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Relektüren · von Rainer Metzger · S. 330 - 331
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Folge 63

Rainer Metzger

Kunst ist, ein unbearbeitetes Stück Stein so lange zu bearbeiten, bis es aussieht wie ein unbearbeitetes Stück Stein. Diese Sentenz soll einmal dem Munde Rudolf Scharpings, der von 1998 bis 2002 deutscher Verteidigungsminister war, entflogen sein, und wenn sie auch dem üblichen Ressentiment zuspricht, so ist sie als Bonmot irgendwie ganz trefflich.

Monika Wagners aterialreiche Darstellung zum Material der Kunst ist von Scharpings Diktum nicht sehr weit entfernt. Geht es nach ihrer anderen Geschichte der Moderne, so hat das 20.Jahrhundert mit all den einschlägigen Stoffen, denen es sich verschrieb, so lange hantiert, bis sie daherkamen wie die einschlägigen Stoffe – wie, um das Inhaltsverzeichnis zu bemühen, „Plastik und Elastik, Fett und Filz, Blut und Fleisch, Feuer und Asche, Luft und Licht“. Und natürlich in aller Vielfalt der Stein, wie bearbeitet auch immer. Dazu sind die obligatorischen Namen schnell memoriert. Emil Schumacher kokelt die Leinwände an, Anselm Kiefer braucht eine Handvoll Heimaterde, die Wiener Aktionisten nehmen die Eingeweideschau ebenso buchstäblich wie James Turrell das Prinzip Menetekel. Und natürlich Joseph Beuys.

Der Metaphysiker der Nachkriegsknappheit, der Herold des Hortens und Wiederverwendens ist die Leitfigur von Monika Wagners Materialenzyklopädie. Bei Beuys wird nicht nur nichts weggeworfen, sondern es ist alles von vornherein mit Sinn versehen. Wagners Werk will eine Art Bedeutungswörterbuch sein, und gerade mit jener Art von Bedeutung, die man lexikalisch dingfest machen kann, sind die Dinge bei Beuys auch beispielhaft aufgeladen. Was Filz, Fett, Honig, Schokolade, Seife, Kupfer, Eiche oder Basalt sollen, wird aus diesem Oeuvre hinlänglich transparent. Und zur…

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