Titel · von Susanne Boecker · S. 264 - 267
Titel ,

Belgien

Jos de Gruyter & Harald Thys

Mondo Cane
Kommissar: Föderation Wallonie-Brüssel
Kuratorin: Anne-Claire Schmitz
Ort: Giardini

Jede Gesellschaft hat ihre Ordnung. Und in jeder gibt es Menschen, die dazugehören, und andere, die ausgeschlossen sind. Geregelt wird dieses soziale System über Gesetze, Vorschriften und Normen. Sie geben vor, wie sich das Individuum zu verhalten hat. Wer gegen Gesetze verstößt oder sich nicht normgerecht verhält, wird ausgegrenzt. Dabei werden verschiedenste Sanktionsmöglichkeiten eingesetzt, deren Spektrum im westlichen Kulturkreis von der subtilen Nichtbeachtung bis zur Gefängnisstrafe reicht.

Im belgischen Pavillon führen Jos de Gruyter (geb. 1965) und Harald Thys (geb. 1966) exemplarisch vor, wie so eine Gesellschaftsordnung aussieht. Dazu haben sie ein ganzes Panoptikum höchst eigenwilliger Individuen erschaffen, die ganz grob in die „Guten“ und die „Schlechten“ eingeteilt sind. Die erste Gruppe sitzt vereint in der Mitte des Pavillons. Hier geht jeder seiner (anständigen) Beschäftigung nach. Es wird getöpfert, gebacken, gestrickt, gesponnen, gemalt und musiziert. Landschaftsgemälde an den Wänden unterstreichen die Idylle dieses offenbar funktionierenden Gemeinwesens. Alle anderen nämlich – die Unangepassten und Gefährlichen, die Sonderlinge und Störer – hat man weggesperrt. Sie befinden sich in separaten, durch Gitter abgetrennten Räumen.

Die marionettenhaften Figuren, die sich von Zeit zu Zeit mechanisch in Bewegung setzen, erinnern mit ihrer altmodischen Kleidung und Beschäftigung ein wenig an die Puppen eines Freilichtmuseums. Doch im Unterschied zu solchen historischen Prototypen handelt es sich bei den von Jos de Gruyter und Harald Thys geschaffenen Gestalten keineswegs um austauschbares Personal, sondern um sehr prägnante Individuen mit ganz abenteuerlichen Lebensgeschichten, die alle irgendwo in einem alten Europa spielen, das es so nicht mehr gibt.

Man kann diese Geschichten dem Ausstellungsführer entnehmen. Das kleine Heftchen mit den Kurzbiografien ist ein literarisches Kunstwerk für sich – genial lakonisch, präzise und humorvoll beschreiben die Künstler-Autoren die von ihnen geschaffenen Charaktere. Da gibt es die aus einer alten Töpfer familie stammende Ilse Koch, die es nach vielen Umwegen nach Leverkusen verschlug, wo sie eine Bahnhofs gaststätte mit dem Namen ‚Zum alten Topf‘ betrieb, es gibt den Orgel spielenden Pastor Simons, der mitsamt seiner vier Söhne komplett unter dem Pantoffel seiner Frau steht, Ernst Wollemenger, der im Auftrag des DDR-Staatsicherheitsdienstes in Bahnhöfen, an Bushaltestellen und in Flughäfen im Laufe der Jahre hunderttausende zufällige Passanten bespitzelte, die ewige Querulantin Franceline de Veugeleir oder die im Müll lebende Rattenfrau, deren Anblick man unweigerlich mit dem Tod zu bezahlen hat.

Der Besucher des Pavillons flaniert vorbei an der Welt der „Guten“ und der Welt der „Schlechten“. Doch je mehr er sich mit den einzelnen Lebensgeschichten beschäftigt, umso weniger vermag er die strikte Trennung nachzuvollziehen. Ist denn nicht jeder „anders“? Wo genau hört Normalität auf und fängt Verrücktheit an, wo verläuft die Grenze zwischen Gut und Böse? Jos de Gruyter hat es in einem Interview auf den Punkt gebracht: „Das sind alles Opfer.“

Die Biennale Venedig hat den belgischen Pavillon mit einer „special mention“, einer besonderen Erwähnung ausgezeichnet. (SB)

www.belgianpavilion.be


58. Biennale Venedig: Gespräche

Das Künstlerduo Jos de Gruyter & Harald Thys und die Kuratorin Anne-Claire Schmitz

Traumatisiert durch Zombies

Das Künstlerduo Jos de Gruyter, geboren 1965 in Geel, und Harald Thys, 1966 in Wilrijk geboren, wirft eine gnadenlose Perspektive auf die Realität. Dabei bedienen sie sich diverser künstlerischen Ansätze wie Installation, Video, Zeichnung, Skulptur, Performance und Fotografie.

Heinz-Norbert Jocks: Lass uns mit einem Überblick beginnen. Was hat es mit dem Titel der Ausstellung auf sich?

Jos de Gruyter: Ich glaube, Anne-Claire kann dies als Kuratorin besser zusammenfassen.

Anne-Claire Schmitz: In der Ausstellung mit dem Titel Mondo Cane werden zwanzig Einwohner zusammengebracht. Diese wie ein lokales Volkskundemuseum angelegte Schau knüpft an die Tradition der Weltausstellungen im frühen 19. Jahrhundert an, in denen Bevölkerungsgruppen in Verbindung mit dunklen Vorfällen ausgestellt wurden, die wir wohl alle kennen. Die Figuren in Mondo Cane, von denen ein Teil automatisiert sind, sind in zwei Gruppen unterteilt, die diesen Raum bevölkern. Es gibt eine zentrale Welt, die hauptsächlich von traditionellen Figuren bewohnt wird. Sie machen, was von ihnen erwartet wird. Darunter Handwerker und Frauen, ein Spinner, ein Steinmetz und ein Schuster. Außerdem ist da so etwas wie eine parallele Welt, untergebracht in Nebenräumen hinter Gittern, bestehend aus einer bunten, schrillen, vielfältigen Bevölkerungsgruppe. Darunter Narren, Zombies, Rüpel, Dichter, Psychotiker, Verrückte und Künstler. Beide Welten koexistieren unter einem Dach, ohne dass dies ihnen bewusst wäre. Es gibt keinerlei Interaktion. Soweit meine kurze Einführung.

J.d.G.: Diese mich so behaglich stimmende wie entspannende Ausstellung lässt mich ruhig werden. Jedenfalls ergeht es mir beim Anblick dieser Puppen so, die doch recht sympathisch wirken. Ich habe sie alle in mein Herz geschlossen. Wir kennen sie bereits seit den Anfängen unseres gemeinsamen Kunstschaffens. Sie begleiten uns als Puppen wie auch als reale Menschen in Videos und Filmen.

Worum geht es bei diesem kuriosen Zusammentreffen?

J.d.G.: Das Ensemble im Zentrum des Pavillons stellt die sichere Welt dar, die von Zombies, also von Außenseitern überfallen wird. Mit der Folge, dass die Bewohner in der behaglichen Welt verängstigt und geradezu traumatisiert sind. Sie gehen den Tätigkeiten nach, zu denen sie gezwungen sind, darauf wartend, so überrannt zu werden, wie große Teile Europas es jetzt in Anbetracht der Flüchtlinge empfindet.

A-C.S.: Der Zustand, in dem die menschlichen Figuren geraten sind, entspringt dem Mangel an Perspektiven und der heillosen Furcht vor dem Verlust der eigenen Identität. Das führt dazu, dass sämtliche Pavillonbewohner, sowohl in der zentralen Welt als auch in den Parallelwelten, in einer ewigen Wiederholungsschleife stecken und dass sich ihre tagtäglichen Aktivitäten verlangsamen. Sie sind in ihrer Alternativlosigkeit so gefangen, dass sie wie Paralysierte agieren. Alles in allem stumme Autisten, die von ihrer Traumatisierung nichts merken.

Harald Thys: Ja, das Ganze ist eine autistische Schleife. Da ist auch eine gewisse Tristessezu spüren: Eine Traurigkeit, die einen innerlich berührt. Wenn du, mit dem Auto unterwegs, irgendwo anhältst, wo du es besser unterlassen solltest, kannst du diese Puppen in Echtzeit erleben. Glücklicherweise kannst du wieder einsteigen und abhauen. Es sind derartige periphere Regionen, die im Fokus vieler Politiker sind. Es ist nicht folkloristisch, aber es erscheint so, weil sie keine andere Funktion mehr haben. Der Traurigkeit haftet eine gewisse Schönheit an. Wenn du den Puppen in die Augen schaust, stellst du fest, dass sie dich nicht anschauen. Ihr Blick ist erstarrt, insofern sie keine Pupillen haben. Und weil sie außerstande sind, ihren Blick auf etwas zu richten, sind sie unfähig, miteinander zu kommunizieren. Wie weggetreten sehen sie über einen hinweg ins Leere.

J.d.G.: Was sie charakterisiert, ist eine Art nichtvorhandene Existenz. Diese Gesellen erscheinen mehr wie große Geister.

A-C.S.: Ja, sie bilden so etwas wie eine seltsame, unheimliche Community. Unübersehbar ist dabei aber, dass alles hier völlig künstlich ist. Jeder existiert für sich und ist in sich gefangen und ohne wirklichen Kontakt zu den anderen. Alles in allem eine geschlossene Gesellschaft der Separierten. Ach, wir sind noch gar nicht auf die Zeichnungen eingegangen, welche die Wände zieren. Diese lassen sich genauso wie die Puppen betrachten. Sie haben etwas so Handwerkliches wie Technologisches. Dabei ist Technologie hier niemals Hightech. Denn es gibt Hinweise auf etwas Regressives, obwohl das Werk technologische Eigenschaften hat. Dieses ist quasi in einem Zwischenraum angesiedelt. Die Zeichnungen, von Hand gefertigt, sind durch ein seltsames Werkzeug gefärbt, nämlich mithilfe des Farbpinsels von Photoshop. Bevor sie auf eine Metalloberfläche gedruckt wurden, wurden sie gescannt. Handwerkliches und Technologisches sind hier vermischt. Doch an Stelle des Begriffs des Technologischen würde ich den Begriff des Standartisierten setzen.Auch die Automaten erinnern an Technologie, dabei sind sie recht binär. Sie laufen mehr in einer Schleife, als echte Bewegungen auszuführen.

J.d.G.: Um das aufzugreifen, was Anne-Claire gerade ausgeführt hat, möchte ich das Schweizer Uhrenwerk als Musterbeispiel für die Handwerkskunst heranziehen. Diese ist volkstümlich und zugleich zeitgemäß. Eine Uhr läuft stets im Kreis herum, geht nirgendwo hin und kehrt immer wieder zum gleichen Punkt zurück. Diese Handwerkskunst zeigt die hybride technologische Evolution einer Zivilisation, die, da sie zirkulär ist, nirgendwo hinkann, da sie von Bergen umzingelt ist. Etwas Absurdes haftet dem an.

Mir erscheint Eure Arbeit wie eine Metapher für die Existenz des sich im Kreis seines Tuns drehenden Menschen.

H.T.: Die Arbeit so zu deuten, ist heftig. Doch etwas Wahres ist daran. Dabei haben die Puppen etwas Lustiges. Die Idee, die uns anfangs vorschwebte, war ziemlich bedeutungsschwanger. Es ging um das Thema der Isolation. Alles sollte von einer dunklen Atmosphäre sein. Während wir daran arbeiteten, amüsierten mich einige Szenen extrem. Als ich den Pizzamacher bei seiner Arbeit zusah, konnte ich mich zwei Tage lang vor Lachen nicht mehr einkriegen.

A-C.S.: Die Arbeit von Harald und Jos beruht auf genaue Wahrnehmung der Realität. In der westlichen Welt, in der wir leben, lässt sich beobachten, wie übertrieben sich die Neue Politik auf Tradition und Folklore beruft.

J.d.G.: Übrigens besteht zwischen dieser Arbeit eine starke Verbindung zu früheren Werken. Sämtliche Figuren sind Videos entliehen, die wir vor Jahren drehten. Wir kennen sie seit langem, und sie inspirieren uns immer wieder aufs Neue. Und wenn sie gestorben sind, werden sie von uns zu neuem Leben erweckt. Einer Figur schenkten wir das ewige Leben als Maler.

H.T.: Seit gut 15 Jahren spielten wir auch mit dem Gedanken, eine Statue für eine Persönlichkeit zu machen, die in Videos mitspielt. Arm, träumte sie vom Aufstieg als Schauspieler in Hollywood. Sie beschied sich aber damit, ihren Traum zu genießen. Für uns ist sie ein wahrer Künstler und Romantiker voller Bescheidenheit. Wusstest du eigentlich, dass Eulen in den Bäumen der Giardini hausen. Deren Gesang im Ohr fantasieren wir, was wohl wäre, wenn die Figuren im Pavillon nachts deren Lieder draußen hörten?

von Heinz-Norbert Jocks

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