Gespräche mit Künstlern · von Heinz-Norbert Jocks · S. 184
Gespräche mit Künstlern ,

Luc Tuymans

Das Auftauchende und das Verschwindende

Ein Gespräch von Heinz-Norbert Jocks

Luc Tuymans, heute einer der weltweit angesehensten und eigensinnigsten Maler Belgiens, gehört zu den Künstlern, die mit ihrem Werk Anfang der 90er Jahre die Rückkehr zur totgesagten figurativen Malerei einläuteten. Mit dem Neo-Expressionismus hatte er nie etwas am Hut. Seine Malerei berührte sich auch nicht mit Gerhard Richters Reaktion auf Fotografie als Konkurrenz zur Malerei. Im Gegensatz zu Markus Lüpertz, Jörg Immendorff, Georg Baselitz und Anselm Kiefer badete Tuymans nie in der Farbe. Vielmehr reduzierte er die Farbpalette auf ein essentielles Minimum. Ist sein Farbspektrum eher begrenzt, so fällt die thematische Bandbreite umso größer aus. Sie reicht von der Darstellung trostloser Landschaften, verlassener Villen, von Topfpflanzen und Lampenschirmen bis hin zur kritischen Auseinandersetzung mit politischen Persönlichkeiten, historischen Ereignissen und kollektiven Traumata.

Heinz-Norbert Jocks: Wie jeder Mensch hast auch du bereits als Kind gezeichnet. Warum hast du nie damit aufgehört?

Luc Tuymans: Wenn ich auch nicht autistisch war, so war ich als Kind doch sehr auf mich konzentriert. Ich zeichnete obsessiv. In gewisser Weise kündigte sich damals an, dass das Zeichnen eine besondere Rolle für mich spielte. Ich war mir aber nicht dessen bewusst, dass ich auf dem besten Weg war, Maler zu werden. Die Idee, Malen zum Beruf zu machen, kam von meinem Lehrer und dadurch, dass ich von der Akademie angenommen worden war. Ich dachte anfangs aber mehr an Design als an Malerei, weil die Aussichten, von Kunst zu leben, nicht gerade rosig waren. Es war mein Glück, von einem Professor, einem begeisterten Pädagogen im Zeichnen unterrichtet worden zu sein, einem alten Bildhauer ohne großen Bekanntheitsgrad, der mir sagte, ich hätte das Zeug zum Künstler. Damals war ich siebzehn. Meine ersten Gemälde machte ich als Vierzehnjähriger. Das 1972 entstandene Bild „Needles“ hängt übrigens im National Museum of Art in Osaka. Das war der erste Versuch, mit Material zu arbeiten.

Auf dem Gipfel des Glücks sind alle Träume zerplatzt. Man bedarf der inneren Verunsicherung, um etwas zu tun.

Was hat dich malen lassen? Was waren und sind die inneren Beweggründe?

Es hat mit meiner Obsession im Umgang mit Bildern zu tun. Bereits als Sechsjähriger zeichnete ich aus dem Gedächtnis Gäste und Freunde meiner Eltern, nachdem diese das Haus verlassen hatten. Mir kam es darauf an, Bilder zu bewahren. Das entsprach meiner Form der Auseinandersetzung mit der Welt.

Warum genügten dir die Erinnerungen an Personen, Situationen und Szenen nicht? Was bewog dich dazu, diese aus dem Gedächtnis zu zeichnen?

Mich reizte das Nachzeichnen des mir Eingeprägten, also die Aufbewahrung des Nachbildes von etwas Abwesendem, das dadurch anwesend bleibt, mehr als der direkte Kontakt und alles Psychologische. Allein das Bild zählte. Dabei sind diese Bilder organisch entstanden. Dem Ganzen ging eine Bildvorstellung voraus, wie es aussehen soll. Diese versuchte ich durch Malen hervortreten zu lassen.

War das Zeichnen…

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