Gespräche mit Kunstvermittlern · von Martin Blättner · S. 474
Gespräche mit Kunstvermittlern , 2001

MARTIN BLÄTTNER

Vormund für das Publikum

Zur geplatzten Ausstellung von Willi Sitte in Nürnberg

Eine vertraglich vereinbarte Ausstellung wird verschoben und findet schließlich nicht statt. Punkt. Ausrufezeichen. Fragezeichen. Der Verwaltungsrat des Germanischen Na-tionalmuseums in Nürnberg schwang sich unter dem Vorsitz des bayerischen Kunstministers Hans Zehetmair mitsamt seinen dreißig Kommissaren aus Politik; Wirtschaft und Wissenschaft zu einer kulturellen Oberinstanz auf und beschloss am 6. Dezember 2000, dass der geplanten Willi-Sitte-Ausstellung in diesem Jahr zunächst ein Symposion (20.-22. Juni 2001) und eine Überprüfung offener Fragen voraus gehen sollte. Mit der Verschiebung des Termins auf 2003 war für Sitte die Geschäftsgrundlage entfallen: Er sagte die „Werke und Dokumente“-Ausstellung (die nicht rein kunsthistorisch geplant war, sondern auch sein „Wirken als Kunstfunktionär“ in der DDR darstellen sollte) ganz ab.

Der Imageschaden für das Museum ist nun wohl nicht unbeträchtlich. Der erst 1994 berufene Generaldirektor Dr. Ulrich Großmann musste sich inzwischen von seinem nur einige hundert Meter entfernten Kollegen Dr. Lucius Grisebach – Leiter des Neuen Museums für Kunst und Design – öffentlich vorhalten lassen, die Ausstellung sei. „nicht kompetent“ vorbereitet gewesen. Außerdem sei Sitte ein „schlechter Künstler“. Während Großmann das eher peinliche Ereignis am liebsten ignoriert hätte, entfachte der bislang einmalige Beschluss in der BRD einen regelrechten Sturm im Blätterwald der Presse mit dem Nebeneffekt einer vertieften Neuauflage der Auseinandersetzung über den „sozialistischen Realismus“ der verschwundenen Republik. Geklärt werden könnte etwa, ob die mitunter fast kubo-futuristische Malerei Sittes nicht eher eine eklektische und ideologisch relativierende Kunst als die Verklärung des „sozialistischen Heldenstaates“ sowjetischer Prägung war. Wurde in der Ex-DDR…

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