Relektüren · von Rainer Metzger · S. 330 - 331
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Folge 56

Rainer Metzger

„Schwer auszumalen, was die Kristeva 1980 von Sollers denkt. Mag sein, dass in den sechziger Jahren sein histrionisches Dandytum, seine ach so französische Freizügigkeit, seine pathologische Aufschneiderei, sein Halbstarken-Pamphletstil und seine Bürgerschreck-Mentalität eine frisch aus Osteuropa hereingeschneite junge Bulgarin faszinierten. Es ist durchaus vorstellbar, dass sie sich fünfzehn Jahre später nicht mehr davon bezaubern lässt, aber wer weiß? Offenkundig scheint ihr Bündnis stabil zu sein, hat anfangs funktioniert und funktioniert noch immer, ein eingeschworenes Gespann, wo jedem klare Rollen zugewiesen sind. Ihm das Eindruckschinden, das Mondäne und ein gewisses clowneskes Etwas. Ihr der vergiftete slawische Charme, das Eisige, das Strukturalistische, die untergründigen Vorgänge im Universum der Universität, wie man mit dem Beamtenapparat zurechtkommt, die technischen, institutionellen und natürlich die bürokratischen Aspekte ihres Aufstiegs. (Er kann nicht mal ‚eine Postschecküberweisung ausfüllen‘, erzählt man sich.)“

Der Plauderei könnte noch seitenlang so weitergehen, und am Ende von Laurent Binets „Die siebte Sprachfunktion“, das ein Roman ist und ein schier gastronomisches Durch-den-Kakao-Ziehen des speziell französischen Theoriebetriebs, ist nicht nur der Tod von Ronald Barthes ein Mord gewesen, sondern auch ein Abendessen rekonstruiert, das Julia Kristeva und ihr Mann Philippe Sollers für die üblichen Eingeladenen veranstaltet haben sollen. Bernard-Henri Lévy schleppt schließlich Jacques Lacans Freundin ab, Sollers träumt von einer „Orgie, die nicht stattgefunden hat“, Louis Althusser verabschiedet sich – noch, doch das wird sich einige Wochen später ändern – gemeinsam mit seiner Frau Hélène, nicht bevor „die Kristeva“ die durch und durch bürgerliche Angelegenheit mit „einer Aprikosentarte und einem Kirschsoufflé“ auf den Punkt…

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