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Fragen zur Zeit · von Michael Hübl · S. 42 - 45
Fragen zur Zeit ,

Fragen zur Zeit
Mund – Nase – Augen

Michael Hübl
In einer digitalisierten Gesellschaft mit allgemeiner Maskenpflicht erhält die Vertrauenswürdigkeit visueller Wahrnehmung zentrale Relevanz

Zwei dicke schwarze Punkte auf mausgrauem Grund: Man kann die Rückseite des Katalogs, der 1995 Heiner Blums Ausstellung in den Kunsthalle Baden-Baden begleitete, als Paraphrase auf das Blindenzeichen1 lesen. Die Vorderseite des Covers unterstützt diese Assoziation. Oder soll man an eine Sonnenbrille mit Pop-star-artig runden Gläsern denken? Auf jeden Fall geht es um das Sehen, wie der Titel der kleinformatigen kompakten Publikation nahelegt: „Augentauschen“ nannte Blum seine Ausstellung.2 Ein genuines Thema bildender Kunst: Das Auge als das Zentralorgan visueller Wahrnehmung war immer wieder Gegenstand künstlerischer Reflexion. Die Auseinandersetzung bezieht sich auf den Mythos von Argos und dessen durch Musik fatal erschlaffte hundertäugige Wachsamkeit, umfasst Malereien wie die von Domenico Beccafumi3 oder Jacopo Palma d. J.,4 in denen die Hl. Lucia als Symbol ihres Martyriums den Betrachtern ein Tablett mit zwei Augen entgegenhält, und findet ihre moderne Fortsetzung etwa in der Aktion „Ich kann keine Kunst mehr sehen!“ von Timm Ulrichs, der 1975 als „Sandwich-Man“ mit Blindenstock und der dreifach schwarz gepunkteten gelben Armbinde über den Internationalen Kunstmarkt Köln wandelte.

„Augentauschen“: Das poetisch anmutende Substantiv tangiert weitere Konnotationsfelder, über denen Odilon Redons „Œil-ballon“ (1878)5 als gigantischer Augapfel schwebt oder auf denen „Un chien andalou“ (1929) des Duos Luis Buñuel / Salvador Dalí bellt und daran erinnert, dass da ein Mann einer vor ihm sitzenden Frau mit dem Rasiermesser durchs Auge schneidet. Blums Wortschöpfung „Augentauschen“ rührt außerdem an Fragen der Identität,…

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