Titel · von Anneli Botz · S. 386
Titel ,

Da ist doch noch mehr drin

Die Collateral Events der Venedig Biennale 2019

von Anneli Botz

Während der Venedig Biennale gibt es wie immer viel zu sehen, und nicht nur in den Hauptausstellungsbereichen in den Gardini und den Arsenalen, sondern auch im Rahmen der Collateral Events, die sich über die gesamte Stadt verteilen. In diesem Jahr sind es allein einundzwanzig dieser zusätzlichen Ausstellungsprojekte, die die Venedig Biennale öffentlich begleiten. Hier eine Auswahl jener, die besonders beeindruckten.

 

THE DEATH OF JAMES LEE BYARS
Chiesa di Santa Maria della Visitazione

Die Unbegreiflichkeit des eigenen Todes zu meistern, zählt für den Menschen zu den größten Herausforderungen seines irdischen Daseins. Für den amerikanischen Performance Künstler James Lee Byars (1932 – 1997) wurde sie zu einem Kernthema seiner künstlerischen Praxis. Immer wieder konfrontierte er das Paradox der Fragestellung: Wie kann man den Moment des eigenen Todes in der Kunst darstellen, ihn gar durchleben, und so vielleicht besser verstehen, in gewissem Sinne Linderung verschaffen? In seiner 1994 uraufgeführten Performance The Death of James Lee Byars setzte der in Detroit geborene Künstler, dem Tod ein erstes Denkmal. In der Galerie Marie-Puck-Broodthaers in Brüssel begab er sich, eingekleidet in einen goldenen Anzug, mit schwarzer Augenbinde und dem für ihn typischen schwarzen Zylinder, in einen mit Blattgold überzogenen Raum. In der Mitte des Galerieraumes erwartete ihn ein ebenfalls goldener Sarkophag, auf den sich Byars zu einer Meditation niederlegte, die den Moment des Scheidens aus der Welt konzeptuell zu exerzieren suchte.

Es war der Versuch eines „perfekten Todes“, in Anwesenheit von Freunden und Sammlern, bei absolutem Bewusstsein im Hier und Jetzt. Einzige Anleitung des Künstlers: „Man lege sich ruhig hin und stehe ruhig wieder auf“. Byars selbst starb 1994 in Kairo an Krebs, aber seine zum Memento Mori gewordene Performance feiert in diesem Jahr in Venedig eine Wiedergeburt. Hier, im spirituellen Umfeld der barocken Chiesa di Santa Maria della Visitazione im Stadtteil Dorsoduro, fällt ein Moment der Kontemplation leicht. Dort, wo einst Byars, in Gold aufgebart, lag, kennzeichnen heute fünf Diamanten den Umriss des Künstlers. Aus Lautsprechern erklingen parallel die Klänge des libanesischen Komponisten Zad Moultaka, ‚Vocal Shadows‘, und in der Mitte des Saals erstrahlt der goldene Raum, der in der Abwesenheit des Künstlers, seine Gegenwart umso mehr spürbar werden lässt.

Chiesa di Santa Maria della Visitazione, Fondamenta Zattere ai Gesuati, 919A, Venedig, Förderer: Vanhaerents Art Collection, Kurator: Walter Vanhaerents, bis 24. November 2019
www.vanhaerentsartcollection.com

 

 

LUC TUYMANS – LA PELLE
Palazzo Grassi

Wer sich die Luc Tuymans Ausstellung La Pelle im Palazzo Grassi anschauen will, muss an manchen Tagen ein wenig Geduld mitbringen. Relativ lang zieht sich zuweilen die Schlange durch die Eingangstüren in den Palazzo, in dem seit 2006 die Sammlung des französischen Kunstmäzen Francois Pinaults in wechselnden Ausstellungen gezeigt wird. Aber dann lohnt es sich! Gleich in der Mitte des lichtdurchfluteten Atriums darf der Besucher über ein übergroßes Mosaik schreiten. Über achtzig Quadratmeter nimmt die Arbeit Schwarzheide ein, die eigens für den Palazzo Grassi angefertigte wurde. Es handelt sich um die Reproduktion eines Gemäldes Tuymans, das seine Inspiration in einer Zeichnung Alfred Kantors fand, einem Überlebenden des deutschen Arbeitslagers Schwarzheide. Wirklich fassen kann man dieses beeindruckende Kunstwerk, das aus 200.000 per Handarbeit ausgeschnittenen Mosaikstückchen besteht, aber erst, wenn man die ausladenden Treppen des Palazzo, der architektonisch zwischen Spätbarock und Klassizismus schwankt, emporsteigt.

Von hier geht es weiter, zu den über achtzig Arbeiten Luc Tuymans, die in Venedig in Zusammenarbeit mit Kuratorin Caroline Bourgeois versammelt wurden. Luc Tuymans, der 1958 im belgischen Mortsel geboren wurde, stammte aus einer Familie, deren Familie auf einer Seite für den Widerstand gegen die Nationalsozialisten gekämpft hatte, die den Nationalsozialisten auf…

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