in denen Fotografieren und Filmen oft unerwünscht, wenn nicht untersagt war oder ist – um die Privatsphäre entrückt Tanzender, Urheberrechte und die Aura des jeweiligen Clubs zu schützen. Dass es dennoch professionelle Aufnahmen gibt, verdankt sich Genehmigungen für ausgewählte Fotografen und, seltener, Fotografinnen, die oft selbst überzeugte Clubgänger und -gängerinnen sind. Es handelt sich also um eine Art „embedded photography“, die eher die schönen Seiten des Clublebens zeigt.

Auch durch Adaption schaffen die Kuratoren paradoxerweise Distanz. Die Musik führt in einen Saal, in dem das Publikum an einigen Veranstaltungsabenden Performances beiwohnen oder sogar tanzen kann, in dem während des Ausstellungsalltags jedoch auf den Wänden Videos laufen, etwa von dem Duo u-matic | telematic, wie sie inzwischen aus den Clubs verschwunden sind. In Vitrinen liegen zudem papierne Flyer von fast vergessenen Partys und Konzerten und verdeutlichen, wieviel Zeit seit den ersten House-Partys, noch im späten West-Berlin, vergangen ist.

Die Ausstellung scheint diese Zeitspanne zunächst zu betonen. Die Strecke beginnt mit Pola-roid-Porträts kostümierter Mitglieder der Künstlergruppe Honey-Suckle Company und Martin Eberles nüchternen Farbaufnahmen der mehrjährigen Serie „Temporary Spaces“ vom Außen und Innen früher Clubs wie dem spartanischen Panasonic, den der Künstler Daniel Pflumm betrieb. Die Strecke endet unter anderem bei durchinszenierten Räumen mit farbiger Light Show auf den Fotos von Giovanna Silva, die von der Professionalität der heutigen Clubwirtschaft berichten. Carolin Saage hinterlässt der Nachwelt empathische Farbbilder von einem ganzen Viertel zum Wohnen, Lieben und Feiern: den Holzhäusern und Gärten rund um die Bar 25. Und merkwürdig, wie gestrig diese Welten sogar auf superscharfen Digitalfotos wirken können. Im Billigflieger zu Partys, Stromverbrauch ohne Ende: Hier scheint noch das Motto „Verschwende Deine Jugend“ (DAF / Jürgen Teipel) zu gelten. Die Maxime einer heutigen Bewegung wie Fridays For Future dagegen dürfte eher „Verwende Deine Jugend“ (Mareike Nieberding) lauten.

Doch zwischen den Fotos von gestern tauchen auch zeitlosere Themen auf: DJ-Porträts (seriös fotografiert von Salvatore Di Gregorio), der Rausch in Symbolbildern (George Nebieridze) oder der Morgen danach – am überzeugendsten bei Wolfgang Tillmans. Seine zwei Wände mit Fotos unterschiedlicher Formate und Größen zeigen die Nacht vom Anstehen vor der Tür über die Exstase auf der Tanzfläche bis zu Gesichtern im verletzlichsten Moment: frisch im Tageslicht, zwischen fließenden Stoffen und jungen Götterbäumen, Raver und Raverinnen einander zugewandt und umarmend.

Auf den zweiten Blick gerät die vermeintlich chronologische Ordnung von Medien und Motiven durcheinander. Sven Marquardts Schwarz-Weiß-Porträts seiner Bekanntschaften rund um die Clubs Ostgut und Berghain sind keine zehn Jahre alt, doch der Look der kernigen Männer mit Faconschnitt, Hemd und Wollmantel verweist zurück in die 80er-Jahre, als Postpunk seinerseits das frühe 20. Jahrhundert zitierte. Tilman Brembs’ viel ältere Schnappschüsse von Clubgästen lassen dagegen an heutige Selfies denken: Die Feiernden posieren vor der Kamera, die Augen gerötet, die Arme emporgereckt.

Erst ein dritter Blick führt zu den stadtpolitischen und historischen Hintergründen, die auch der ausführliche Katalog nur streift. Zwei Serien geben bei entsprechendem Hintergrundwissen preis, dass die Berliner Clubkultur über den Mauerfall hinaus eng mit der Geschichte der Stadt verwoben war und bleiben wird. Martin Eberles „ Temporary Spaces“ zeigen in ihrer Sachlichkeit, dass sich gerade kleine Clubs mit ihren Einrichtungen aus Fundmöbeln auch für Filmvorführungen, Vorträge und Diskussionen eigneten, wie sie in Clubs von Berlintokyo bis WMF stattfanden und oft Startpunkt waren für Vereine und berufliche Laufbahnen, die das Stadtgeschehen bis heute mitprägen. In der deutschen Geschichte schließlich verortet den Club-Boom die Serie „Stempelwald“ (2015) von Erez Israeli. Der 1974 in Israel geborene Künstler ließ sich Abdrucke von Eingangsstempeln der Clubs, die er besucht hatte, als dauerhafte Tattoos auf die Innenseite seiner Unterarme stechen. Die entfernte Ähnlichkeit mit den Häftlingsnummern, die sich Gefangene des Konzentrationslagers Auschwitz auf den linken Unterarm tätowieren lassen mussten, ist beabsichtigt. Und in der Tat tanzte Berlins Jugend nach dem Mauerfall oft in Gebäuden, die während der nationalsozialistischen Diktatur zwangsenteignet oder unter Druck verkauft worden waren und nach der Vereinigung an die Erben der einstigen, oft jüdischen Eigentümer rückübertragen werden sollten. Erst die konzeptuellen Serien von Eberle und Israeli machen aus „No Photos“ mehr als einen Einblick in das Berliner Clubgeschehen – und mehr als einen Überblick über Methoden, flüchtige Momente zu fotografieren, die eigentlich nicht festgehalten werden sollten.

Heiko Hoffmann / Felix Hoffmann (Hg.): No Photos on The Dance floor! Berlin 1989–Today. Prestel, London / New York 2019, 272 Seiten, 36 Euro.

www.co-berlin.org