Fragen zur Zeit · von Michael Hübl · S. 40
Fragen zur Zeit ,

Fragen zur Zeit

Wie bei Deveroux und Macdonald

Michael Hübl

Vom WC bis zum Vaporizer: Die Kunst hält immer wieder neue Aspekte zum Verständnis der Gegenwart bereit

Cattelan kills Magritte: Lange stand die Frage im Raum, ob es einem Künstler gelingen würde, René Magrittes Irritationsdominanz zu brechen. Die bereits 1929 visualisierte und dann zu einem Lieblingsbild der Semiotiker avancierte Feststellung „Ceci n’est pas une pipe“ gehört zu den Ikonen der modernen Kunst. Kein anderes Werk schien die Diskrepanz zwischen Zeichen, Begriff und Gegenstand treffender zu veranschaulichen als „La trahision des images“ von Magritte. Dann trat 2016 Maurizio Cattelan auf den Plan und präsentierte im Guggenheim Museum New York seine Arbeit „America“ – eine komplette Kloschüssel, gefertigt aus 103 Kilogramm massivem Gold.1 Magrittes „Verrat der Bilder“ im Sinn mochte angesichts des hochkarätigen Objekts rasch der Verdacht aufkommen: „Ceci n’est pas une cuvette“. Doch weit gefehlt. Hier klafft keine Kluft zwischen Wahrnehmung und Nutzer-Realität, wie sie noch ein weiteres Signet-Werk des 20. Jahrhunderts akzentuiert hat: Anders als weiland Marcel Duchamp mit seiner „Fountain“ hat Cattelan den Kurzschluss zwischen Kunst und Klo nicht bloß als Denkanstoß inszeniert, sondern zur veritablen Benutzung freigegeben; Wasserspülung inklusive.

Die Funktionstüchtigkeit als Water Closet, kurz: WC, stimulierte offenbar den britischen Humor. Die 2014 von Lord Edward Spencer-Churchill, dem Bruder des 12. Duke of Marlborough gegründete Blenheim Art Foundation machte Blenheim Palace, den Geburtsort von Winston Churchill (Initialen: WC), zum Schauplatz einer großen Catellan-Ausstellung und ließ dort neben Werken wie „Novecento“ (1997), bei dem ein ausgestopftes Pferd von der Decke hängt, oder „La Nona…

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