Titel · von Heinz-Norbert Jocks · S. 240
Titel ,

Großbritannien

Cathy Wilkes

Kommissarin: Emma Dexter
Kuratorin: Zoe Whitley
Ort: Giardini

Anlässlich der 58. Biennale Venedig zeigt Großbritannien eine Einzelausstellung von Cathy Wilkes. 1966 in Dundonald, Belfast, Nordirland geboren, lebt und arbeitet die Künstlerin heute in Glasgow, Schottland. Im wahrscheinlich entscheidenden Jahr des „Brexits“ eine sicher nicht ganz unpolitische Wahl. Keine Hommage an ein Lebenswerk, aber auch keine radikal zeitgenössische Präsentation, ist die Schau eine typische Mid-Career-Veranstaltung, die das Augenmerk auf eine Künstlerin lenkt, deren Werk gerade erst entdeckt wird. So erhielt Cathy Wilkes 2016 den erstmals vergebenen Maria Lassnig Preis und zeigte vor zwei Jahren im MoMA PS1, New York ihre bis dahin größte Soloshow.

Und jetzt also der Auftritt auf der Biennale. Wilkes hat dafür ein ganzes Konvolut neuer Arbeiten entwickelt – skulpturale Installationen, Gemälde, Drucke und Arrangements kleinerer Objekte. Die Inszenierung in den wunderbar lichten Räumen des Pavillons wirkt auf den „ersten Blick“ luftig, leicht und schwerelos. Eine mit Gaze bespannte rechteckige Konstruktion, getrocknete Pflanzen, ein kleiner Kunstdruck, Kinderfiguren mit runden Köpfen und geschwollenen Bäuchen, zartfarbige abstrakte Gemälde, Putzlumpen, Landschaftsmalerei, eine Art „Gute Stube“ mit Kristallglas, Porzellan und Spitzendeckchen, eine Frauengestalt, barfüßig, in einem grünen, abgetragenen Kleid …

Spätestens beim Blick auf die verkrampften Zehen dieser kopflosen, verhärmten Gestalt, an deren Gewand Miniaturfotos Suppe löffelnder Kinder geheftet sind, bekommt man ein Gefühl für das häusliche Drama, für das Nicht-Sein hinter dem schönen Schein, für die Anstrengungen, die notwendig sind, um „das alles“ irgendwie zusammen und am Leben zu erhalten. Wer genau hinschaut, der entdeckt am Boden nicht nur eine winzige Blumenvase mit künstlichen Maiglöckchen, sondern auch dreckige Putzlappen und verwischte Blutstropfen.

„Soll ich schreien oder den Sozialdienst rufen?“, titelte der Guardian angesichts dieses stillen häuslichen Dramas. Das ist vielleicht dann doch etwas übertrieben. Denn in den Ausstellungsräumen spürt man weniger eine akute Not, als vielmehr einen Stillstand, ein stummes Verharren, eher Melancholie als nackte Verzweiflung. „Ich trauere immer wieder lange um Dinge. Bei der Arbeit geht es darum, immer wieder auf etwas zuzukommen, das du nicht ganz verstehst,“ hat Cathy Wilkes in einem ihrer seltenen Interviews gesagt.

Dieses Nicht-Ganz-Verstehen wird wohl jeder Besucher dieser Ausstellung als Erfahrung mitnehmen – zugleich ahnend, dass er hier auch Zustände wahrgenommen hat, die ihm aus seinem eigenen Leben vertraut sind. Letztendlich berührt Cathy Wilkes mit ihren zarten Arbeiten große Themen. Sie spürt den Widersprüchen des Lebens nach, kreist um Sehnsucht und Erfüllung, Hunger und Sattheit, Geborgenheit und Heimat, Leben und Tod. Und findet nichts als die Flüchtigkeit des Lebens, das so schnell verschwindet und verblasst wie die roten Flecken auf dem Parkettfußboden des englischen Pavillons. (SB)

https://venicebiennale.britishcouncil.org


58. Biennale Venedig: Gespräche

Zoe Whitley

Nichts ist zu Trivial für Tiefe Kunst

Als Kuratorin für internationale Kunst an der Tate Modern, vor der sie als wissenschaftliche Kuratorin tätig war, engagiert sich Zoe Whitley für die Darstellung eines globalen Blicks auf Kunst. Letzten Sommer war sie Co-Kuratorin des Projekts Soul of a Nation: Art in the Age of Black Power Ausschlaggebend für Whitleys Interesse an Kunst waren ein J. Paul Getty-Stipendium und ein Mellon-Stipendium. Nachdem sie in diesem Jahr bei Lubaina Himid promovierte, wurde sie zur Kuratorin des britischen Pavillons in Venedig ernannt, wo sie Cathy Wilkes zeigt. Diese, 1966 geboren, ist eine nordirische Künstlerin aus Glasgow, die 2017 den Maria Lass-nig-Preis gewann und 2008 für den Turner-Preis nominiert wurde.

Heinz-Norbert Jocks: Magst du mir eine Einzelführung durch die Ausstellung geben?

Zoe Whitley: Ja, lass uns mit der zentralen Idee beginnen. Danach begleite ich dich durch den Pavillon. Eigens für Venedig hat Cathy Wilkes für sechs Räume eine ganz neue Gruppe von Werken geschaffen. Darunter sieben neue Gemälde und drei Monoprints, die sich alle voneinander unterscheiden. Sie bilden keine Reihe, sondern sind für sich stehende Unikate, also einzigartig. Außerdem auf dem Boden stehende Skulpturen und Installationen, die Arrangements von Gegenständen einschließen. Dadurch, dass Cathys Arbeitspraxis sowohl Malerei als auch Bildhauerei umfasst, zeugen ihre Gemälde von einer bildhauerischen Sensibilität. Ihr ist wichtig, und sie achtet stark darauf, wie ihre Werke von den Betrachtern in einer dreidimensionalen Situation erlebt werden. Das zeigt sich daran, dass die Farbtöne der Aprikosen in den Stillleben sehr feinfühlig auf das venezianische Tageslicht abgestimmt sind. Es gibt Bereiche in der Ausstellung, wo wir, wie im dritten Raum, den bildhauerischen Werken begegnen. Dort siehst du eine große Figur in grünem Taftkleid mit einem kleinen grünen Topfreiniger inmitten eines Haufens ausrangierter Handtücher. Hier wurde die farbliche Gestaltung der bildhauerischen Präsentation mit einer Finesse und Eleganz behandelt, wie wir sie von einem guten Maler hinsichtlich des Umgangs mit Komposition und Farbtönen kennen.

Könntest du detaillierter, mehr inhaltsbezogen über die Arbeiten reden?

Ihre Werke sind zutiefst spirituell. Manchmal sind die Figuren so gestaltet, dass von ihnen eine sanfte Menschlichkeit ausgeht. Darüber hinaus hat ihre Kunst etwas Obskures. Sie zeichnet sich vor allem durch ein ausgeprägtes Gespür für das venezianische Tageslicht aus, da es ihr auf die von ihm erzeugten Stimmung ankommt. Sie nimmt keine Abgrenzung zu dem vor, was wir womöglich als klein, kitschig, niedrig oder sentimental erachten, wie etwa ein Print, zufällig gefunden in einem Secondhandshop, oder eine kleine Vase mit Plastikmaiglöckchen. Alle diese Elemente sind wichtig, um das Ganze zu verstehen.

Könntest du auf eine Arbeit genauer eingehen, um sie verständlicher zu machen?

Im Grunde verbietet es ihr Werk, weil alles in der Absicht konzipiert wurde, um als komplettes Ensemble erlebt zu werden. Es ist deshalb einfacher, und ich glaube womöglich auch genauer, wenn wir über die Gefühle oder Empfindungen reden, die durch den Anblick von allem ausgelöst werden, statt die verschiedenen Elemente zu separieren und für sich zu betrachten. Wir können uns den Bildern widmen, deren Ausdruckskraft sich der Schlichtheit und Präzision der Präsentation verdankt. Aus kuratorischer Sicht kann ich ein paar Dinge näher ausführen, indem ich benenne, was wir weggenommen haben. Der Raum ist stark lichtdurchflutet, weshalb wir das elektrische Licht komplett ausgeschaltet haben. Dadurch kommt der ständige Wechsel des Tageslichts zur Wirkung, so dass der Raum die natürlichen Wetterverhältnisse widerspiegelt. An einen sonnigen Tag wie heute nimmt das in den Raum hereinströmende Licht starken Einfluss auf das Erleben der Bilder. An anderen Tagen ist es kalt, feucht oder diesig. Dadurch, dass wir das natürliche Licht die ganze Spannbreite seiner Wirkung entfalten lassen, ändert sich die dem Raum innewohnende Stimmung. Dadurch wird das ganze Register unserer Empfindungen angesprochen. Mit jedem Moment ist es etwas anders. Mit diesen Werken hat Cathy eine so gründliche wie tiefsinnige Praxis weitergeführt, welche die verschiedensten Aspekte unserer Menschlichkeit zum Vorschein bringt. Es geht darum, wie wir Dinge betrauern, sowie um die Brutalitäten, mit denen wir umzugehen haben. Die Art, wie das gemanagt wird, ruft eine Art Sanftheit hervor. Derart, wie die Figuren und Gemälde mit den auf dem Boden stehenden Dinge interagieren, die beinah wie Opfergaben anmuten. Das macht die Stärke der Werke aus.

In welcher Beziehung stehen die neuen Werke in Venedig mit früheren?

Sie sind voll und ganz miteinander verbunden. Cathys Arbeit behandelt Themen von Häuslichkeit, aber keineswegs in einem sicheren oder gemütlichen, mehr in dem Sinne von häuslicher Arbeit und von Haushaltspflichten, die erledigt werden müssen. Dazu gehört, wie man putzt oder sich um jemanden kümmert, der krank, gebrechlich oder alt ist. Wer mit Cathys Arbeit vertraut ist, bemerkt, wie intensive alles zusammenhängt und wie sie ihre Sujets weiterentwickelt. Sie setzt sich mit der unserer Menschheit inhärenten Brutalität und Gewalt auseinander, und ihr gelingt das auf untheatralische wie unbrisante Weise, indem sie den Fokus auf den inneren Schmerz und die Momente der Selbstreflexion richtet. Diesen wird so viel Raum wie möglich eingeräumt. Es kam uns darauf an, dass die Besucher sich den Werken intentionslos und ohne Barrieren annähern können. Alles in allem versteht sich dies als Einladung zur Zwiesprache mit dem Dargebotenen.

Was ist die spezielle, den neuen Arbeiten zugrundeliegende Idee?

Es fällt mir schwer, die Idee dahinter auf ein schlagkräftiges Tweet herunterzupressen. Der Sinn ihrer Werke liegt in der tiefen Erwägung des Sich-für-einander-Aufopferns sowie in dem, was die Würde und den Schmerz von Arbeit ausmacht. Und noch viel mehr Themen, die so präsentiert sind, dass jeder Besucher, seine eigenen Erfahrungen machend, sich herauspicken kann, was er will. Am Anfang des Heftchens zur Ausstellung gibt Cathy eine kleine Erklärung ab, die sie mit „Liebe Zuschauer“ auf Englisch und Irisch-Gälisch beginnt. Sie ist in der Lage, ein Gefühl von Abwesenheit, Vertreibung und Dislokation anzusprechen. Als Künstlerin hat sie kein Bedürfnis, ihr Werk zu verschleiern oder sich dahinter zu verstecken. Deshalb wird keinerlei Interpretation mitgeliefert. Jedem ist selbst überlassen, was er für sich daraus zieht.

Was für Erfahrungen brachte Cathy zu der Beschäftigung mit diesen Themen?

Ich kann nicht für sie sprechen, und sie selbst würde sich der Frage verweigern. Natürlich habe ich meine eigene Erklärung. Denn während der letzten anderthalb Jahren, in denen wir in Venedig, ebenso in Glasgow in ihrem Atelier viel Zeit miteinander verbrachten, unterhielten wir uns viel über die Präsentationsform und darüber, dass wir alles wollen, nur keine Festlegung der möglichen Wirkung.

Ich wüsste gerne mehr über die Erfahrungen, die Cathy dazu brachten, sich dieser Themen anzunehmen?

Ihre Werke sind weder autobiographisch noch konfessionell. Deshalb kehre ich immer wieder zu den größeren Themen wie Mutterschaft, Trauer und Pflege zurück. Die Tendenz zu denken, es gäbe eine enge Korrelation zwischen dem Präsentierten und dem, was sich im Innern desjenigen abspielt, der das geschaffen hat, ist weit verbreitet. Mit diesem Deutungsansatz stößt man bei Cathy auf Granit. Selbstverständlich weiß ich ein bisschen um ihre persönliche Geschichte. Aber ich kann darauf nicht in ihrem Namen antworten und habe das Gefühl, du würdest lieber mit ihr das Interview führen. Ich kann dir versichern, dass ihre inneren Beweggründe nicht Teil des hier Gezeigten sind. Genau das ist der Garant für die anhaltende Unklarheit ihrer Werke. Besser weiß ich auf deine Frage nicht zu antworten. Cathy möchte nichts interpretiert haben.

von Heinz-Norbert Jocks

Weitere Artikel dieses/r Autors*in