Titel: Kunstnatur I Naturkunst ,

Mariko Mori

Vorwärts zur Natur

von Gunnar Schmidt

NATUR-MYSTIK, NATUR-ÄSTHETIK

Der Begriff „Natur“ tendiert zur Mystik – denn in ihm ist die Idee einer Totalität eingekapselt, die sich weder konzeptuell noch als Vorstellungsbild vollständig begreifen lässt. Wie mit den Begriffen „Welt“, „Sein“, „Mensch“ oder „Leben“ wird mit „Natur“ etwas ins Spiel gebracht, das zu groß und zu konturlos ist.1 Wer „Natur“ denkt, bekommt es entweder mit einer Vielzahl heterogener Einzelassoziationen zu tun, wird zur Recherche in der philosophischen und wissenschaftlichen Begriffsgeschichte genötigt oder gerät in unkritische Schwärmerei.

Was am Begriff problematisch ist, wird für Künstler, die mit ihm arbeiten, zum risikohaften Wagnis: Natur als Darstellungsgegenstand, als zu reflektierender Erfahrungsraum oder als ästhetisches Vorbild basiert unausweichlich auf exkludierenden Entscheidungen, aus denen erst anschauliche Formen gewonnen werden können. Diese Natur-Bilder sind immer weniger als das Ganze und stehen im Verdacht des Vorurteils, gar der Ideologie.

Die Reduktion und Simplifizierung durch Ästhetisierung kann in Gegenperspektive aber ebenso als Gewinnstrategie aufgefasst werden. Kategorialer ausgedrückt: Kunst ist nicht verpflichtet, Begriffe zu beglaubigen. Auf der Basis vielfältiger Deutungen des Konzepts „Natur“ kann Kunst zeitgenössische Beiträge entwickeln, die den Weg zurück zur Erfahrung nehmen. Mit geschärftem Bewusstsein für konkurrierende Naturbegriffe und Gegenwartsanliegen mag es Kunst gelingen, Werke zu generieren, die eine Horizontsensibilität auf Zukünftiges hin entwickeln. Die ästhetische Artikulation unterläuft die Unbezogenheit des Begriffs „Natur“ und kann zur reicheren Diversifikation von Natur-Wahrnehmungen beitragen.

ZURÜCK ZUR NATUR?

Ein Beispiel für die Dialektik aus Begriffsinspiration und Erlebbarkeit, Idee und Kunstwerk liefert die 2010 von der japanischen Künstlerin Mariko Mori gegründete Faou Foundation. Ziel der Stiftung ist…

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